Erkelenz-Golkrath: Erkelenzerin päppelt Schwalben mit der Pinzette auf

Erkelenz-Golkrath: Erkelenzerin päppelt Schwalben mit der Pinzette auf

In der Regel ist es nicht verwunderlich, dass ein Opa stolz auf seine Enkelin ist und sie für eine ganz tolle kleine Dame hält. Im Fall von Willi Peters ist dies aber keine übertriebene Gefühlsduselei. Denn die 14-jährige Emily Kretschmer hat wirklich etwas geschafft, das so kaum jemand für möglich gehalten hätte.

„Am ersten Ferientag fand Emily auf dem Bordstein ein zerstörtes Schwalbennest, daneben fünf kleine, nur wenige Tage alte Schwalben. Drei waren bereits tot, eine am Bein verletzt und nur eine schien unverletzt zu sein“, erzählt der Großvater.

„Ich habe sie auf dem Heimweg von der Schule, nur zwei Minuten von Zuhause, gefunden. Ich bin nach Hause gerannt und habe einen Schuhkarton geholt“, sagt Emily. „Das war echt hardcore“, sprudelt es gleich weiter aus ihr heraus. Vor allem deshalb, weil nur wenig später schon 13 Neunjährige vor der Tür standen, um mit der kleinen Schwester Lilly Geburtstag zu feiern.

Was noch auf Emily zukommen würde, ahnte sie zu dem Zeitpunkt nicht. Stundenlang wurde im Internet recherchiert, unzählige Telefonate mit angeblichen und tatsächlichen Experten wurden geführt. Der allgemeine Tenor bei allen Informationen war, dass die Aufzucht von Schwalben für einen Laien sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich sei. „Weil wir im Internet keine geeignete Lösung fanden, durfte ich die Schwalben behalten, das war Glück“, freut sich das Mädchen immer noch.

Ausgerechnet Schwalben, meint Großvater Willi, deren Nahrung ja ausschließlich aus im Fluge gefangenen Insekten bestehe! „Wir alle waren der Meinung, dass dies wohl ein unmögliches Unterfangen sei.“ Noch komplizierter wurde die Lage, weil Emily schon wenig später für fünf Tage am Edersee eine Ferienfreizeit auf einem Reiterhof verbringen musste.

Da war denn Mutter Elke gefragt. Sie nahm die Vögelchen täglich mit zu den Ferienspielen in Golkrath, die sie stets mit organisiert. Für die Kinder eine kleine Sensation. Manche, glaubt sie, seien fortan zu Hause nur noch mit der Fliegenklatsche herumgelaufen, um den kleinen Lieblingen, die alle schnell ins Herz geschlossen hatten, täglich Frischfutter mitbringen zu können.

Entgegen aller Meinungen ließ sich Emily nicht entmutigen. „Ich hatte sie zunächst in meinem Zimmer, aber morgens um sieben begannen sie schon zu piepsen“, sagt die 14-Jährige. Der Umzug ins Gartenhaus sollte sich als ideal herausstellen, weil die Vögel hier auch erste Flugversuche starteten.

Die ganze Familie, Freunde, Verwandte und Bekannte gingen mittlerweile schon mit den Fliegenklatschen auf die Jagd. Die Beute, mehrere 100 Fliegen, wurden täglich abgegeben. Unterstützt wurde Emily aber auch von einer Zoohandlung, die sie zum Selbstkostenpreis mit Futter versorgte. In nur drei Wochen verputzten die kleinen Mehlschwalben alleine 1000 Heimchen sowie Unmengen an Mehlwürmern und natürlich immer wieder Fliegen, Fliegen, Fliegen. Eine wahre Mammutaufgabe.

Drei waren bereits tot

„Wir hatten den Eindruck, von den Fliegen wurden sie gar nicht satt“, sagt Emily. Anfangs mussten sie rund um die Uhr jede halbe Stunde mit einer Pinzette gefüttert werden, später dann jede Stunde. Was niemand ernsthaft zu hoffen gewagt hatte, geschah: Die Kleinen entwickelten sich prächtig. Nach etwa zehn Tagen hatten sie schon ein richtiges Federkleid.

„Sie flatterten ganz aufgeregt mit den Flügeln, wenn meine Enkelin zum Füttern kam“, sagt Willi Peters. „Ein paar Tage später konnten sie schon sicher auf ihrem Finger oder auf einem kleinen Ast im Karton sitzen. Auch die Verletzung der einen Schwalbe war völlig ausgeheilt.“

Langsam keimte die bange Frage auf, was würde geschehen, wenn die Schwalben in die Freiheit entlassen werden? Ein erfahrener Vogelkundler den die Familie im Internet kennengelernt hatte und bei dem sie sich telefonisch manchen guten Tipp geholt hatte, machte Emily Mut. Da es sich um Mehlschwalben handelte, bestünde durchaus eine reelle Chance, dass sie von Artgenossen kurzzeitig adoptiert würden, bis sie sich selbst versorgen könnten, hatte dieser erklärt.

Und dann kam er auch schon bald, der Tag der Trennung, den alle ersehnt und dennoch gefürchtet hatten. Doch alle Ängste sollten sich in Wohlgefallen auflösen. Emily setzte die beiden gut entwickelten Vögelchen auf ihren Zeigefinger, trat aus dem Gartenhaus heraus und ehe sie „Tschüss“ sagen konnte, schossen sie wie Pfeile in den Himmel, schlossen sich einem kleinen Schwalbenschwarm aus der Nachbarschaft an und wurden nicht mehr gesehen.