Kreis Heinsberg: Eine Laudatio aufs Plattdütsch im Heinsberger Land

Kreis Heinsberg : Eine Laudatio aufs Plattdütsch im Heinsberger Land

Heimatabend. Das klingt nach Lieblingsessen, nach einem Treffen mit Freunden, nach Angekommensein. Heimatabend ist dann, wenn Menschen zusammen sind, die etwas verbindet, eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame Sprache. Mal sitzen da 20, 30 Menschen wie bei der Klängerstube in Wegberg, mal mehr als 200 wie in der Begegnungsstätte in Wassenberg.

Mal trifft man sich monatlich, mal nur ein oder zwei Mal im Jahr. Aber immer spricht zunächst einer und die anderen lauschen bevor sie sich austauschen — über die alten Zeiten, aus denen die Zuhörer, die Sprache und die Geschichten stammen. Wie die vom Schottels-plock. Das ist ein Tuch, das früher für alles benutzt wurde, zum „Afwäsche“, „Afputze“ und „afdrüje“ und, naja, bei Bedarf auch zum Kinderrotznasenreinigen.

Wenn bei einem Heimatabend im Heinsberger Land das Mikrofon auf der Bühne angeschaltet wird, dann gibt es Menschen, die ein wenig häufiger dahinter sitzen als andere: Agnes Winkens, Magda Hausmann und Karl Lieck zum Beispiel.

Über Karl Lieck müsste man eigentlich nichts mehr schreiben, so oft taucht sein Name in der Zeitung auf. Dann geht es abwechselnd um seine Verdienste als Heimatforscher, als Kinderchorleiter, als Sänger, als Schütze, als Sportler, als Büttenredner und so weiter. Erst im Frühjahr dieses Jahres hat der ehemalige Volksschullehrer den Rheinlandtaler erhalten, mit dem der Landschaftsverband Rheinland Menschen auszeichnet, „die sich in besonderer Weise ehrenamtlich um die Kultur in der Region Rheinland verdient gemacht haben“.

Karl Lieck hat auch den „Plattdütsch Oavend“ des Heimatvereins Wassenberg mit aus der Taufe gehoben und von 1998 bis 2011 geleitet. Heute tritt der 87-Jährige immer noch auf. Und singt. Für fast jeden Wassenberger Heimatabend hat er ein Lied geschrieben. 30 sind es bisher. Die meisten gibt es auch auf CD. Auch das Lied für den Heimatabend im November ist bereits fertig.

Agnes Winkens war von Anfang an seine Partnerin beim Heimatabend in Wassenberg. Die heute 92-Jährige hat erst spät mit dem Schreiben angefangen. Nachdem die gebürtige Myhlerin Abitur gemacht hatte, wollte sie eigentlich Apothekerin werden, aber für junge Frauen gab es zum Kriegsende 1947 keine Studienplätze. Und so landete sie doch in einem Büro, was sie eigentlich nie wollte.

Am Schreiben lag das nicht, denn das tut sie gerne. Wenn sie schreibt, dann immer in Reimform. „Niemals Prosa“, sagt sie. Das liege ihr nicht. „Agnes Winkens kann sich sehr philosophisch und abstrakt ausdrücken. Obwohl es Menschen gibt, die behaupten, dass das nicht geht“, sagt Theo Schläger vom Heimatverein der Erkelenzer Lande über sie. Da klingt Hochachtung mit. Bei ihr, da geht es.

„De freäm Sproake koosche mech neet je-äve/wat min moddersproak mech hät jeliert./Ech jhoap, oos Platt wött mech ü-everläeve,/on min Moodersproak wöt ömmer hu-ech je-iert“, heißt die letzte Strophe in ihrem Gedicht „Min Moddersproak es Myhler Platt“.

Gedichte hat Agnes Winkens so viele geschrieben, dass sie im Jahr 2016 ein 135-seitiges Büchlein veröffentlichen konnte. Die erste Auflage von 100 Exemplaren war nach einem ihrer Auftritte schnell verkauft.

Klassiker in Mundart

Zwei Bücher gibt es, auf denen der Name Magda Hausmann steht. „Max on Moritz. Seven Jongestrieke op Karker Platt“ und „Dea Strubbelpeter op Karker Platt“. Geschrieben haben diese Werke natürlich Wilhelm Busch und Dr. Heinrich Hoffmann, Magda Hausmann war für die Dialektfassung zuständig. Selbstverständlich reimt sich alles. „Es war manchmal ganz schön schwierig, das richtige Wort zu finden“, sagt sie. Ihre eigenen Kurzgeschichten gehen ihr leichter von der Hand. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Werkzeuge sind Kuli und Papier.

Manchmal überträgt ihr Mann die Texte in den Computer. „Es ist dann immer alles rot unterstrichen“, sagt Magda Hausmann und zwinkert fröhlich mit den Augen, „die Rechtschreibung ist ja falsch.“ In ihrem Haus in Heinsberg-Karken bewahrt sie drei große graue Aktenordner auf, in denen seitenweise Geschichten stecken. Viele davon sind noch von ihrem Vater, der auch schon bei Mundartabenden auf der Bühne stand.

Ihre Geschichten sind aus dem Leben, amüsant und kurz, wie die vom Schottelsplock, der erst die „Schnueternas“ und dann des Pastoren Schnapsglas wischte oder die vom kleinen Franz, den die Oma ermahnt: „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ Dat Fränske will es nicht glauben. „Hüer ens Oma, soch det Fränske du. Minne Pap, dea hät ene Laster met fünf Jäng, vier Vorwärtsjäng on ene Rückwärtsjäng, ever wu dea Müßigjang legge soll, also Oma, det es mech e Rätsel.“

Wenn Magda Hausmann vorträgt, wird viel gelacht, bei Agnes Winkens viel nachgedacht, bei Karl Lieck viel mitgesungen. Und es gibt da noch einen Mundartexperten, der unbedingt erwähnt werden muss: Gerd Passen.

Seit 2002 ist er Vorsitzender der Heimatvereinigung Selfkant, ein unermüdlicher Selfkänter Heimatpfleger und Kulturförderer. Der Millener, der in Höngen lebt, hätte an dieser Stelle vermutlich selbst gern erzählt, von der Zeitschrift Ues Muedersproak, von der Mundart-CD, von seinem intensiven Kontakt zu den belgischen und niederländischen Heimatfreunden. Die Pater-Sangers-Medaille oder die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland hätte er wahrscheinlich nicht erwähnt.

Es sei nicht seine Art, seine Person in den Vordergrund zu rücken, sagte Landrat Stephan Pusch in seiner Rede bei der Verleihung im Jahr 2012. Aber Passen kann zur Zeit nicht erzählen. Er hatte einen Schlaganfall. „Er ist auf dem Weg der Besserung“, sagt seine Frau Marie-Luise Passen am Telefon. Körperlich gehe es ihm inzwischen wieder gut, aber sein Sprachzentrum sei beeinträchtigt, erzählt sie. „Die Ärzte haben gesagt, dass es lange dauern kann.“ Wie sagt da der Selfkänter? „Ich hoap dat et dich bauw wejer bäeter jeiht!“ Gute Besserung!