Wassenberg-Myhl: Ein riesengroßes Herz für Nagetiere

Wassenberg-Myhl: Ein riesengroßes Herz für Nagetiere

Als Ellen Sindermann mit einem Plastikbehälter zu einem ihrer Meerschweinchenställe geht, kommen die Tiere aus ihren kleinen Holzhäuschen heraus. Sie schauen über die Kante des Stalls. Sie wissen, was jetzt kommt: frisches Futter. Möhren, Salat, Staudensellerie und Paprika. Ellen Sindermann hält einem Meerschweinchen ein Blatt Salat hin, das Tier beißt hinein und verschwindet mit dem Blatt.

Frisches Futter sei das A und O, damit die Tiere gesund bleiben. Gemüse und Heu, bloß kein Getreide, sagt Sindermann. Dann geht es den Nagern gut.

Meerschweinchen sind gesellige Tiere: Es sollten immer mindestens zwei zusammenleben. Darauf achtet Ellen Sindermann bei der Vermittlung. Foto: Daniel Gerhards

Bevor die Tiere zu Ellen Sindermann kommen, geht es ihnen oft alles andere als gut. Sie betreibt in Wassenberg-Myhl eine Nagernotstation. Sie nimmt Tiere auf, die bei schlecht organisierten Züchtern auf engstem Raum zusammengepfercht werden, die in Pappkartons an den Straßenrand gestellt werden, die einfach im Wald laufen gelassen werden oder die den Besitzern zu viel werden.

Ein Herz für Tiere: Ellen Sindermann kümmert sich täglich um die Nager in ihrer Notstation in Wassenberg-Myhl. Foto: Daniel Gerhards

Kaninchen und Chinchillas

Sindermann macht das seit vielen Jahren. Wie es dazu kam? Das habe sich so ergeben. Sie hatte selber einige Tiere, dann übernahm sie die des Nachbarn, dann die von Freunden. „Das hat sich verselbstständigt“, sagt sie. Sie meldete die Station offiziell an und hat mittlerweile eine Genehmigung, um 150 Nager aufzunehmen. Darunter sind viele Meerschweinchen, einige Kaninchen und auch Chinchillas, Streifenhörnchen und Degus. „Nager aller Art“ eben.

So viele Tiere machen eine Menge Arbeit. Ellen Sindermann ist jeden Tag bei ihren Nagern. Ein bis zwei Stunden nehme alleine das tägliche Füttern in Anspruch. Und ein- bis zweimal pro Woche macht sie alle Ställe sauber, das dauere vier bis acht Stunden. Je nachdem wie viele Tiere gerade da sind. Sie bekommt dann Hilfe von Tierfreundin Ines Holter, und eine Schülerin packe ab und zu auch mit an.

Aber den Hauptteil der Arbeit leistet Sindermann. Sich so viel Mühe zu machen, damit es den Tieren gut geht, dafür braucht man ein riesiges Herz für Tiere. Und das hat Ellen Sindermann. „Ich bin da so reingeraten. Und jetzt kann ich nicht mehr loslassen“, sagt sie. „Es ist schön zu sehen, wie die Tiere wieder gesund werden und Gewicht zunehmen“, sagt sie.

Wenn sie eine große Gruppe Meerschweinchen bekommt, dann sind die Nager oft verletzt und abgemagert. Im November nahm sie solche Tiere auf: Die Böcke hatten sich gegenseitig gebissen, sie bluteten am Rücken, hatten angefressene Ohren und wahren völlig unterernährt. Sindermann päppelte die Tiere auf und ließ die Männchen kastrieren.

Meistens seien fast alle Weibchen trächtig, wenn so eine Gruppe zu ihr kommt. Die Böcke kastrieren zu lassen, sei ein Hauptkostenfaktor ihrer Notstation.

Das Geld ist für die Nagernotstation sowieso ein leidiges Thema. Sindermann ist auf Futterspenden angewiesen. Wenn sie ein Tier vermittelt, nimmt sie dafür eine Schutzgebühr in Höhe von 15 Euro, um einen Teil der Kosten zu decken. Und wenn es finanziell trotzdem eng wird, schießt sie Geld aus ihrem Nagershop zu. Sie fertigt zum Beispiel Hängematten, Tunnel und Kuschelnester aus Stoff und verkauft sie an Nagetierhalter.

Kürzlich hat sie auch neue Ställe bekommen, das Material wurde gespendet, und ein Helfer hat die Heime für die Meerschweinchen ehrenamtlich gebaut. Nur so könne sie ihre Station über Wasser halten, sagt Sindermann.

Idee: Meerschweinchenklappe

Dass so eine Notstation überhaupt nötig ist, ist an sich traurig. Aber Sindermann sagt, dass es ihr immer noch lieber sei, wenn die Leute ihre Tiere zu ihr bringen, als wenn sie sie einfach vor dem Urlaub irgendwo am Straßenrand aussetzen. Weil es vielen Menschen aber peinlich ist, ein Tier abzugeben, habe Sindermann sogar schon darüber nachgedacht, eine Meerschweinchenklappe an ihrer Station anzubringen — so wie eine Babyklappe am Krankenhaus.

Alles sei eben besser, als die Tiere einfach auszusetzen. Wenn die Nager in der Natur herumlaufen, dann fräßen sie Dinge, die ihnen nicht bekommen, und handelten sich Magen-Darm-Krankheiten ein, die man nur schwer wieder in den Griff bekommt. Ellen Sindermann: „Ich weiß nicht, was sich die Leute dabei denken, Tiere einfach auszusetzen, wenn sie in Urlaub fahren. Das bricht mir das Herz.“

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