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Folgen der Pandemie: Ein massiver entwicklungspsychologischer Einbruch

Folgen der Pandemie : Ein massiver entwicklungspsychologischer Einbruch

Die Corona-Pandemie hat Kindern und Jugendlichen zugesetzt. Die Fachleute des Schulpsychologischen Dienstes sehen die Folgen und persönliche Entwicklungskrisen bei jungen Erwachsenen.

Die Corona-Pandemie hat das Leben von Kindern und Jugendlichen extrem verändert. Über viele Monate durften Schülerinnen und Schüler nicht zur Schule, wechselten später zwischen Homeschooling und Wechselunterricht, Vereinsaktivitäten lagen brach und Freunde konnten sie auch nicht treffen – kurz: die alltägliche Struktur fehlte.

Nun, da sich die Corona-Situation allmählich normalisiert, kommen neue, geopolitische Sorgen hinzu. Junge Menschen machen sich Gedanken darüber, ob sich der Krieg in der Ukraine auf Deutschland ausweitet. Nicht wenige Schüler haben in Folge der Ereignisse in den vergangenen zwei Jahren Angststörungen und Zwangserkrankungen entwickelt, manche sogar Depressionen, die therapiert werden müssen. Auch die Zahl derjenigen, die die Schule verweigern, ist gestiegen. Die Auswirkungen der Extremsituation zeigen sich in den vergangenen Monaten bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle des Kreises Heinsberg. Die schon vor der Pandemie sehr hohe Auslastung habe sich noch einmal deutlich gesteigert, sagt Annette Greiner, Leiterin der Beratungsstelle. „Obwohl wir personell noch einmal aufgestockt wurden, ist es eine enorme Herausforderung, alle Anfragen zeitnah zu terminieren“, sagt sie. In der Regel kämen Schulsozialarbeiter, Lehrer oder Eltern auf die Pädagogen und Psychologen zu, wenn sie Unterstützung brauchen. „In wenigen Fällen sind es auch Schüler aus eigener Motivation“, so Greiner. Inzwischen seien es mehr als vor der Pandemie, obwohl die Zahl noch immer sehr überschaubar sei. Grundsätzlich, so will Greiner betonen, hätten viele Schüler die Krise gut verkraftet.

„Erstaunlich vielen ist es gelungen, selbstgesteuert zu lernen, im Lockdown und der sozialen Isolation Stärke aus sich selbst und der Familie zu schöpfen. Ihre Resilienz, also die seelische Widerstandskraft, ist sehr gut“, macht sie deutlich. Dennoch habe die Pandemie insbesondere für Teenager einen massiven entwicklungspsychologischen Einbruch bedeutet. „In der Pandemie schaute man besonders auf die Auswirkungen für sehr junge Kinder. Doch gerade für Jugendliche ist die Zeit, in der sie zu jungen Erwachsenen werden, sich abnabeln, Erfahrungen sammeln, vielleicht das erste Mal alleine verreisen oder sich verlieben, weggebrochen. Bei vielen sind Träume zerplatzt, bei besonders extrovertierten Jugendlichen, die viel Wert auf soziale Kontakte legen, wurde die Welt über Monate auf den Kopf gestellt“, erklärt sie.

Hinzu käme die enorme Verantwortung für das Leben der älteren Generation, die insbesondere Kinder und jüngere Jugendliche belastet habe. „Meiner Ansicht nach war das ein bedeutender Fehler in der Kommunikation, die Tatsache, dass allein ihre physische Präsenz eine Gefahr für das Leben eines älteren Menschen darstellt. Es wurde verlangt, dass Kinder sich wie kleine Erwachsene benehmen, was sie auch getan haben, denn Kinder können sich sehr gut anpassen und Regeln befolgen, diese aber noch nicht reflektieren“, kritisiert die Leiterin der Schulpsychologischen Beratungsstelle.

Kindliche und jugendliche Unbeschwertheit und die Möglichkeit, sich auszuprobieren, um ein Selbstwertgefühl zu entwickeln und zu stärken, sei während der Pandemie verlorengegangen. „Was das langfristig noch für Folgen für diese Generation hat, kann man jetzt noch nicht beurteilen, denn das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dennoch ist es möglich, dass diese Krise prägend für eine ganze Generation ist. Das bedeutet nicht, dass jeder daran zu knabbern hat, aber dass die Coronakrise und ihre Folgen im Verhalten generationstypisch auch in vielen Jahren noch wahrgenommen wird“, erklärt Greiner.

 Annette Greiner, Leiterin der Schulpsychologischen Beratungsstelle, berät mit ihrem Team Lehrer, Eltern und Schüler.
Annette Greiner, Leiterin der Schulpsychologischen Beratungsstelle, berät mit ihrem Team Lehrer, Eltern und Schüler. Foto: Nicola Gottfroh

Ein nicht zu verachtender Teil von Schülern sei in eine persönliche Entwicklungskrise gerutscht. „Das Beste, was man nun für diese jungen Menschen tun kann, ist, ihnen viel Zuwendung und Erfahrungsräume zu geben, in denen sie sich wieder etwas zutrauen können“, macht die Leiterin der Schulpsychologischen Beratungsstelle deutlich. Diese Erfahrungsräume wünsche sie sich auch von der Schule. „Schule bedeutet nicht nur lernen, sondern auch gemeinsames Erleben, worum sich die Schulen nun verstärkt bemühen sollten.“

Daneben gibt es aber auch eine Gruppe junger Menschen, die drohen, verloren zu gehen, und um die man sich jetzt besonders kümmern müsse: „Die Zahl der Schulverweigerer unter den Schulpflichtigen ist deutlich angestiegen“, macht Greiner klar. „Lange Zeit wurde das Signal gesendet, dass es auch ohne Präsenzunterricht geht. Dass einige Schüler die Schulpflicht nun hinterfragen, wundert daher nicht“, sagt sie. Sie gilt es nun wieder einzufangen.

Und dann gibt es diejenigen Jugendlichen, die man in der Pandemie „verloren“ hat. Junge Menschen, die nicht mehr zur Schule gehen, keine Ausbildung begonnen haben, kein freiwilliges soziales Jahr oder ein Studium. Wo sie sich gerade befinden, weiß auch Greiner nicht. Ihre Vermutung: „Einige werden im Kinderzimmer sitzen und sich wie im Lockdown in eine virtuelle Welt flüchten, andere haben sich gangartigen Gruppen angeschlossen – und ein anderer Teil muss psychisch erst einmal wieder gesund werden.“ Es sei nun an den Kommunen, diese Jugendlichen ausfindig zu machen und mit Sozialarbeitern und einem breiten Netzwerk von Beratungs- und Unterstützungsdiensten wieder „einzufangen“.

Von einer verlorenen Generation will Greiner nicht sprechen. „Das Gros der Jugendlichen hat alles gegeben und das Beste für die Gesellschaft geleistet, um die Pandemie in den Griff zu kriegen“, sagt sie. Dennoch gibt es einen nicht unerheblichen Prozentsatz, der jetzt nicht in Vergessenheit geraten darf.