Braunkohle unter Keyenberg : Ein Dorf, das langsam stirbt

Braunkohle unter Keyenberg : Ein Dorf, das langsam stirbt

Ein Geisterdorf ist Keyenberg noch nicht. Einige haben den Ort aber schon verlassen, die nahenden Braunkohlebagger hinter sich. Wolfgang Laumanns weiß das, er merkt es jeden Tag, wenn weniger Menschen in seine Bäckerei kommen.

Seit dem Jahr 1982 arbeitet Laumanns in der Keyenberger Bäckerei. Sein Großvater hat den Laden vor 60 Jahren eröffnet, 1993 hat Wolfgang Laumanns das Geschäft von seinem Vater übernommen. Der Nächste in der Reihe sollte sein Neffe werden, eigentlich war alles schon geregelt. Doch nun hat die Bäckerei seit Anfang des Jahres verkürzte Öffnungszeiten, nur noch bis 14 Uhr statt bis 18.30 Uhr. „Das hat sich nicht mehr gelohnt“, sagt Laumanns. Die berufliche Zukunft des Neffen ist ungewiss.

Seit dem 1. Dezember 2016 läuft die Umsiedlung in Keyenberg. Bis 2023 soll sie nach Angaben der RWE Power AG abgeschlossen sein. Rund 840 Einwohner zählte die Ortschaft vor der Umsiedlung, aktuell sind noch 671 Menschen gemeldet.

Gegen den Braunkohleabbau in Keyenberg und die Umsiedlung protestiert habe man „schon immer“, sagt Wolfgang Laumanns. „Aber nützt ja nichts mehr“, sagt er. Er habe den Eindruck, das halbe Dorf sei ohnehin schon leer. Den geplanten Abriss der Ortschaft hält er für eine „Farce“. Immerhin ist der Braunkohleausstieg ja schon beschlossen. Er sagt außerdem: „Ich mache hier als Letztes zu.“ Er sagt das mit solcher Entschlossenheit, dass man nicht umhin kommt, ihm zu glauben.

Alles handgemacht

Die Bäckerei ist in der Gegend bekannt. Zehn Martinszüge beliefert Laumanns in diesem Jahr mit seinen Weckmännern. Zu viert backen und verkaufen sie: Laumanns’ Mutter, seine Schwester, sein Neffe und er selbst. Der Laden ist schlicht eingerichtet, in den Auslagen handgemachte Puddingschnecken und Blätterteigkringel, an den Wänden drei handgeschriebene DIN-A3-Blätter: Brötchen 28 Cent, Croissant 80 Cent, ein Kilo Graubrot 2,35 Euro. „Blätterteig für Sie?“, fragt er eine Kundin, kaum dass sie den Laden betreten hat. Er liegt richtig. Die, die noch kommen, kennt Laumanns eben.

55 Jahre alt ist Wolfgang Laumanns, ein paar Jahre Berufsleben hätte er also eigentlich noch vor sich. „Neue Kundenkreise“ habe man sich mithilfe des mobilen Bäckerautos erschlossen: Laumanns’ Schwester, Elke Effertz, Verkäuferin in der Bäckerei, ist damit unterwegs, um die Ware zu verkaufen.  Mehrmals die Woche, jedes Mal gut zehn bis zwölf Dörfer um Erkelenz herum, bis hin nach Wegberg. „Hilft ja nichts“, sagt sie.

Bislang habe Laumanns noch nicht mit RWE verhandelt, sagt er. Bald wird das Ladenhaus vermessen, dann ein Gutachten erstellt, danach folgen die Gespräche. Ein bisschen hängt es vom Ergebnis der Verhandlungen ab, ob Laumanns in Keyenberg-neu als Bäcker weitermachen wird. Mehr aber von der allgemeinen Perspektive. Die schätzt er im Moment eher schlecht ein. Zu viele Auflagen und neue Verordnungen gebe es bei einem neuen Geschäft, die es für ihn teurer machten. Außerdem ist Keyenberg-neu näher an Erkelenz dran, das heißt: Discounter und Supermärkte aus dem Stadtgebiet würden dem Betrieb von Laumanns scharfe Konkurrenz machen. „Wir werden sehen“, sagt Laumanns. Privat ist er von der Umsiedlung nicht betroffen, er lebt im benachbarten Kückhoven.

Für den Kindergarten und die Gemeinschaftsgrundschule des Ortes ist die Zukunft hingegen klar. In Borschemich-neu ist schon im August 2017 eine neu gebaute Kindertagesstätte bezogen worden. In Erkelenz-Nord wird die Luise-Hensel-Schule erweitert, um die Kinder der Gemeinschaftsgrundschule aufnehmen zu können. Kita und Schule wird es in Keyenberg-neu also nicht mehr geben.

Mehr oder weniger erhalten bleibt der Friedhof. Die Ruhestätte im neuen Ort soll im kommenden Jahr gebaut werden. So lange wird in Keyenberg weiter beerdigt. Sobald es den neuen Friedhof gibt, werde man das Gespräch mit den Keyenbergern suchen und Termine für die Umbettungen der Toten machen, sagt die Stadt Erkelenz. Ablaufen wird das in Zyklen vom Spätherbst bis ins Frühjahr hinein.

Szenenwechsel: Ungefähr zehn große Schritte von der Bäckerei entfernt liegt die Kirche von Keyenberg.  Auch sie wird abgerissen. Im neuen Ort entsteht eine Kapelle, in der drei Gemeinden zusammengelegt werden: Berverath, Kuckum und eben Keyenberg.

Die Keyenberger Kirche ist aus dem Jahr 1912. Die erste gemauerte Kirche stand im Jahr 714 in Keyenberg. Das heutige Gebäude steht unter Denkmalschutz, abgerissen wird es trotzdem. Foto: Marie Eckert

Die Kirche ist das, was man wohl gemeinhin als „schön“ bezeichnen würde: Beeindruckend, aber nicht zu prunkvoll, in dunklen Holztönen gehalten, blaue Farbe an den Wänden, die das Gebäude freundlicher als viele andere Kirchen wirken lässt. Dazu handgeschnitzte Figuren und ein hübscher Hochaltar. Die erste Kirche stand schon im Jahr 714 in Keyenberg, von diesem Gebäude ist heute aber nichts mehr übrig. Die bunten Kirchenfenster sind größtenteils original erhalten aus dem Jahr 1912. Das Gebäude ist denkmalgeschützt, das hilft aber nicht dabei, es vor dem Abriss zu bewahren.

Ein paar Gegenstände aus der Keyenberger Kirche sollen in den neuen Ort mitkommen. Welche das genau sein werden, das sei noch nicht in trockenen Tüchern, sagt Hedwig Drabik. Sie ist Küsterin in Keyenberg. Drabik weiß, was es heißt, die Heimat zu verlieren: Sie stammt aus dem Sudetenland und musste als Kind schon einmal wegziehen, nach Halle an der Saale. Zehn Jahre lebte sie dort, im Jahr 1956 kam sie nach Keyenberg – und ist seit gut 60 Jahren in der Kirche aktiv.

Natürlich wollen die anderen beiden Ortschaften auch etwas aus ihren Gotteshäusern mitnehmen. „Das kann man ja auch verstehen“, sagt sie. Wenn man ihr zuhört, fallen zwei Dinge auf: ihre Begeisterung für die Kirche und ihre Enttäuschung über das wahrscheinliche Schicksal von Keyenberg. Vor mindestens 30 Jahren habe Drabik das erste Mal protestiert, sagt sie. „Da sagte man noch, die Kirche wird Stein für Stein abgetragen.“

Seit mehr als 60 Jahren ist die Küsterin Hedwig Drabik in der Keyenberger Kirche aktiv. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Kirche nicht mehr da sein soll“, sagt sie. Foto: Marie Eckert

Drabik zeigt die Kirche gern. Manchmal blättert sie im Buch vom örtlichen Heimatverein, wenn sie zu den Figuren im Inneren erzählt, um sich der genauen Jahreszahlen zu vergewissern. Das meiste weiß sie aber einfach nach den ganzen Jahren. Oben bei der Orgel zeigt sie auf eine besonders große Glasfront. „Wenn da die Sonne durchscheint, ist das wirklich toll“, sagt Drabik. Genauso wie der Klang der Orgel aus dem Jahr 1886. „Ich kann leider nicht spielen, sonst würde ich Ihnen jetzt etwas vorspielen“, sagt sie und lacht.

In der Sakristei hat Drabik die Entwürfe für die Kapelle in Keyenberg-neu liegen. Die Pläne zeigen ein modernes, quaderförmiges Gebäude ohne Kirchenspitze, dafür mit einer großen Glasfensterfront und mehreren Räumen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas an Stelle der Kirchen stehen soll“, sagt die Küsterin. Ihre eigenen Kinder sind dort getauft worden und haben ihre Kommunion gefeiert. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Kirche nicht mehr da sein soll“, sagt Drabik noch einmal, diesmal mit mehr Nachdruck.

Ein gespaltener Ort

Genauso wenig kann sie sich im Moment vorstellen, ins neue Keyenberg zu ziehen. Wolfgang Laumanns und Hedwig Drabik wollen nicht weg. Sie nehmen den Ort inzwischen als gespalten wahr. Auf der einen Seite die, die es nicht wahrhaben wollen, die bleiben möchten, auf der anderen Seite die, die schon weggezogen sind oder im Begriff sind, es zu tun.

Direkt hinter dem neuen Borschemich wird derweil ein komplettes Neubaugebiet aufgebaut. Für Nicht-Ortskundige ist Keyenberg-neu gar nicht so einfach zu finden: Auf der Karte gibt es die Ortschaft noch nicht.

Modern und weitläufig: Hinter Borschemich-neu entsteht im Moment ein weiterer neuer Ort – Keyenberg-neu. Foto: Marie Eckert

Die Straßen dort sind weitläufig und schon jetzt wirkt es modern. Noch stehen an jeder Ecke Bagger und Kräne herum. Manche Häuser sind schon fertig, manche sogar bewohnt – 40 Menschen sind in Keyenberg-neu gemeldet. Dank der Bauarbeiter und Handwerker ist dort auf den Straßen mehr los als im alten Keyenberg. 105 Bauanträge sind bei der Stadt Erkelenz eingegangen, elf Häuser sind schon fertig. Der neue Ort entsteht Stück für Stück, während der alte sich langsam leert.

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