Heinsberg: Ein Burnout verwandelt Idealisten in Zyniker

Heinsberg: Ein Burnout verwandelt Idealisten in Zyniker

„Burnout“, übersetzt noch am ehesten als „Ausgebranntsein“, ist keine anerkannte Krankheit, gilt eher als ein Problem der Lebensbewältigung, ist aber vor allem ein Problem, über das niemand gerne spricht. „Ein hartes Thema, das nicht stigmatisiert werden darf, sondern an die Öffentlichkeit muss“, erklärte Moderator Roland Meintz in seiner Einführung zu einer entsprechenden Informationsveranstaltung in der Heinsberger Stadthalle.

Rund 300 Gäste waren der gemeinsamen Einladung der Heinrichs Gruppe, einem regionalen Anbieter von Pflegedienstleistungen mit mehr als 1000 Mitarbeitern, und der Raiffeisenbank Heinsberg gefolgt. Ziel der Veranstaltung sei auch, das Berufsbild der Pflege in der Öffentlichkeit zu präsentieren, von dem gar nicht bekannt sei, was es alles leiste, so Meintz weiter. „Ein Berufsbild, das für den Arbeitgeber höchste finanzielle Belastung, für den Mitarbeiter höchste psychische Belastung ist“, erklärte der Moderator des Abends.

„Das Leben pflegen“

Wie diese aussieht, zeigte Donevan Hilgers, examinierter Pfleger der Heinrichs Gruppe, in Form eines Videotagebuchs. Darin erzählte er, woher er seine Motivation für seinen harten Arbeitsalltag bezieht. „Das Leben pflegen“ heißt der Film, der den Pfleger einen Tag bei seiner Arbeit zeigt. Nur 50 Prozent seiner täglichen Arbeit verlaufen nach Plan, so, wie er es sich vorgestellt habe.

Die andere Hälfte müsse immer aus der aktuellen Situation heraus bewältigt werden, erklärte Hilgers im Film. Viel notwendige Dokumentationsarbeit sei dabei ein „Motivationskiller“. Gerne würde er mehr Zeit direkt mit den Bewohnern verbringen. „Nur wer bei seinem Job auf sich selber achtgibt, kann sich auch um andere Menschen kümmern“, lautete sein Fazit.

Die Arbeit mit ihren Pferden hatte der zweite Gast des Abends, Ingrid Klimke, im Film festgehalten. Die Empathie, die sie für Menschen habe, müsse sie auch für ihre Pferde haben, lautete das Erfolgsrezept der Dressur- und Vielseitigkeitsreiterin sowie mehrfacher Goldmedaillen-Gewinnerin bei olympischen Spielen.

Einen Traumjob habe sie, ja, aber manchmal sei er auch hart, wenn zum Beispiel eine Nacht lang durchgefahren werde, um wieder nach Hause zu kommen. „Manchmal einen Tag aus dem Kalender streichen“, lautete ihr Rezept für den Ausgleich zum Job. Sie nutze ihn, um dann einfach im Wald zusammen zu sein mit dem Lebewesen Pferd. „Man muss sich zwischendurch immer wieder runterholen, Auszeiten schaffen, fühlen, spüren, zuhören.“ Sie lasse sich aus ihrem beruflichen Alltag auch von ihrer Familie gerne rausholen, berichtete Klimke.

Dass die Zahl der Fälle von Menschen mit Burnout-Syndrom enorm steigt, verdeutlichte Dr. Thorsten Flach vom Institut für betriebliche Gesundheitsförderung, dessen Gesellschafterin die AOK Rheinland/Hamburg ist.

In den vergangenen zehn Jahren sei sie auf das 13-fache gestiegen. „Burnout verwandelt in kurzer Zeit glühende Idealisten, denen keine Anstrengung groß genug war, in deprimierte, erschöpfte, misstrauische Zyniker“, lautete seine Definition. Zudem sei Burnout mehr ein Prozess als ein Zustand. Erstes Warnzeichen sei Stress. Ein Burnout-Syndrom könne sich dann weiter entwickeln zu einer depressiven Symptomatik bis hin zu einer klinischen Depression.

Wichtig sei bei Stress, die Alltagsanforderungen zu analysieren, zu bewerten und zu verändern. „Digitale Diät“, lautete sein Vorschlag, auch einfach mal auf die neuen Medien zu verzichten. „Es geht darum, mehr zu sich zu kommen und Zeit zu haben, ohne Verpflichtungen“, fuhr er fort. „Wir leben heute viel zu sehr mit dem Kopf in der Zukunft.“ Wichtig sei viel mehr, den Alltag bewusster wahrzunehmen, ihn mit allen Sinnen zu erleben. So verdeutlichte er das „Konzept der Achtsamkeit“.

Letzter im Bunde der Referenten war Dr. Markus Look, Facharzt für Innere Medizin und Burnout-Experte. Er zeigte anhand von Laborergebnissen auf, dass auch physische Veränderungen zur Entstehung eines Burnout-Syndroms mit beitragen können. „Gehirnchemikalien“ war das wichtige Stichwort seines Vortrags. Dass es rund um die Thematik „Burnout“ noch viel zu tun gibt, war der Tenor der abschließenden Diskussion.