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Ehrenamtliche Hilfe für Menschen in Quarantäne: Ein bisschen Vertrauen braucht es beim Helfen

Ehrenamtliche Hilfe für Menschen in Quarantäne : Ein bisschen Vertrauen braucht es beim Helfen

Die neue Facebook-Gruppe Bürgerhilfe „Gemeinsam stark gegen den Virus“ Kreis Heinsberg ist für Menschen in Quarantäne gedacht. Seit Donnerstag gibt es sie, seither freut sie sich über viel Resonanz. Ein Treffen mit dem Ersteller, der über die Idee spricht und darüber, wie das Ganze funktionieren kann und soll.

Auch die kleine grüne Raupe aus Heinsberg will den Menschen helfen, die wegen des Coronavirus das Haus nicht verlassen dürfen. Die kleine grüne Raupe oder, genauer gesagt, der Mensch, der das grün lackierte Moped mit Anhänger kutschiert, bietet ihre Hilfe über die am Donnerstagabend neu gegründete Facebook-Gruppe  Bürgerhilfe „Gemeinsam stark gegen den Virus“ Kreis Heinsberg an. Bis Sonntagnachmittag war die Gruppe auf knapp 600 Mitglieder angewachsen.

Menschen im Kreis Heinsberg, die sich in Quarantäne befinden,  die krankheitsbedingt vorbelastet sind, deren Immunsystem geschwächt ist oder die sich Sorge machen, angesteckt zu werden, können über diese Facebookgruppe Hilfe erhalten. Angeboten werden Einkäufe, Apotheken- und Behördengänge und auch das Gassigehen mit dem Vierbeiner, der dringend mal an die frische Luft muss. Diejenigen, die ihre Hilfe anbieten, sind sich einig darüber, dass für den Hilfesuchenden keine Kosten entstehen sollen, außer den Spritkosten und der Erstattung des ausgelegten Geldes. Die Einzelheiten sollen die Parteien vertrauensvoll untereinander regeln.

„Ich muss ja eh einkaufen“

Marion Böhm aus Gangelt hatte schon über die bereits etablierte Facebook-Gruppe „Du bist Gangelter wenn…“ mit rund 60 anderen Gruppenmitgliedern ihre Hilfsbereitschaft kundgetan, bevor sie sich dann der  Gruppe Bürgerhilfe „Gemeinsam stark gegen den Virus“ anschloss, die sich ausschließlich dem Ziel widmet, Menschen, deren Leben das Virus auf den Kopf gestellt hat, zu unterstützen.

Marion Böhm hat als eine der ersten erproben können,  wie das klappt mit der unbürokratischen „Nachbarschaftshilfe“ über das Internet. Sie wurde von einer Familie aus Kreuzrath kontaktiert, die die Quarantäne mitten im Umzug erwischt hatte. „Ich geh doch eh einkaufen, da kann ich Dir auch was mitbringen“, hatte Marion Böhm dem Familienvater geschrieben und umgehend die bedauernde Nachricht erhalten, er habe nicht nur bestimmte Lebensmittel nicht mehr, sondern auch kein Geld im Haus.

Willem Hoffmanns hat seinen ersten Einkaufseinsatz in einem Foto verewigt. Foto: Dettmar Fischer

Einen Moment wird Marion Böhm schon gezögert haben. Doch die Hilfsbereitschaft überwog gegenüber der Skepsis, einem Wildfremden Geld vorzuschießen. Marion Böhm wurde nicht enttäuscht. Als sie etwas später in Kreuzrath den Karton mit Brot, Camenbert, Schinkenwurst und einem Sixpack Limonade vor die Haustür gestellt und sich etwas entfernt  hatte, kam der Familienvater kurz heraus und winkte. Als sie zu Hause ankam, war das ausgelegte Geld auf ihrem Konto. „Man muss den Leuten schon vertrauen“, sagt Marion Böhm. Es gebe doch Menschen, die keinen Nachbarn fragen könnten, weil sie neu im Ort sind oder etwa Alleinerziehende, für die die geschlossenen Kindergärten und Schulen zum Problem werden könnten.

Marion Böhm hatte sich auch an die Gemeinde Gangelt gewandt und dort ihre Hilfsbereitschaft signalisiert: „Wenn Ihr Leute braucht, helfen wir.“ Auch René Stegemann hatte sich in der Gruppe „Du bist Gangelter wenn…“ für die Menschen in der bislang am stärksten vom Coronavirus betroffenen Gemeinde Gangelt engagiert. Er hatte allen, die Einkaufsfahrten erledigen, Spritgutscheine für die Tankstelle seiner Familie angeboten.

Mit der Facebook-Gruppe Bürgerhilfe „Gemeinsam stark gegen den Virus“ Kreis Heinsberg hat sich die Hilfsbereitschaft noch einmal neu organisiert. Ondrej Varoscak hatte die Idee zu dieser Gruppe am vergangenen Donnerstag in die Tat umgesetzt – mit riesiger Resonanz. Ondrej Varoscak ist Rettungssanitäter und ehrenamtlich im Katastrophenschutz engagiert. Die Panik in den Sozialen Medien nach dem ersten Verdachtsfall wollte er so nicht stehen lassen. „Alle labern, keiner tut was“, meinte Ondrej Varoscak und packte lieber an. Nach der Gründung der Gruppe auf Facebook baut er gerade  eine Internetseite auf, die unter www.hilfe-heinsberg.de erreichbar ist, damit auch diejenigen, die Facebook nicht nutzen, Zugang zu den Hilfsangeboten erhalten. „Wir wollen Leute, die hilfebedürftig sind und Leute, die helfen wollen, zusammen bringen“, sagt er.

Die Präsenz im Internet sieht Ondrej Varoscak aber auch als Möglichkeit an, Ideen auszutauschen, wie man Hilfe effektiv gestalten kann, auch im Hinblick darauf, dass die Pandemie nicht so schnell verschwindet. Er sieht das bürgerschaftliche Engagement der neuen Gruppe keineswegs als Konkurrenz zu den öffentlichen Hilfeleistungen an. Aber gerade die kleinen Handreichungen wie das Gassigehen mit dem Lieblingsdackel dürften derzeit wohl die Ehrenamtlichen eher leisten können. Ondrej Varoscak jedenfalls freut sich über die Welle der Hilfsbereitschaft, die anscheinend nur auf eine Initialzündung gewartet hatte.

Willem Hoffmanns war einer der ersten, der sich der Bürgerhilfe „Gemeinsam stark gegen den Virus“ Kreis Heinsberg angeschlossen hatte. Er war gleich am nächsten Tag in Wegberg für eine ältere Dame, der ihr Arzt geraten hatte, momentan das Haus besser nicht zu verlassen, einkaufen gegangen. Bis Wegberg müsste der Geilenkirchener demnächst nicht mehr fahren, denn unter den Neuzugängen der Bürgerhilfe sind auch Hilfsbereite aus der Mühlenstadt. „Bin mobil, habe dann und dann Zeit, würde das und das gerne für Euch tun“ – so in etwa melden sich die Hilfsbereiten wie die kleine, grüne Raupe, die nun auf den Zuruf der Hilfsbedürftigen wartet.

Kommunen im Kreis kontaktiert

Nicht nur private Hilfsangebote wie die Facebook-Gruppe: Wegen des hohen Informationsbedarf zum Thema Coronavirus hat das Kreis Heinsberg ein Bürgertelefon für alle aufkommenden Fragen eingerichtet. Das war auch am Wochenende erreichbar. Die Hilfe von Ondrej Varoscak, dem Ersteller der Facebook-Gruppe, verfolgt einen anderen Ansatz – und kann bestehende Angebote ergänzen. Deswegen hat er nach eigenen Angaben bereits Kontakt mit den Kommunen im Kreis Heinsberg aufgenommen. Foto: Anna Petra Thomas

Ondrej Varoscak hat alle Kommunen im Kreis Heinsberg angesprochen und auf die Unterstützung der neuen Gruppe aufmerksam gemacht. Er ist überzeugt, dass der Bedarf gegeben ist, nun müssten Hilfsbereite und Hilfesuchende zusammen geführt werden. „Ich finde die Idee super. Da sieht man, dass in Ausnahmesituationen die Menschen zusammenhalten und für einander da sind“, kommentiert eine Facebook-Nutzerin. Und auch für die Menschen, die sich in Quarantäne befinden, scheint die Aktion eine Aufmunterung zu sein. Miriam, eine andere Facebook-Nutzerin und Gruppenmitglied, würde den Helfern sogar Orden verleihen, wenn sie nur das Haus verlassen dürfte.

Die öffentliche Gruppe ist über Facebook erreichbar, indem im Suchfeld oben links der Gruppen-Name (Bürgerhilfe „Gemeinsam gegen den Virus“ Kreis Heinsberg) eingegeben wird oder unter dem Direktlink www.facebook.com/groups/hilfe.heinsberg.