Doppelmord in Heinsberg-Karken bleibt bis heute rätselhaft

Junge Frau tötete zwei Menschen : Auf den Spuren des Doppelmordes von Karken

Am Abend des 28. Februar 1918, es war bitter kalt in Karken an diesem Donnerstag, wurde die Haushälterin des Pfarrers Theodor Fischer zur Haustür gerufen. Das Abendbrot stand schon auf dem Tisch des Pfarrhauses an der heutigen Mühlenstraße.

An der Tür traf die Haushälterin Gertrud Wasen auf Katharina H., die damals 19 Jahre alt war. Gertrud Wasen wollte die junge Frau zum Pfarrer bringen. Da traf sie von hinten ein Schlag mit der stumpfen Seite eines Beils. Als der Pfarrer Theodor Fischer erschien, streckte ihn Katharina ebenfalls mit einem Beilhieb nieder. Anschließend schnitt die 19-Jährige dem Pfarrer und seiner Haushälterin mit einem mitgeführten Brotmesser die Kehle durch.

Um sich ein Alibi zu verschaffen, ging Katharina im Anschluss an den Doppelmord vom Pfarrhaus in das Kaufhaus Krings an der Roermonder Straße und kaufte dort einige Feldpostkarten. Dann ging sie nach Hause. Das Anwesen ihres Vaters, des Landwirtes Franz H., lag in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kaufhaus Krings.

Die Geschichte um den Doppelmord in Karken war so spektakulär, dass nach diesem Ereignis Postkarten in Umlauf gebracht wurden. Auf diesen Karten waren zwei Fotografien zu sehen. Das eine, etwas größere Bild zeigte die beiden Mordopfer in ihren Blutlachen. Daneben, auf einem kleineren Foto war die Mörderin abgebildet. Eine dieser Postkarten klebt in einem Fotoalbum der Familie Krings. Willi Krings hatte das ehemalige Kaufhaus seiner Familie 2011 geerbt.

Zum Erbe gehörte neben dem Familienalbum auch eine Briefsammlung. Circa 140 Briefe enthält diese Sammlung, die hauptsächlich den Schriftverkehr der Jahre 1927 bis 1957 zwischen der verurteilten Doppelmörderin Katharina und ihrem Vater enthält. Katharina H. war im Juni 1918 wegen zweifachen Mordes zunächst zweimal zum Tode verurteilt und im November 1918 zu zweimal Lebenslänglich begnadigt worden. Irmgard Stieding ist Lehrerin und lebt in Wassenberg. Sie hatte bereits die Feldpostbriefe ihres Großvaters vom Sütterlin in lateinische Schrift übertragen und dabei eine Faszination für das entwickelt, was sie „Geschichte von unten“ nennt. Irmgard Stieding war zufällig auf Katharinas Briefe aufmerksam geworden und hatte sie schon über den Vater von Willi Krings, Toni Krings, einsehen können. Auch diese Briefe hatte sie 2018 transkribiert.

Ein Romanprojekt zu den Gefängnisbriefen der Doppelmörderin Katharina H. stellen Irmgard Stieding und Willi Krings der Öffentlichkeit vor. Foto: Dettmar Fischer

Irmgard Stieding lernte im Verlauf dieser Arbeit die Doppelmörderin Katharina H. kennen, vielleicht sogar besser, als wenn sie ihr persönlich begegnet wäre. Zeitlich wäre eine Begegnung durchaus möglich gewesen. Katharina H. wurde trotz eines 28-jährigen Zuchthausaufenthalts, unter anderem im Zuchthaus Ziegenhain bei Kassel, 85 Jahre alt. Sie starb am 6. März 1984 in der Nähe von Aachen. Mehrfach, so berichtet Stieding, sei Katharina nach ihrer Haftentlassung 1946 nach Karken zurückgekehrt, um das Grab ihres Vaters zu besuchen. Damals, so erzählte man ihr, hätten die Karkener, die Katharina erblickt hätten, schnell die Türen zugeschlagen.

Irmgard Stieding hat begonnen, aus der Geschichte um Katharina einen Roman zu schreiben. Der Arbeitstitel lautet „Hildegard – eine Kriminalgeschichte aus der Provinz“. Der Aachener Kriminalkommissar Haber, der den Fall als seinen interessantesten im Frankfurter Generalanzeiger am 13. Mai 1924 beschrieben hatte, wird im Roman sicher eine Rolle spielen. Haber war nach dem Karkener Doppelmord von Aachen aus mit dem Zug angereist, um den Fall aufzuklären.

Schon im Vorfeld der Tat hatte es in Karken große Unruhe gegeben aufgrund von anonymen, denunzierenden Briefen, als deren Schreiberin Katharina vom Pfarrer Fischer entlarvt worden war. Kriminalkommissar Haber war der Spur der Täterin am Tag nach dem Mord akribisch nachgegangen. Er hatte etliche Menschen im Ort befragt, bis er auf Katharina getroffen war. Blutreste auf einem Brotmesser, einem Beil und einem Mantel, die Haber im Hause des Vaters gefunden hatte, waren Katharina zum Verhängnis geworden.

Der Karkener Pfarrer Theodor Fischer wurde 1918 im Pfarrhaus ermordet. Foto: Dettmar Fischer

Ihre aus dem Zuchthaus an ihren Vater gerichteten Briefe waren beim Großvater von Willi Krings, Peter Krings, gelandet. Dieser hatte sie dem schreibunkundigen Vater der Inhaftierten vorgelesen und dann auch die Antwortbriefe aufgesetzt. Der erste Brief Katharinas aus dem Gefängnis nach neunjähriger Haft richtete sich an den Vater mit der Bitte, ein Gnadengesuch auf „Zielstrafe“ zu verfassen. Katharina schrieb: „Betont vor allen Dingen die Jugend, meine 19 Jahre und dass ich in der Zeit meine Mutter verlor, wo ich sie am nötigsten brauchte.“

Verursacht hatte die lange Haftdauer von 28 Jahren vermutlich das Gutachten eines Kriminalpsychologen aus Köln. Er hatte Ende der 1920er Jahre geschrieben: „Die einzige Möglichkeit, das Schicksal der H. zu erleichtern, ohne die öffentliche Rechtssicherheit zu gefährden“, sei, sie in einigen Jahren „in einem Kloster unterzubringen“. Hunger war im Zuchthaus Katharinas ständiger Begleiter.

Und so bettelt sie in fast jedem Brief um Zusatzkost: „Bitte fünf Tafeln von dieser Milch-Nuss-Blockschokolade.“ Wenn der Vater sich aber die Wohltaten vom Munde absparen müsse, dann wolle sie lieber „weiter trocken Brot essen“. Während der NS-Zeit schreibt sie: „Hier ist eine Frau, die war drei Mal zum Tode verurteilt und ist von Göring zu sechs Jahren begnadigt worden.“ Erst nach dem Krieg wurde ein Gnadengesuch Katharinas bewilligt. Am 10. April 1946 wurde sie dem Kloster zum Guten Hirten in Aachen zugeführt. Irmgard Stieding: „Sie hat nach der Haft noch ein langes und sozial unauffälliges Leben im Kreise einer großen Familie verbracht.“

Das große Rätsel, warum Katharina zwei Menschen erschlug und ihnen auch noch die Kehlen durchschnitt, beschäftigt ihren Heimatort Karken bis heute. Aber auch die Lektüre der Briefe konnte dieses Rätsel nicht lösen. Irmgard Stieding: „Ein Motiv für ihre Tat wird in den Briefen nicht deutlich.“ Man könne den Briefen aber entnehmen, dass es jugendlicher Leichtsinn gewesen sein muss, der ihre Tat begünstigt hat, dass der Verlust der Mutter mit 15 Jahren, die Arbeitsüberlastung des Vaters als Kleinbauer und eine frühe Schulentlassung zu einer Situation der Verwahrlosung geführt haben und dass sie deshalb, wie der Vater schreibe, „unter allerlei schlechten Einfluss geraten“ sei.

Es sei der „Einfluss einer hiesigen Lehrperson beziehungsweise dessen Schwester gewesen“, der sie „frühreif“ gemacht habe, schrieb der Vater. Seine Tochter sei „voll Lebenslust“ gewesen und „mit reicher Phantasie begabt“, sei „heimlich ihre eigenen Wege gegangen, die in die Tiefe“ geführt hätten. Die anonymen Briefe, in denen die Tochter auch den Vater schwer belastet hatte, hätte die Tochter verfasst, um „die Aufmerksamkeit eines gewissen Herren auf sich zu lenken“ und ihn selbst „in Punkto Liebe williger zu machen“, hatte der Vater 1928 in einem Gnadengesuch argumentiert. „Meine Tochter wusste, dass ich furchtbar gekränkt worden war und dass ich mich furchtbar aufregen und sie gründlich verhauen würde. Die Angst und der Stolz eines jungen Mädchens erwachten.“

Auch den Brief eines ehemaligen Nachbarn der Familie hat Stieding ausgewertet. Er sah es so: „Nach meiner Auffassung war auch der getötete Pfarrer nicht ganz unschuldig, da er sich anscheinend in die Seele eines jungen Mädchens nicht hineindenken konnte.“ Katharina hatte in einem Brief Andeutungen zu den Hintergründen der Tat gemacht: „…die wirklichen genauen Umstände, die der eine oder andere kannte, aber damals keiner zu äußern wagte, nein, die [seien] allerdings dem Gericht nicht bekannt“. Es sei eine schöne Zeit damals gewesen „und alles wäre nicht so gekommen, hätte der eine unser Haus nie betreten“.

Zur Ausführung der Tat äußerte sie sich am 2. Juni 1941: „Früher glaubte ich, die Tat mit Überlegung ausgeführt zu haben. Heute weiß ich, dass ich damals doch zu jung war, um reiflich alles zu überlegen.“ Katharina bereute ihre Tat in vielen Briefen: „Der Allwissende […] weiß, dass ich ein anderer Mensch geworden bin und nie wieder etwas tun würde, was nicht sein dürfte.“

Irmgard Stieding hat bei ihrer Recherche auch die ablehnende Stellungnahme zu einem Gnadengesuch aus der NS-Zeit gefunden. Der Präsident der Christlichen Gefangenenhilfe, Johannes Muntau, urteilte über Katharina: „Sie gehört zu den Menschen, die immer unter einem Zwange stehen müssen, stehen sie nicht unter einem Anstaltszwange, dann unter dem Zwange ihrer Anlagen und Triebe.“

Vieles ist noch zu entdecken

Irmgard Stieding ist überzeugt, dass noch viel zeitgeschichtlich Verwertbares in der mehrere Epochen deutscher Geschichte umfassenden Briefsammlung steckt. Und sie hat sich ein eigenes Urteil über Katharina gebildet: „Ich glaube, dass man ihr trotz der nicht entschuldbaren Tat, die sie jedoch lange gebüßt hat, das Stigma einer bloßen Mörderin nehmen und sie auch als Mensch sehen darf, ja sehen muss.“

Die Briefsammlung wird am 3. Mai, ab 18 Uhr der Öffentlichkeit vorgestellt. Jeder, der Interesse hat, ist dazu eingeladen in das ehemalige Kaufhaus Krings an der Roermonder Straße 82. Irmgard Stieding und Willi Krings hoffen auf einen Dialog mit interessierten Bürgern, die vielleicht noch Mosaiksteinchen zum Karkener Doppelmord hinzufügen können.

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