Erkelenz-Hetzerath: Diskussion über „Heimat“ neu entfachen

Erkelenz-Hetzerath: Diskussion über „Heimat“ neu entfachen

Dem Begriff der Heimat war das interdisziplinäre Symposium gewidmet, zu dem der Heimatverein am Wochenende nach Hohenbusch eingeladen hatte. In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Helmut Brall-Tuchel von der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität hatten die Heimatforscher aus Erkelenz ein Programm auf die Beine gestellt, das die Annäherung an den problematischen Begriff versprach.

Bei der Eröffnung des Symposiums am Freitagmorgen betonte der Heimatvereinsvorsitzende Günther Merkens, dass in Erkelenz der Begriff der Heimat auch mit Verlust verbunden sei. Am Abend zuvor war eine Ausstellung im Herrenhaus eröffnet worden, bei der sich der Erkelenzer Künstler Karl-Heinz Laufs und vier weitere Künstler intensiv mit dem Verlust der Heimat durch den Braunkohletagebau auseinandersetzen (siehe unten).

Selbst der Ort der Tagung, das ehemalige Kreuzherrenkloster, sei ein Symbol des Heimatverlustes und der Vertreibung. Bürgermeister Peter Jansen betonte, dass die heutige globale Gesellschaft auch ein Gefühl für Heimat brauche. Auch er verwies darauf, dass durch die Entwicklungen beim Braukohletagebau die Diskussion um Heimat in Erkelenz erneut entfacht sei.

Professor Brall-Tuchel begab sich als erster Redner des Tages auf die Suche nach dem Ursprung des Heimatbegriffs. Die Heimat, so seine These, werde in der modernen Welt zerrieben zwischen globaler Ausrichtung und der Privatheit des Zuhauses. Selbst in der Schule spiele Heimat keine bedeutende Rolle mehr, das Fach Heimatkunde sei abgeschafft worden.

Er beleuchtete die wechselseitige Beziehung zwischen Heimat und Mensch. „Nicht der Mensch besaß die Heimat, die Heimat besaß den Menschen“, betonte er mit Blick auf die Bedeutung der Heimat im Mittelalter. In der Literatur habe der Begriff „keinen guten Klang“ und werde oft mit „Blut- und Bodenmentalität“ und rechter Gesinnung gleichgesetzt. Dies werde der Heimat als Raum, in dem man sich wohlfühlt und der Sinn stiftet, nicht gerecht. Letztendlich, so seine These, sei Heimat „ein fragiler Pakt, der von zwei Seiten geschlossen, aber auch wieder gebrochen werden kann“. Etwas, für das man sich entscheidet und um das man sich bemüht.

Der Breslauer Professor Wojtek Kunicki befasste sich mit der entfremdeten Heimat. Die Düsseldorferin Anke Peters befasste sich wieder mit dem Heimatbegriff im Mittelalter, während Madlen Kazmierczak den Fokus auf die Nachkriegsliteratur legte. Musikalisch wurde der Freitag vom Cornelius-Burgh-Chor unter der Leitung von Prof. Norbert Brendt beendet.

Auch der Samstag stand im Zeichen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, doch auch ein Ausflug ins Tagebaugebiet stand auf dem Programm. Prof. Sibylle Schönborn aus Düsseldorf erhob mit ihrem „Lob der Heimatlosigkeit“ Einspruch gegen das deutsche Konzept von Heimat. So ging es durchaus kontrovers zu beim Symposium. Am Samstag gehörte auch Thomas Pennartz, Vorstandschef der Kreissparkasse Heinberg, zu den Rednern. Er beleuchtete aus Sicht des Bankers natürlich den Wirtschaftsstandort Heimat. Im Anschluss las der Neusser Künstler und Autor Thomas Brandt, bevor er mit Brall-Tuchel, Merkens, Gisela Berger und dem Ersten Beigeordneten Dr. Hans-Heiner Gotzen an einer Diskussionsrunde über „Heimat und Erinnerungskultur“ teilnahm.

Beim interaktiven Workshop am Sonntag unter der Leitung von Hubert Rütten ging es auch ganz praktisch um Mundart und Ahnenforschung. Die Schreibwerkstatt der Wassenberger Bücherkiste stellte Texte zum Thema Heimat vor, wobei ein Fokus auf Anna Portz und ihrem Roman „Die alte Truhe“ lag. Beim anschließenden Konzert „Dennoch … Heimat!“ präsentierten das Duo EigenArt und weitere Künstler „Musik vom Tagebaurand“. Die entsprechende CD ist pünktlich zum Symposium erschienen und unter anderem in der Geschäftsstelle des Heimatvereins erhältlich.

Der Umstand, dass weder für das Symposium noch für das Konzert oder die Ausstellung Eintritt erhoben wurde, ist nach Ansicht von Günther Merkens richtig und erfolgreich. „Wir wollen jedem Interessierten die Möglichkeit geben, die Ergebnisse unserer Arbeit zu sehen“, erklärte er. Diese Möglichkeit wurde auch wahrgenommen. Man hatte zwar nicht mit Besucherrekorden wie bei der Ausstellung zu Arnold von Harff gerechnet, doch zeigte sich Merkens zufrieden mit der Resonanz bei der Bevölkerung.

(hewi)
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