Die Umweltsünden an Land gespült

Folgen der Flut : Die Umweltsünden an Land gespült

Was haben die Menschen im Kreis Heinsberg damit zu tun, wenn an irgendeiner Küste Europas ein verendeter Wal an Land gespült wird? Auf den ersten Blick einmal gar nichts. Doch wenn er 20 Kilogramm Plastik im Magen hat, dann sind auch die Menschen im Kreis Heinsberg auf ihre Weise verantwortlich, wenn auch Tausende Kilometer entfernt. Denn das Hochwasser der Rur Anfang März hat in der Region die Umweltsünden der Kreisbürger wieder an Land gespült, die mit etwas Pech eines Tages wieder im Meer landen.

Nach dem Hochwasser sehen die Rur-Ufer vielerorts ziemlich zerrupft aus. Das gehört zu jedem Hochwasser dazu: wenn es endlich geht, hinterlässt es Schlamm, Gehölz und organischen Abfall. Aber leider nicht nur das: Die Fluten haben auch jede Menge Zivilisationsmüll mitgebracht. „Autoreifen, Einkaufswagen, Glasflaschen – alles, was der Mensch so entsorgt“, sagt Marcus Seiler vom Wasserverband Eifel-Rur. „Vor allem aber Plastik in rauen Mengen“. Und das hängt jetzt in Fetzen von Bäumen und Büschen oder liegt an den Ufern. „Auf den ersten Blick aus einiger Distanz erkennt man nicht gleich, was das in dem Baum ist. Als beherberge er Vogelnester aus Plastik. Hässlich und sehr skurril. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es tatsächlich Plastik ist, was sich in den Ästen des Baums verfangen hat. „Ein trauriger Anblick“, sagt ein Naturschützer, der am Ufer der Rur bei Kempen spazieren geht und hier und da als einsamer Kämpfer die größten Stücke des Plastikmülls auf seinem Weg aufhebt.

Der Müll, den wir jetzt sehen, sei bedauerlicherweise immer da – und noch viel mehr davon, erklärt Seiler. „Nur ist er in der Regel unter Wasser.“ Wie viel Kubikmeter Müll sich an den Ufern der Rur angesammelt haben, das kann Seiler nicht mit Bestimmtheit sagen. Fest steht jedoch: „Es ist jede Menge.“ Die Mitarbeiter des Wasserverbands sind am Ende diejenigen, die die Ufer in den kommenden Monaten vom Müll und wild abgeladenem Bauschutt befreien werden. Am Ende werden alle Bürger dafür aufkommen müssen. „Denn auch der Wasserverband muss den Müll entsorgen und wird diese Kosten auf die Gewässerunterhaltungskosten und damit auf die Allgemeinheit umlegen“, sagt Seiler.

„Das, was dort angespült wurde, ist nicht nur das, was tatsächlich in der Rur entsorgt wurde, sondern auch viel wilder Müll, der entlang des Ufers entsorgt wurde und durch die Flut in die Bäume und ins Gewässer gespült wurde“, ärgert sich Ulrich Horst, Kreistagsabgeordneter der Grünen und Mitglied im Umweltausschuss des Kreises Heinsberg. Das bestätigt auch Seiler. „Ein Großteil des Plastiks wurde als wilder Müll vom Ufer links und rechts der Rur ins Geäst reingetragen.“

Den vielen Plastikmüll würden nun Enten oder Fische schlucken und davon krank werden oder sogar verenden, befürchtet er. „Wir vergiften uns selber“, ist auch Grünen-Fraktionsgeschäftsführerin Sofia Tillmanns überzeugt. „Plastik zersetzt sich nicht und landet am Ende als Mikroplastik in der Nahrungskette, an deren Ende wir stehen.“

Hans-Josef Jansen geht gerne am Rurufer bei Kempen spazieren. Seit Wochen beobachtet er die Müllsituation und ärgert sich, dass sich nichts tut. „Alle sind entsetzt, doch keiner unternimmt etwas. Sollten nicht jetzt Kreis, Städte, Naturschutzverbände und Heimatvereine zu einer gemeinsamen Säuberungsaktion aufrufen?“, fragt er sich. Denn bei der jetzt schnell zunehmenden Begrünung sehe man bald nicht mehr viel von dem Müll. „Im Herbst wird jedoch das meiste wieder sichtbar sein oder ist in der Zwischenzeit über Maas und Rhein in der Nordsee gelandet“, befürchtet er. Und wo es dann lande, „das haben wir ja in den letzten Tagen von dem an Müllresten verendeten Wal wieder einmal in der Zeitung lesen oder im Fernsehen sehen können“, sagt Sofia Tilmanns. „Nämlich in der Nahrungskette der Menschen und Tiere.“ Ulrich Horst will das Thema nun bei der nächsten Kreistagssitzung mitnehmen. „Das ist eine Sache, an die man mit vereinten Kräften ran muss – da sollten Zuständigkeitsbereiche und Verantwortlichkeiten nicht zwischen den Behörden hin- und hergeschoben werden. Denn wir haben alle Verantwortung“, sagt Horst.

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