Netze, Strukturen, Ziele: Die neuen Rechten ködern selbst fromme Christen

Netze, Strukturen, Ziele : Die neuen Rechten ködern selbst fromme Christen

Spätestens seit die AfD in deutschen Parlamenten sitzt, sind politisch interessierte und demokratisch orientierte Menschen sensibilisiert für das, was Kenner der Szene die neuen Rechten nennen.

Und doch ist es gar nicht so leicht, sich umfassend über dieses neue „politische Milieu“, wie es der Journalist Christian Fuchs nennt, genauer zu informieren. Das wurde auch deutlich in seinem Gespräch, zu dem er in der Reihe „Auf ein Wort mit…“ mit Rainer Herwartz, dem Leiter unserer Lokalredaktion, nach Heinsberg gekommen war. Fuchs arbeitet für das Investigativ-Ressort der Wochenzeitung Zeit und beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit dem Thema Rechtsextremismus. Zusammen mit seinem Kollegen Paul Middelhoff hat er nach intensiven Recherchen ein Buch zum Thema veröffentlicht. „Das Netzwerk der neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern“, lautet der Titel.

Ausschlaggebend für die drei Jahre währenden Arbeiten für dieses Buch seien Recherchen zu den Vorgängen in der Silvesternacht 2016 am Kölner Hauptbahnhof gewesen, antwortete er Herwartz auf dessen erste Frage. Und er verhehlte nicht, dass es keine einfache Recherchezeit war. Er sei bedroht worden und habe auch sogenannte Shitstorms im Internet aushalten müssen. Dass ihm dennoch Gespräche mit Vertretern dieser neuen Rechten gelungen seien, machte Fuchs an deren oft prägnanten narzisstischen Charakterzügen fest. Da helfe sicherlich mit, dass er für eine bekannte Zeitung wie die Zeit arbeite, bemerkte er.

Darüber hinaus sei aber auch Vieles öffentlich wahrnehmbar, Veranstaltungen oder Parteitage zum Beispiel. Während die altbekannten Neonazis eher in kameradschaftlichen Verbindungen zu finden seien, gäben sich die neuen Rechten intellektuell, seien als Hipster unterwegs. Eine durchgängige politische Theorie habe diese Szene nicht. Fuchs spricht in diesem Zusammenhang von einer Patchwork-Ideologie. Die neue Rechte bediene sich da verschiedener Denkmuster, die dann noch mit unterschiedlichen Verschwörungstheorien vermischt würden. „Zielsetzung ist die Rückabwicklung unserer pluralistischen Gesellschaft“, betonte er, „die Abschaffung von Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Presse- und Meinungsfreiheit, Gleichheit von Mann und Frau“. Die Fokussierung auf den Islam sei da nur ein Türöffner, um die Emotionen der Menschen einzufangen.

Buchautor und Zeit-Journalist Christian Fuchs. Foto: Anna Petra Thomas

Angesprochen auf eine aktuelle Zahl der Anhänger dieser Szene sprach er von 3000. „Eine vergleichsweise überschaubare Zahl. Was macht sie dann so gefährlich?“, wollte Herwartz wissen. „Sie haben die Medienlogik verstanden“, antwortete Fuchs. „Das verschafft ihnen eine sehr hohe Wirkmacht.“ Derzeit seien insgesamt 167 Organisationen bekannt, in denen immer wieder dieselben Leute sitzen würden. Dabei verwies er auf die Internetseite neuerechte.org, auf der er die Karte mit diesen Organisationen immer aktuell hält.

Um neue Sympathisanten zu gewinnen, mache die neue Rechte zielgruppenspezifische Angebote, nannte er etwa die Einladung zu Demos für fromme Christen, denen moderne gesellschaftliche Entwicklungen suspekt sind oder die AfD, die sich als Retter des Diesel-Autos positioniere. Verteilt seien die neuen Rechten in ganz Deutschland. Die meisten gebe es in NRW, in Berlin, in Sachsen und in Sachsen-Anhalt. Im Osten Deutschlands seien dabei meist zugewanderte „Wessis“ aktiv. In diesem Zusammenhang sprach Fuchs von einem dort vorhandenen guten Nährboden für die Versprechungen der neuen Rechten. Wie nach dem Zweiten Weltkrieg sei nach der Wende im Osten sehr viel Wirtschaftsförderung betrieben worden. Dabei habe man allerdings vergessen, auch zivilgesellschaftliche Strukturen aufzubauen. Zudem hätten die Menschen dort keine Demokratieerfahrung. „Viele sind aber gar keine Rassisten“, so Fuchs. „Die wollen einfach nur ihre Ruhe haben.“

Von einer Unterwanderung staatlicher Strukturen wollte Fuchs nicht sprechen. „Alle Behörden sind ein Spiegel der Gesellschaft“, erklärte er. Angesprochen auf die Finanzierung der neuen Rechten, wusste er von sieben großen Spendern, „alles alte, weiße Männer über 60.“ Sie hätten keine Erben, zu viel Freizeit und den Wunsch, den gesellschaftlichen Wandel zurückzudrehen. Mittlerweile seien die neuen Rechten darauf aber nicht mehr angewiesen, weil sie durch ihren „parlamentarischen Arm“, die AfD, inzwischen in Parlamenten säßen und so ihre Einnahmen hätten. Und wenn sie es noch einmal in den Bundestag schaffen würden, könnten sie sogar ihre eigene parteinahe Stiftung gründen, die ihnen zusätzliche Einnahmen in Millionenhöhe für ihre Bildungsarbeit verschaffe.

„Von den Gründern der AfD ist aber heute eigentlich niemand mehr da“, so Fuchs weiter. Die AfD werde benutzt, die Macht zu erlangen. Danach würden „Steigbügelhalter“ wie Jörg Meuthen einfach entsorgt, prognostizierte er. Und es werde schon jetzt nicht mehr lange dauern, bis zumindest die konservativen Parteien ihre Zurückhaltung gegenüber der AfD aufgeben würden. Die aktuelle Klimadebatte und die daraus resultierenden Erfolge der Grünen hätten der AfD ein wenig Wind aus den Flügeln genommen, doch sie sei schon dabei, die „soziale Frage“ als neues Thema zu besetzen, wusste er aus seinen aktuellen Recherchen zu berichten.

Eine intensive Diskussion mit den Zuhörern schloss sich an. Dabei wurde unter anderem deutlich, dass auch hier in der Region Menschen tatsächlich Angst vor der aufgezeigten Entwicklung haben, sich noch mehr Informationen über die Ziele der neuen Rechten wünschen würden und dazu auch eine Hilfestellung im Umgang damit. Da werde es bald Unterstützung geben, verriet Fuchs seinem Heinsberger Publikum ganz exklusiv erste Ansätze eines gemeinsamen Projekts mit dem Fernsehmoderator Claas Heufer-Umlauf.

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