Wibke, Christine und der Job als Lehrerin: Die Jobsuche in Zeiten des Lehrermangels

Wibke, Christine und der Job als Lehrerin : Die Jobsuche in Zeiten des Lehrermangels

Wibke Schöbben studiert noch, unterrichtet aber schon. Christine Lennartz findet keine Stelle – wegen eines Makels. Für Einzelfälle hat das NRW-Bildungsministerium jedoch keinen Kommentar übrig.

Wibke Schöbben ist Sportlehrerin an der Realschule Oberbruch in Heinsberg. Sie ist die einzige Sportlehrerin der Schule. Sie ist 25. Und sie ist gar keine Lehrerin. Noch nicht. Denn Wibke Schöbben ist Studentin. Im 9. Semester. Ohne Vorbereitungsdienst, wie das Referendariat offiziell heißt. Ohne Staatsprüfung. Das kommt beides noch. Trotzdem arbeitet Schöbben als Sportlehrerin – und steht so exemplarisch für eine der seltsamsten Blüten, die der Lehrermangel in NRW treibt.

Es ist Freitagnachmittag in Oberbruch. Für Wibke Schöbben ist die Schule für heute vorbei. Montag und Freitag sind ihre Schultage. Insgesamt zwölf Stunden unterrichtet sie. Mathematik und Sport. Mathematik im „Team-Teaching“, Sport alleinverantwortlich. Von Dienstag bis Donnerstag studiert die Heinsbergerin an der Uni in Wuppertal.

„Ich war am ersten Tag an der Schule echt aufgeregt“, sagt sie. Aber die Kollegen nahmen ihr den Druck. „Das ist eine Vertretungsstelle. Du bist da ziemlich frei“, sagten sie. Eigentlich hatte sich Schöbben im Anschluss an ein Praktikum als Schwangerschaftsvertretung an einer anderen Realschule beworben. Doch die Schule in Oberbruch suchte noch dringender Ersatz. Der Sportlehrer dort fiel gesundheitlich für ein halbes Jahr aus. Also bewarb sie sich dort. Und weil sich am Ende niemand Höherqualifiziertes bewarb, bekam sie die Stelle.

Christine Lennartz hat die Abschlussprüfung nicht bestanden, würde aber trotzdem gern an der Grundschule unterrichten. Foto: Madeleine Gullert/ZVA/Madeleine Gullert

200 Studenten unterrichten schon

Das NRW-Schulministerium hat kein Problem damit, dass Wibke Schöbben ohne Examen als Lehrerin arbeitet. „Sollten Masterstudenten neben dem Studium eine zusätzliche befristete Tätigkeit an einer Schule anstreben, können sie einer solchen Unterrichtstätigkeit nachgehen, solange für das Studium genügend Raum bleibt“, heißt es dazu auf Anfrage aus dem Ministerium.

200 Studenten und Studentinnen arbeiteten im Schuljahr 2017/2018 als Lehrer an NRW-Schulen. 200 Studierende unter mehr als 198.000 Lehrkräften. Ein Anteil von 0,1 Prozent. Es ist also kein Massenphänomen, das hier um sich greift, aber wie ungewöhnlich es ist, wird deutlich, wenn man die Frage stellt: Würden Sie sich von einem Arzt operieren lassen, der noch mitten im Studium steckt? Ließen Sie sich ihr Haus bauen von einem Architekturstudenten kurz nach der Zwischenprüfung? „Ich kann den Vorwurf schon verstehen. Es ist schwierig. Wir Studenten sind natürlich froh, dass wir es machen können. Man sammelt so viel Erfahrung, und es ist ein lukrativer Nebenjob“, sagt Schöbben.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW sieht den Lehr-Einsatz von Studenten kritisch. „Hier wird nach der Logik gehandelt, möglichst viel Unterricht an den Schulen zu erteilen. Selbstverständlich können Lehramtsstudierende noch nicht alle Standards erfüllen, sie sind ja noch in der Ausbildung. In begrenzten Maßen ist das zu vertreten. Das darf aber keinesfalls zum Abbruch des Studiums führen“, sagt GEW-Sprecher Berthold Paschert.

Doch genau das passiert, wenn man Helga Leineweber glaubt. Sie ist die Studiengangsleiterin Bachelor und Master im Lehramt Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln und berichtete unlängst auf einer Podiumsdiskussion von Fällen, in denen Schulen Studierende aus dem Studium heraus abgeworben hätten. Dem Schulministerium liegen zu diesem Phänomen keine Zahlen vor, sie werden nicht gesondert erfasst, aber „das Abwerben von Studierenden eines Lehramtsstudienganges kann nicht unterstützt werden“, heißt es. Denn wer seine Lehrerlaufbahn ohne Examen angeht, dem entgehen Vorteile wie Verbeamtung und bessere Besoldung.

Christine Lennartz stünde jetzt vielleicht besser da, wenn sie ihr Studium nicht weitergeführt hätte. Die Aachenerin sucht verzweifelt nach einer Stelle an einer Grund- oder Förderschule, „am liebsten eine feste oder eine Vertretungsstelle“, doch die Rückmeldungen sind schlecht. „Und das trotz des Lehrermangels“, sagt die 31-Jährige. Schließlich fehlen in NRW 1100 Grundschullehrer. Lennartz’ Lebenslauf hat aber einen Makel. Sie hat das Zweite Staatsexamen nicht bestanden. „Auch aufgrund einer Erkrankung habe ich enorme Prüfungsangst, in Stresssituationen fallen mir dann Dinge nicht ein, mitunter fange ich auch an stark zu zittern.“

Absagen wegen fehlender Prüfung

Nach dem Grundschulstudium an der Uni Münster hat Lennartz das Referendariat gemacht, den ersten Prüfungsversuch trat sie erst gar nicht an, er wurde aber als Fehlversuch gewertet. Den zweiten bestand sie nicht. Sie hat sich mit ihrer speziellen Situation nicht gut unterstützt gefühlt, teilweise gemobbt. Etwa sieben Prozent der Lehramtsstudenten bestehen das Zweite Staatsexamen nicht. Sie fallen also bei der Abschlussprüfung des Referendariats – bestehend aus zwei Unterrichtsstunden plus Kolloquium – durch. Lennartz bekommt viele Absagen mit Verweis auf das nicht bestandene Examen.

Lennartz kann nicht verstehen, dass Menschen wie Wibke Schöbben oder Quereinsteiger ganz ohne pädagogische Ausbildung unterrichten dürfen und sollen. Sie aber, die fertig ausgebildet ist und „einfach nur arbeiten möchte, weil es mir Freude macht, mit Kindern zu arbeiten und ihnen etwas beizubringen“, fühlt sich ausgebremst. Dabei hat sie schon vor und auch nach dem Referendariat unterrichtet, beispielsweise an einer Grundschule in Düren und an einer Förderschule in Stolberg. Dort liefen die Vertretungsstellen aber aus. Derzeit hospitiert sie an einer Schule in Aachen und hofft auf eine Stelle. Seit Beginn des vorigen Sommers hat sie rund 20 Bewerbungen geschrieben. Doch ihr ist es auch schon passiert, dass sie nicht genommen wurde, obwohl sie die einzige Bewerberin war.

Einzelfälle will das Ministerium nicht kommentieren. Es gibt laut NRW-Schulministerium keine Vorgabe, wie Schulen mit gescheiterten Lehramtsstudenten umgehen sollen. „Die Schulleitungen entscheiden bei Vertretungsstellen ganz allein, wen sie einstellen“, sagt ein Sprecher des Schulministeriums.

Zurück nach Heinsberg: Unterstützung hat Wibke Schöbben in Oberbruch nur begrenzt. Das liegt in der Natur der Sache, denn die Schule wird am Ende des Schuljahres aufgelöst, es gibt nur noch zwei zehnte Klassen. „Ich habe hier im Alltag keinen Kollegen, den ich fragen kann. Ich bin ja die einzige Sportlehrerin“, sagt sie. Also ist vieles „Learning by doing“. Sie recherchiert Schulstoff in der Bibliothek und im Internet. „Man kann viel ausprobieren: Was funktioniert gut, was nicht? Ich habe mir eigene Unterrichtsmaterialien erstellen können“, sagt sie. Als Studentin schon als Lehrerin zu arbeiten, kann Schöbben jedenfalls unter dem Strich nur empfehlen. „Man sollte nur den Bachelor abwarten, damit man zumindest ein bisschen älter ist als die Schüler“, sagt sie.

Als Praxissemester kann sich Schöbben die Zeit in Oberbruch übrigens nicht anrechnen lassen. Das Praxissemester absolviert sie ab Frühjahr. In Wuppertal-Barmen an einer Gesamtschule. Dann kann sie nur noch am Freitag in Oberbruch unterrichten. Aber besser einen Tag als keinen Tag. Denn „gerade Noten geben, das lernt man ja in der Uni nicht.“

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