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Utopia an der Abbruchkante: Die Gegenwelt von Lützerath

Utopia an der Abbruchkante : Die Gegenwelt von Lützerath

Die Reste des Dorfes Lützerath sind derzeit ein Kristallisationspunkt der Klima-Problematik. Die neuen Bewohner wollen den Kohleabbau aufhalten. Aber sie wollen auch ein anderes Leben erproben.

Amaka liebt es, morgens hoch über dem Boden aufzuwachen. Zusammen mit drei anderen Frauen bewohnt sie ein zweistöckiges Baumhaus im „Lützi-Wäldchen“. Ihre Freundin Lilly erzählt lachend, dass Amaka ein bisschen chaotisch sei: „Ich habe immer das Gefühl, ich kann alle ihre Sachen nehmen, weil sie eh nicht weiß, was ihr gehört.“

Oben in ihrem Baum fühlen sich die Frauen sicher. „Cis-Männer“ – Männer, die bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen bekamen und sich damit identifizieren – haben dort oben keinen Zutritt. Allerdings gibt es da eine Sache, die Amaka große Sorge bereitet. Sie muss immer daran denken, wenn sie den Eichhörnchen beim Nüsse sammeln zuschaut: „Es ist natürlich schon traurig, dass die bald gar nicht mehr an ihre Vorräte rankommen werden.“ Bald – „wenn das alles hier wegkommt“.

Ein paar Schritte entfernt gähnt der Abgrund. Der Blick geht über eine Landschaft wie von einem anderen Planeten. Gigantische Schaufelradbagger, mehr als 200 Meter groß, graben hier Kohle aus. Im Laufe der Zeit haben sie einen unabsehbaren grauschwarzen Canyon erschaffen. Noch aus weiter Entfernung sieht man die Maschinen aus der Grube ragen. Ein gespenstischer Anblick.

Das jahrhundertealte Dorf Lützerath soll der Kohleförderung weichen, es ist schon lange so beschlossen. Die ursprünglichen Bewohner sind weg, aber neue sind gekommen. Jung und klimabewegt. Sie wollen die letzten noch stehen gebliebenen Gehöfte und Wohnhäuser gegen den Abriss durch den Energiekonzern RWE verteidigen. Lützerath ist dadurch zu einem Kristallisationspunkt der Klimaproblematik geworden.

Ein Besuch in dem Dorf ist ein Ausflug in eine Gegenwelt. Das beginnt bei der Optik. Die verwitterten niederrheinischen Backsteinhöfe, die uralten, knorrigen Bäume und Weiden sind von den zugezogenen Klimakämpfern gleichsam verwandelt worden. Die Häuser tragen fantasievolle Bemalungen, in den dicken Ästen der Eichen und Buchen hängen windschiefe Hütten. Überall gibt es etwas zu entdecken. Mitten in der Botanik hat jemand einen aufgespannten Schirm aufgehängt. Vermooste Wohnwagen bilden gemütliche Hobbithöhlen im „Auenland“. Eine Hütte auf Rädern mit abgeblätterter Farbe beherbergt das „Corona-Testzentrum“, wie die schnörkelige Aufschrift besagt. Eine selbst gezimmerte Hütte ist in ironischer Weise mit einem spießigen Jägerzaun samt Schild umringt worden: „Betreten, Befahren und Bespielen der Rasenfläche ist verboten.“

Es ist aber nicht nur das Äußere, was diesen Ort von der gewohnten Welt abhebt. In der Mitte steht eine Konstruktion aus Zeltplanen und Holz. Die Bewohner nennen es „Zirkuszelt“, aber von der Funktion her ist es eine Art Parlament. Der Platz, an dem es „Plenumssituationen“ gibt, wie Mara Sauer aus dem Presseteam erläutert. „Wir organisieren uns hier selbstbestimmt, das heißt, es gibt keine Hierarchien. Wir setzen uns zusammen und entscheiden Sachen gemeinsam.“

Das Dorf Lützerath, das derzeit aus letzten ehemaligen Wohnhäusern, Holzhütten, Wohnwagen und Baumhäusern besteht, befindet sich unmittelbar an der Abbruchkante.
Das Dorf Lützerath, das derzeit aus letzten ehemaligen Wohnhäusern, Holzhütten, Wohnwagen und Baumhäusern besteht, befindet sich unmittelbar an der Abbruchkante. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Auf einem Schild steht: „Dir gefällt es hier? Dann bleib doch!“ Jeder könne sich dieser Gemeinschaft anschließen, betont Mara Sauer. „Wir versuchen, unser Leben so zu organisieren, dass Menschen davon befreit werden, eine Arbeit zu machen, die sie gar nicht machen wollen.“ Man brauche kein Geld, um in Lützerath zu leben. Wie läuft das praktisch ab? „Es gibt eine Finanz-AG.“ Die verwalte Spenden. Außerdem ernähre man sich von Lebensmitteln, die sonst weggeworfen würden, weil das Verfallsdatum abgelaufen ist.

Es geht hier nicht nur darum, sich der Ausbreitung des Tagebaus entgegenzustellen. Die kleine Gemeinschaft will daneben „alternative Lebensweisen zum Kapitalismus erproben“. Nur mit wesentlich weniger Konsum und Energieverbrauch kann die Klimakrise noch aufgehalten werden – das ist ihre Überzeugung.

 Die Baumhäuser im Protestcamp werden winterfest gemacht.
Die Baumhäuser im Protestcamp werden winterfest gemacht. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Unter dem Zelt riecht es an diesem Tag nach frisch gesägtem Holz. Den Grund dafür erfährt man, wenn man eine steile Leiter erklimmt und in die Dachkonstruktion klettert. Ein junger Mann – er stellt sich als Philipp vor – bearbeitet dort Holzbalken mit einer Säge. „Wir machen gerade die Wände“, erklärt er. „So wie hier.“ Er deutet auf eine sauber zusammengezimmerte Holzwand, die ein wenig an einen Hobbykeller aus den 80er Jahren erinnert. Philipps Ziel ist es allerdings, einen Ort zum Wohnen zu schaffen. Einen Ort, der vor Regen und Kälte schützt. Das ist wichtig, jetzt, da die warmen Sommerabende bald nur noch eine ferne Erinnerung sein werden.

Mara Sauer hatte ihren Aha-Moment 2018 beim Protest gegen die Vernichtung des Hambacher Walds. „Da habe ich gemerkt: Hey, ich kann noch ganz andere Sachen machen als ewig meinen ökologischen Fußabdruck zu berechnen. Wenn wir uns zusammen tun, können wir krasse Sachen erreichen.“ Das zu verstehen, sei für sie ein Augenblick der Selbstermächtigung gewesen. „Da war plötzlich wieder Hoffnung da.“

 Gekocht wird im Camp vor allem mit Lebensmitteln, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.
Gekocht wird im Camp vor allem mit Lebensmitteln, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Man kann sich schon vorstellen, dass das Leben hier seine angenehmen Seiten hat. Zur Entspannung gibt es sogar eine Skaterhalle. Aber was ist, wenn es mal knallt? Dann geht's ab in die „Awareness-Hütte“. „Das ist so ein Anlaufpunkt für ganz akute Fälle“, erklärt Sauer. „Diskriminierende Vorfälle passieren hier genauso wie an anderen Orten, weil wir alle in einem System aufgewachsen sind, wo uns ansozialisiert wird, sexistisch zu sein, rassistisch zu sein. Für uns ist aber ganz wichtig, wie wir damit umgehen. Wir versuchen aktiv, Diskriminierung aufzuarbeiten.“

Die Küche ist eine Art Open-Air-Kantine an einem Hallentor. Fleischlos natürlich. Ein junger Mann, der sich Branko nennt, sagt, dass man erst kürzlich wieder Teller gezählt habe: Demnach müssten sich derzeit um die 120 Menschen in Lützerath aufhalten. Es gebe immer zwei bis drei Leute, die kochten, fünf bis sechs, die schnippelten, und drei bis vier, die spülten. Das Angebot an diesem Morgen bezeichnet Branko als „Brunch“. Es sieht aus wie eine Mischung aus Pizza und Pfannkuchen. Ungefähr um sechs Uhr gibt es Abendessen. Gestern auf dem Speiseplan: Nudeln mit Rote-Bete-Soße und Salat.

So geht alles seinen gemächlichen Gang. Die Bäume leuchten in den lodernden Farben des Herbstes, kurz bevor sich die Kronen im ersten Sturm lichten. Doch über dem Utopia an der Abbruchkante schwebt die Frage: Was geschieht, wenn geräumt wird? Die Antwort müsse jeder für sich selbst finden, sagen die Bewohner. Längst nicht alle scheinen bereit zu sein, auf die Barrikaden zu gehen. Viele würden wohl einfach nur ausharren und sich dann von der Polizei wegtragen lassen. Amaka, die sanfte junge Frau, sagt: „Ich habe Angst, unser Zuhause zu verlieren. Aber wir sind hier bis zum Ende.“

(dpa)