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Grüne vor Kreisparteitag: Die Aktivistin, die in den Bundestag will

Grüne vor Kreisparteitag : Die Aktivistin, die in den Bundestag will

Kathrin Henneberger, die gegen den Tagebau Garzweiler kämpft, will für die Mönchengladbacher Grünen in den Bundestag. Auch beim Heinsberger Kreisverband war sie als Direktkandidatin im Gespräch.

Der Tagebau Garzweiler und die bedrohten Erkelenzer Dörfer sind heftig umstritten. Einerseits in der Politik. Andererseits kämpfen Aktivisten auf der Straße gegen die Kohle. Oder besser: Auf Hausdächern. Als in Lützerath zuletzt Kohlegegner auf ein Haus geklettert waren, um die Abrissarbeiten zu behindern, war auch Kathrin Henneberger dort. Sie stellte sich vor das besetze Haus und machte mit ihrem Handy ein Video, das sie bei Twitter übertrug. Dort folgen ihr immerhin 10.000 Menschen.

Henneberger, die im Kreis Heinsberg lebt, ist Klimaaktivistin und Grünen-Politikerin. Sie tritt bei der bevorstehenden Bundestagswahl für die Grünen in Mönchengladbach an – will sich aber wegen des Tagebaus auch für die Kreise Neuss und Heinsberg engagieren. Allerdings ist sie nicht die Direktkandidatin für den Kreis Heinsberg. Das sei zwar mal im Gespräch gewesen, sagt Ruth Seidl, Kreissprecherin der Grünen, aber der Grünen-Kreisverband setze jetzt auf einen eigenen Kandidaten, der thematisch breiter aufgestellt ist. Wer das sein wird, entscheidet sich am Donnerstag.

Der Kreisparteitag der Grünen findet dann digital statt. Die Mitglieder können dabei zwischen Dignanllely Meurer aus Erkelenz und Roland van den Boom aus Wassenberg wählen, die beide Bundestagskandidaten für die Heinsberger Grünen werden wollen.

Besonders in der Klimaschutzbewegung ist Kathrin Henneberger, 33 Jahre, deutlich prominenter als die möglichen Heinsberger Kandidaten. Im August 2019 zeigte sie der „Fridays for Future“-Initiatorin Greta Thunberg zusammen mit Luisa Neubauer, dem deutschen Gesicht von „Fridays for Future“, den Tagebau Hambach.

 Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg (M.) steht mit Luisa Neubauer (l.), „Fridays for Future“, und Kathrin Henneberger (r.) als Vertreterin des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“ am Tagebau Hambach. Thunberg hatte den Braunkohletagebau und den Hambacher Forst im August 2019 besucht.
Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg (M.) steht mit Luisa Neubauer (l.), „Fridays for Future“, und Kathrin Henneberger (r.) als Vertreterin des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“ am Tagebau Hambach. Thunberg hatte den Braunkohletagebau und den Hambacher Forst im August 2019 besucht. Foto: dpa/Oliver Berg

Nachdem Henneberger auf einer RWE-Hauptversammlung eine Rede gehalten hatte, erteilte der Konzern ihr Hausverbot. Sie war mit Anfang 20 Bundessprecherin der Grünen Jugend und in den Jahren 2018 und 2019 Pressesprecherin von „Ende Gelände“, dem radikalen Teil der Klimabewegung.

Henneberger will nun auch Vertreterin der Klimaschutzbewegung im Parlament sein. „Die Klimabewegung ist der Akteur, der puscht, damit Bewegung in die Sache kommt“, sagt sie. Will heißen: Klimaschutz geht zu langsam, der Stellenwert ist immer noch zu niedrig. Das will sie ändern.

Das Thema fesselt Henneberger. Sie ist in Köln in der Nähe einer Shell-Raffinerie aufgewachsen, das hat sie geprägt. Sie wurde Greenpeace-Mitglied und kam mit 15 Jahren zu den Grünen. „Was wir im Hier und Jetzt tun, entscheidet über die nächsten Jahrhunderte“, sagt sie. Und zwar über die Frage, ob viele Regionen der Erde bewohnbar bleiben oder nicht, sagt sie.

Solche Probleme werden in Erkelenz am Rand des Tagebaus greifbar. Unter den bedrohten Dörfern liegen Henneberger zufolge noch 600 Millionen Tonnen Braunkohle. Was in etwa 600 Millionen Tonnen CO2 entspreche. Angesichts von 722 Millionen Tonnen CO2, die Deutschland im Jahr 2020 ausgestoßen habe, eine gewaltige Menge.

„Es ist ein Irrsinn, diese Kohle noch zu verfeuern“, sagt Henneberger. Konkret fordert sie ein Moratorium für die Braunkohle. Damit meint sie eine Vollbremsung für die Kohle. Das Parlament müsse neu über ein Kohleausstiegsgesetz entscheiden, unter anderem auch, weil das Bundeswirtschaftsministerium vor dem jüngsten Beschluss ein Gutachten zurückgehalten hat, das zu dem Ergebnis kommt, dass die bedrohten Dörfer gerettet werden können.

„Das Kohlegesetz muss aufgeschnürt und neu verhandelt werden. Auf Grundlage des Gutachtens und der Pariser Klimaziele, an die wir gebunden sind“, sagt Henneberger.

Nun sind politische Forderungen das eine, Blockaden von Tagebauen oder Kohlebahnlinien jedoch etwas anderes. Dass Henneberger Teil einer Gruppe war, die bewusst Grenzen überschreitet und vom Verfassungsschutz als linksextrem beeinflusst eingestuft wurde, sieht Ruth Seidl nicht als Problem für den bevorstehenden Wahlkampf.

Einerseits setzt der Heinsberger Kreisverband ohnehin auf andere Bewerber, andererseits sei man dem Widerstand gegen die Kohle auch verbunden. Seidl könne verstehen, dass junge Menschen in Lützerath auf Hausdächer klettern. Das Abbaggern von Landschaft, Dörfern und Kirchen wiege da viel schwerer. „Wir unterstützen den friedlichen Widerstand“, sagt Seidl. Was sie vermisst, ist ein parteiübergreifendes Bündnis für die bedrohten Dörfer im Kreis Heinsberg.

Auch Henneberger glaubt nicht, dass ihr Engagement bei „Ende Gelände“ ihren Wahlkampf belasten wird. „Ziviler Ungehorsam war immer ein Teil der Grünen und ist es noch“, sagt sie. Wenn sie die alten „Abenteuergeschichten“ von heutigen grünen Spitzenpolitikern höre, „dann wackeln mir die Ohren“. Wenn die von Castor-Protesten erzählten, dann merke sie, wie „brav“ sie dagegen sei. Wenn sie in den Bundestag einziehen sollte, will sie übrigens auch weiterhin an „Ende Gelände“-Aktionen teilnehmen. Dann allerdings als Parlamentarische Beobachterin.