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Heinsberg: Der zerbombte Marienaltar kehrt zurück in die Kirche

Heinsberg : Der zerbombte Marienaltar kehrt zurück in die Kirche

„Nur die alten Heinsberger haben ihn noch in Erinnerung“. So schreibt der Heinsberger Historiker Wilhelm Frenken über den ehemals prächtigen, mehr als zehn Meter hohen Marienaltar in der 2012 erschienenen Chronik der Propsteikirche St. Gangolf. Was von diesem Altar übriggeblieben ist, kann jedoch ab sofort an derselben Stelle im nördlichen Seitenschiff wieder bewundert werden.

14 Figuren sind quasi an den Platz zurückgekehrt, den sie einst im Altar innehatten, gehalten von einfachen Metallkonsolen. Am kommenden Sonntag, 9. September, wird Propst Markus Bruns den neuen Marienaltar im Rahmen der Sonntagsmesse um 11 Uhr im Selfkantdom auf dem Heinsberger Kirchberg einsegnen.

In der Krypta standen die Figuren versammelt, bevor neun von ihnen jetzt noch in Aachen restauriert wurden und ebenfalls im neuen Altar aufgestellt wurden. Während der heiligen Messe am morgigen Sonntag um 11 Uhr wird Propst Markus Bruns den neuen Marienaltar im Selfkantdom einsegnen. Foto: Anna Petra Thomas

Bombenangriff 1944

Als letzte brachte die Restauratorin Stefanie Korr die Christusfigur wieder zurück in die Kirche, die nun ihren Platz im neuen Altar, bestehend aus insgesamt 14 Figuren, gefunden hat.

Am 16. November 1944, während des Zweiten Weltkriegs, war der Altar wie so Vieles in Heinsberg einem Bombenangriff zum Opfer gefallen. 42 Jahre zuvor, am 14. September 1902, war er geweiht worden. Geschaffen hat ihn der Heinsberger Bildhauer Heinrich Koulen, der damals am Fuße des Burgbergs sein „Atelier für christliche Kunst“ hatte. „Die Kosten für diesen Altar betrugen 20.000 Mark, die von den Frauen und Jungfrauen der Pfarrgemeinde aus Spendengeldern aufgebracht wurden“, schreibt Frenken. Nachempfunden habe Koulen diesen Altar mit der Darstellung der Krönung Mariens dem berühmten Altar von Michael Pacher in der Kirche von Sankt Wolfgang in Österreich, ohne ihn jedoch einfach zu kopieren.

Übrig blieben nach dem Bombenangriff nur noch 14 Figuren aus Lindenholz, die seit dem Krieg ihr Dasein auf dem Dachboden der Propstei fristeten. Engagierte Mitglieder des Kirchenvorstands wie Jakob Zeitzen hatten jedoch immer wieder an sie erinnert. Im April vergangenen Jahres präsentierten Propst Markus Bruns, der Architekt Gregor Dewey aus Viersen, der Künstler Jürgen Drewer aus Nettetal-Hinsbeck und der Metallbauer Willi Jansen aus Heinsberg dann die Pläne für die Realisierung der Neuinstallation der 14 Figuren. Kooperiert hatten sie dabei mit Marc Peez, dem Leiter der Restaurationswerkstatt für organische Materialien im Amt für Denkmalpflege des Landschaftsverbands Rheinland (LVR).

Alle Beteiligten waren damals übereingekommen, dass die Größe des ehemaligen Altars am besten deutlich werde, wenn die noch vorhandenen Figuren auf der Wand mit den „Mitteln unserer Zeit“ wieder genau dort platziert würden, wo sie auch im Altar ihren Platz hatten. „So entsteht in der Vorstellung des Betrachters wieder der Ort, der hier einmal war“, hatte der Architekt dazu erklärt.

Auf einfachen Konsolen aus unbehandeltem Stahl haben die Figuren jetzt vor der weiß getünchten Wand wieder ihren Platz gefunden. Fünf der 14 Arbeiten von Koulen waren schon zuvor restauriert worden. Bei ihnen waren die noch vorhandenen Farbreste gänzlich entfernt worden. Die Restauration der übrigen neun Figuren übernahm die Aachener Restauratorin Stefanie Korr. In mühevoller Kleinarbeit investierte sie bis zu 40 Arbeitsstunden in die einzelnen Figuren.

Dabei gelang es ihr, die Bemalung zu erhalten und wieder leuchtend herauszuarbeiten, wo sie noch vorhanden war. Das war aufgrund der Kriegsbeschädigungen der Figuren sehr anspruchsvoll. „Die Farbschichten hatten sich mit dem Dreck quasi vermischt“, erklärte sie, als sie in der vergangenen Woche die große Christusfigur als letzte wieder in die Kirche zurückbrachte. In minuziöser Arbeit schaffte sie es jedoch, sich ablösende Farben wieder mit Leim zu befestigen und die Verunreinigungen zu entfernen. So gewinnt der Betrachter bei näherem Hinsehen jetzt einen Eindruck von der früheren intensiven Farbgebung der Figuren.

Symbolisch verschlossen

Weitere Konsolen des neuen Marienaltars deuten an, wo einst die Altarmensa und die Predella, der Sockel auf der Altarmensa, ihren Platz hatten. Um daran zu erinnern, dass der Altar Flügel hatte, die während der Fastenzeit verschlossen waren, hängt jetzt in dieser Zeit künftig eine violette Stoffbahn vor der Mitte des Altars.

Die Funktion eines Zelebrationsaltars soll diese Rekonstruktion des Marienaltars nicht mehr haben, betont Bruns. Durch die Konservierung und erneute Aufstellung blieben die Figuren jedoch jetzt als Glaubenszeugnis für zukünftige Generationen erhalten. „Die Spuren der Bombardierung werden auch nach der Konservierung sichtbar sein“, sagt er. „Somit stellen die noch erhaltenen Fragmente des ehemaligen Marienaltars auch ein Zeitzeugnis der Geschichte des 20. Jahrhunderts dar.“