Den Landwirten droht nach der Reform ein dickes Minus

So viel EU steckt in der Landwirtschaft : Den Landwirten droht nach der Reform ein dickes Minus

Die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU ist noch umstritten. Bio-Bauer Frank Tammer arbeitet aus Überzeugung ökologisch. Bernhard Conzen fordert Einkommenssicherung für Landwirte.

Als Frank Tammer über den Zaun steigt, kommen die ersten Hühner gleich angelaufen. Neugierig sind die Tiere. Tammer geht über die Wiese und öffnet die Tür zu dem mobilen Hühnerstall. 180 Hühner hält er dort, in Saeffelen im Selfkant. Viel mehr sollen es auch nicht werden. Er findet, dass es den Tieren gut tut, in einer recht kleinen Gruppe zu leben. Zu viele Tiere auf zu engem Raum, das bedeute Stress. „So wie bei uns Menschen“, sagt er. Tammer ist Bio-Bauer, der Betrieb, den er mit seinem Schwiegervater Josef Hagen führt, wirtschaftet nach den Richtlinien des Demeter-Verbandes. Das sind die strengsten Bio-Richtlinien, die es in Deutschland gibt.

Wenn in Brüssel demnächst wieder über die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU-Mitgliedsstaaten diskutiert wird, geht es auch um Öko-Landbau, um Biodiversität, aber auch um sicheres Einkommen und Wettbewerbsfähigkeit. Es gibt wohl kaum einen Bereich, in dem die europäische Integration so tief greift, wie in der Landwirtschaft. Die Agrarsubventionen machen fast 40 Prozent des EU-Budgets aus. Bei der anstehenden GAP-Reform geht es also um Milliarden.

Aktuell fließen jährlich 6,2 Milliarden Euro an EU-Fördermitteln nach Deutschland. Die Landwirte können sich aber darauf einstellen, dass das Budget ab 2021 schrumpft, wenn die Reform greifen soll, sagt Bernhard Conzen, Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbands. Wenn die Briten die EU verlassen, klafft ein Loch im Etat, außerdem verschieben sich die politischen Prioritäten innerhalb der EU hin zu Migration und Grenzschutz.

Conzen fordert, dass trotzdem eine stabile Säule in der Finanzierung erhalten bleibt, die für die Landwirte direkt „einkommenswirksam“ bleibt. Denn viele Betriebe hängen am Tropf des Brüsseler Geldes: Laut Bundeslandwirtschaftsministerium kommen im Schnitt 40 Prozent des Einkommens der Landwirte aus Brüsseler Direktzahlungen, die sich nach der landwirtschaftlichen Fläche des Betriebes richten. Conzen sagt, im vergangenen Dürrejahr seien es sogar 70 Prozent gewesen.

Hofft auf ökologisches Umdenken aus Überzeugung: Biolandwirt Frank Tammer. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Auch für Bio-Bauer Tammer macht das Geld aus Brüssel einen Teil seines Einkommens aus. Wenn die Förderung in Zukunft stärker an eine Leistung für Umwelt und Naturschutz gekoppelt wäre, dürfte ihm das doch eigentlich in die Karten spielen? „Ich bin kein Freund davon, alles zu subventionieren. Ich finde es viel besser, wenn man etwas aus Überzeugung tut“, sagt er. Tammer hielte sogar einen völligen Systemwechsel für sinnvoll. Statt finanziellen Anreizen für ökologisch nachhaltiges Wirtschaften favorisiert er eine politisch herbeigeführte Umstellung auf eine komplett biologische Landwirtschaft. Weniger Subventionen hießen dann höhere Lebensmittelpreise. Ob die Verbraucher dazu bereit wären? Ob die großen Discounter und Supermärkte da mitspielten? Das steht auf einem anderen Blatt.

Mit seiner Forderung nach Subventionsabbau steht Tammer nicht allein da. Auch Vertreter der Agrarwirtschaft haben zuletzt gefordert, die milliardenschweren Direktzahlungen Stück für Stück abzuschaffen. „Eine pauschale Flächenbeihilfe hilft am Ende nur den Verpächtern, nicht aber den Bauern“, sagt Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, der einen schrittweisen Subventionsabbau bis 2034 für realistisch hält. Bioland-Chef Jan Plagge sagte, die Zahlungen müssten an gesamtgesellschaftliche Leistungen der Landwirtschaft etwa für den Umwelt- oder Tierschutz gekoppelt werden, nicht aber an die Fläche.

RLV-Präsident Conzen fordert dagegen, dass die Zahlungen aus Brüssel nicht an immer neue Auflagen geknüpft werden sollten. Das könne dazu führen, dass weitere Bauern das Handtuch werfen und ihre Höfe sterben. Denn die Landwirte müssten schon jetzt immer neue Einschnitte durch Düngemittelvorgaben, das Verbot des Pflanzenschutzes mit Neonicotinoiden und den Forderungen nach einem Verzicht auf den Unkrautvernichter Glyphosat hinnehmen. Das betrifft natürlich in erster Linie die konventionelle Landwirtschaft.

Ein Vorschlag zur GAP-Reform von EU-Agrarkommissar Phil Hogan liegt seit einiger Zeit auf dem Tisch. Demnach sollen die Direktzahlungen bleiben. Ab 60.000 Euro pro Betrieb sollen die Gelder reduziert und bei 100.000 Euro vollständig gekappt werden. Die Mitgliedsstaaten sollen zudem mehr Freiheiten bei der Verwendung der Mittel bekommen, damit sie „maßgeschneiderte Programme“ auflegen können. Zudem sollen kleine und mittlere Betriebe sowie Junglandwirte bevorzugt und die Zahlungen stärker an nachhaltige und klimafreundliche Produktionsmethoden gebunden werden.

Für Demeter-Landwirt Tammer geht es beim Thema Nachhaltigkeit oft um geschlossene Kreisläufe. Er düngt mit dem Mist seiner Kühe, die dann wiederum die selbst angebauten Futtermittel fressen. Er muss eigentlich nichts dazukaufen. Das funktioniere ganz gut, sagt er. Aber manchmal stockt es doch im Detail: Für seine Hühner baut er Getreide als Futter an. Dafür müssen die Körner gequetscht werden. Eigentlich kein Problem: Eine mobile Quetsche kommt auf den Hof und erledigt die Aufgabe.

Nun findet er aber keinen Betreiber einer solchen Quetsche, der ausschließlich Biobauernhöfe ansteuert. Das ist nach Bio-Vorgaben aber Vorschrift. Gibt es nun eine Ausnahmegenehmigung oder kauft er sich eine eigene Quetsche? Tammer weiß es noch nicht. „Da fühlt man sich manchmal ausgegrenzt“, sagt er.

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