Wassenberg: „Das Schweigen im Koffer“: Homosexualität in der türkischen Gesellschaft

Wassenberg : „Das Schweigen im Koffer“: Homosexualität in der türkischen Gesellschaft

Die Erwartungen waren groß, wie die zahlreichen Besucher der Lesung der Autorin Nuran Joerißen zu ihrem Roman „Das Schweigen im Koffer“ andeuteten. Eingeladen hatte das Team der Bücherkiste Wassenberg in die Aula der Grundschule am Burgberg.

Die Autorin hatte den Anspruch, das Thema Homosexualität in einer muslimischen Familie literarisch aufzuarbeiten und zugleich vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung ihres türkischen Mutterlandes zu präsentieren.

Kein einfacher Versuch für ein schmales Buch mit 178 Seiten. „Wir haben es heute Abend mit einer Frau zu tun, die in zwei Kulturen aufgewachsen ist und der es wichtig ist, dass Menschen wissen wollen, was war, wo komme ich her und wo will ich hin?“, führte Ursula Kurzweg vom Bücherkisten-Team in den Abend ein. In Adana in der Türkei geboren, im Kreis Heinsberg aufgewachsen, lebt die verheiratete Autorin als Dipl. Betriebswirtin und Familientherapeutin in der Gemeinde Gangelt.

Zuvor hatte Nuran Joerißen im Gespräch schon mitgeteilt, dass sie nach ihrem autobiografischen Erstlingswerk ihren Roman „Das Schweigen im Koffer“ als eine fiktive Geschichte — angelehnt an die historischen und gesellschaftlichen Fakten — entwickelt habe mit der Botschaft, dass wir uns nicht den Einflüssen und Geschehnissen der Vergangenheit entziehen können, auch nicht durch Schweigen und Verschweigen. So ist denn auch schon im Vorwort der Begriff „Schweigen“ das erste Wort. Welche Bilder begleiten oder verfolgen uns und was löst es aus, wenn wir das Wort „Schweigen“ hören, formuliert die Autorin Fragen auf den ersten Seiten des Buches, deren Antworten sie in ihrem Roman zu geben versucht.

Die Studentin Selma ist zu Besuch in ihrem Elternhaus. Als eine der Hauptfiguren lässt Joerißen die Figurenentwicklung im Laufe der Geschichte gerade an Selma den Leser nachvollziehen. Ihr Verhältnis zur Mutter Bahar, Lehrerin, ist distanziert und dennoch von inneren Spannungen gekennzeichnet. Die Autorin kennt als Familientherapeutin die komplizierten Beziehungsfacetten zwischen Eltern und Kindern, was auch im Buch immer wieder aufblitzt. Von ihrem jüngeren Bruder Can glaubt Selma, dass er homosexuell sei und dass sie ihn unterstützen müsse, zu sich selbst zu stehen.

Am Beispiel ihres Vaters und ihres Großvaters erkennt Selma, dass Menschen sich schwer tun, wenn sie sich an Regeln orientieren, die einerseits Halt geben für die Bewältigung des Lebens. Andererseits aber durch Intoleranz die Ausgrenzung selbst von Familienmitgliedern bewirken, deren Lebensweise sie nicht ohne Zivilcourage und Offenheit annehmen können. Und dies sogar in Hass umschlagen kann. So wie es mit einem Bruder ihres Vaters geschehen ist, dessen Existenz totgeschwiegen wurde.

Homosexualität ist der rote Faden in dieser Roman-Familie und zugleich ein exemplarisches Beispiel für die Herausforderung jeder Gesellschaft, couragiert und differenziert ein ausgrenzendes, hasserfülltes, Menschen vernichtendes Verhalten zu benennen, abzulehnen und zu verändern. Mit ihrem Roman und der Thematisierung eines in der aktuellen türkischen Gesellschaft nicht mehr akzeptierten und verfolgten Lebensentwurfs steht die Autorin für ein aufgeklärtes und jeglicher Unterdrückung widersprechendes Gesellschaftsmodell. Damit jedoch auch im Widerspruch gegen die vorherrschende Meinung in ihrem Mutterland.

Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum befragt, gab Joerißen zu, nicht mehr in ihr Geburtsland einzureisen. Auslöser seien die Warnungen gewesen, die sie im Anschluss an einen Vortag zu den Menschenrechten in einer türkischen Universität erhalten habe. Was als Thema in der fiktiven Geschichte im Roman begann, wird leider zur sie und die Freiheit gefährdenden Wirklichkeit.


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