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Neue Beratungsstelle: Damit sexualisierte Gewalt an Kindern nicht unentdeckt bleibt

Neue Beratungsstelle : Damit sexualisierte Gewalt an Kindern nicht unentdeckt bleibt

Die Dunkelziffer der Fälle sexualisierter Gewalt ist sehr hoch. Deswegen ist ein gutes Beratungs- und Präventionsangebot bedeutsam. Eine neue Beratungsstelle im Kreis bietet Unterstützung.

Werden Fälle von sexualisierter Gewalt an Kindern bekannt, steht immer auch die Frage im Raum, wie das Geschehen unentdeckt bleiben konnte. „Wir alle möchten aufmerksamer werden, um Gewalt an Kindern früher zu erkennen und ihnen die beste Hilfe zukommen zu lassen“, sagt Christina Kefalidis, Leiterin der neuen Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt bei Kindern und Jugendlichen in Heinsberg.

Auf den Weg gebracht haben die Beratungsstelle die fünf Jugendämter des Kreises und sich dafür die drei Träger Arbeiterwohlfahrt (AWO), den Caritasverband und den Kinderschutzbund ins Boot geholt.

Gemeinsam möchten sie künftig für den Kinderschutz im Kreis kämpfen und vor allem eine lange klaffende Beratungslücke in der Region schließen. Weil das Angebot möglichst niederschwellig und wohnortnah sein soll, ist die Beratungsstelle nicht an einer zentralen Stelle im Kreis untergebracht, sondern verteilt sich auf die drei Träger in drei Kommunen.

Betroffene, Angehörige und Fachkräfte finden damit nun Anlaufstellen in Heinsberg bei der AWO, in Geilenkirchen bei der Caritas und beim Kinderschutzbund in Erkelenz. „Der Kinderschutz ist von jeher ein zentrales Thema. Wegen der Unterschiede und der oft regional begrenzten Arbeit der Einrichtungen fehlten aber bislang der regelmäßige Austausch untereinander und der übergeordnete Blick auf die Beratungsqualität“, erklärt Kefalidis. „In der neuen Beratungsstelle kommen viele Perspektiven zusammen, um dem Kinderschutz eine neue Struktur geben und den Bürgern deutlich zu zeigen, dass jemand da ist, an den sie sich wenden können – selbst, wenn es nur ein komisches Bauchgefühl ist. Wir nehmen sie ernst“, sagt Christina Kefalidis.

Bereits vor Jahren war der Ruf nach einer Fachberatungsstelle in Fällen von Misshandlung und sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Kreis Heinsberg laut geworden. Wiederholt war in den Gremien des Kreises über die Errichtung einer solchen Stelle diskutiert worden. „Eine solche Anlaufstelle ist dringend notwendig – auch, wenn die Zahlen auf den ersten Blick gering zu sein scheinen“, sagt Kefalidis. Denn jedes Kind hat das Recht darauf, dass ihm geholfen wird. Zudem sei aber das Dunkelfeld bei sexualisierter Gewalt und Kindesmissbrauch sehr groß. „Ihr Leid sieht man den Kindern oft nicht an – und doch kann es Signale geben, die wir ernst nehmen müssen. Dafür muss aber jemand hinschauen“, macht Kefalidis deutlich. „Erst wenn betroffene Jugendliche oder Menschen, die im Kontakt mit einem Kleinkind oder Grundschulkind ein merkwürdiges Bauchgefühl haben, eine Anlaufstelle haben, Fachkräfte finden, die sie ernst nehmen, erst dann kommen viele Fälle aus dem Dunkel- in den Hellbereich“, sagt Kefalidis.

Die Dringlichkeit der Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen macht sie deutlich: „Die Pandemie, Lockdown und Isolation haben Tätern und Täterinnen in die Karten gespielt. Kinder waren ihnen öfter ausgeliefert; weniger Menschen haben hinsehen sowie Veränderungen und Warnsignale bemerken können“, erklärt sie.

 Christina Kefalidis leitet die Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt, die in Heinsberg bei der AWO angesiedelt ist.
Christina Kefalidis leitet die Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt, die in Heinsberg bei der AWO angesiedelt ist. Foto: Nicola Gottfroh

Einen besonderen Fokus werden die Mitarbeitenden auch auf Kinder mit Behinderungen und unter Dreijährige legen, denn sie seien stärker gefährdet, Opfer sexueller Gewalt zu werden, weil insbesondere bei ihnen oft sprachliche Barrieren das Mitteilen des Geschehenen erschweren würden. „Die Optimierung der Beratungsarbeit und auch die Präventionsarbeit an Schulen, Kindergärten und in Vereinen, ist damit ein Schlüssel, um den Kinderschutz im Kreis Heinsberg zu verbessern." Einige Betroffene hätten sich bereits gemeldet, weil sie nun wüssten, dass es eine Stelle gibt, an der sie gehört werden.

Gemeinsam werde beraten, welche Optionen sich den Betroffenen bieten und welche Hilfen die Person benötigen. „Wir zeigen Perspektiven auf, besprechen, was geschieht, auch wenn es zu einer Anzeige kommen sollte. Klären ab, ob eine Therapie notwendig ist, um das Geschehene zu verarbeiten“, erklärt Kefalidis. Dabei würden auch die Angehörigen, Eltern und Geschwister Unterstützung erfahren. „Wir blicken nicht nur auf die Opfer, sondern auch auf das Umfeld und das System.“

Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Prävention. In vielen Bereichen gebe es Defizite in den Kenntnissen des Kinderschutzes. „Auch in Schulen und Kindergärten kann ein Upgraden des Kinderschutzes sehr sinnvoll sein. Es gibt Schutzkonzepte, die landen in einem Ordner im Aktenschrank und stauben dann vor sich hin. Sensibilisierung zum Vorbeugen, Erkennen und Handeln ist wichtig – und wir sind die Stelle, an die man sich in jedem Fall wenden kann.“