Biber hat jetzt auch die City in Heinsberg erobert

Überraschung in Heinsberg : Biber hat jetzt auch die City erobert

So ganz genau weiß es Heidi Walter nicht mehr. Aber sicher bewirtschaftet die leidenschaftliche Hobbygärtnerin ihre großen Obstwiesen, die sich mit einer kleinen Unterbrechung geschätzte 200 Meter von der Westpromenade bis zu einem Wassergraben in Sichtweite des Klosterhofes erstrecken, schon seit über 20 Jahren.

Doch das, was sie nun ganz am Ende direkt an besagtem Wasser führenden Graben entdeckte, hatte sie in all den Jahren noch nicht erlebt. Fein säuberlich, wie auf einer vertikal stehenden Drechselbank, war der Stamm ihres alten Lieblingsapfelbaums, ein Cox Orange, wie eine Sanduhr rundgefräst worden, so dass er nur noch auf einem wadenbeindicken Stumpf ruht. Natürlich war hier keine Maschine am Werk, sondern ein putziger Geselle, der vor einigen Jahrzehnten in weiten Teilen Europas als ausgerottet galt, jetzt aber sogar die Heinsberger Innenstadt zurückerobert hat: der Biber.

„Nutrias hatten wir schon immer“, weiß Heidi Walter. „Sie sind ja relativ scheu und verschwanden dann schnell, wenn sie einen sahen. Aber einen Biber hatten wir hier noch nie.“ Durch ein Loch im Maschendrahtzaun hatte sich der Nager Zutritt in den Garten verschafft. Ein regelrechter Trampelpfad zeigt deutlich seinen Weg hin zum Wasser. Über mehrere Tage muss er demnach schon an seinem „Kunstwerk“ gearbeitet haben.

Auch ein Brombeerstrauch blieb nicht verschont. Der dämmerungs- und nachtaktive Biber, der durchschnittlich bis zu 18 Kilo schwer werden kann, ist ein reiner Pflanzenfresser. Er bevorzugt Kräuter, Sträucher, Wasserpflanzen und Laubbäume, wie Espen, Erlen und Pappeln. Von den von ihm gefällten Bäumen verzehrt er die Zweige, die Astrinde und die Blätter. Eigentlich ist er jedoch ein pflanzlicher Allesfresser, der sich auch von Gräsern und Schilf ernährt.

Von einem Loch im Zaun führt ein regelrechter kleiner Trampelpfad hinab zum Wassergraben. Foto: Rainer Herwartz

Für Frank Backwinkler, der als Diplom-Biologe bei der Stadt Heinsberg arbeitet, ist die Entdeckung im Garten von Heidi Walter gar nicht mal so spektakulär. „Sie sind eigentlich in jedem Gewässer zu finden. Selbst in Entwässerungsgräben. Sie dringen auch in die Kanalisation ein. Wenn sie nicht da sind, werden die Zugänge mit Gittern abgedichtet. Getötet werden die streng geschützten Tiere aber auf keinen Fall.“

Das bestätigt auch Jürgen Schieren, der als Gebietsleiter für die Gewässerunterhaltung im Kreis beim Wasserverband Eifel-Rur tätig ist. „Der Biber ist in Europa streng geschützt. Den dürfen sie rein rechtlich nicht einmal beunruhigen.“ Der Europäische Biber war ursprünglich in Europa und weiten Teilen Asiens heimisch, ist dann aber durch Bejagung wegen seines dichten Felles und seines essbaren Fleisches fast völlig von der Bildfläche verschwunden. „In den 1980er Jahren gab es in der Eifel ein Wiederansiedlungsprojekt“, sagt Schieren. „Der Biber ist dann über die Rur und Holland zurückgekommen.“

Seit etwa vier Jahren sei der Biber schon im Stadtgebiet anzutreffen, so Schieren. „Die Biber waren zunächst nur an der Rur, dann sind sie über die junge Wurm einmarschiert. Von dort hat die Besiedlung auch in kleinen Gräben stattgefunden.“ Aufgrund der Ausbreitung könne man die Tiere nicht vergrämen. Es sei zudem nicht zulässig. Der europäische Biber ist in Europa durch die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) besonders geschützt. Er wechsele innerhalb eines Jahres meist seinen Standort, weiß Schieren.

„Wir haben natürlich auch unsere Konfliktfälle mit dem Biber, weil er seine Dämme in die Gewässer baut. Momentan ist eine Hochphase, da sind wir fast täglich unterwegs.“ Die Dämme müssten dann oftmals etwas abgeflacht und Kanäle freigeräumt und vor Astwerk gesichert werden.

Private Gartenbesitzer wie Heidi Walter müssten sich da schon selbst schützen, meint Schieren. „Wir haben entlang der Rur an unseren Bäumen Estrichmatten oder einen Schutzanstrich angebracht.“ Das sei natürlich auch im eigenen Garten möglich.

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