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Letzte Ausgabe: Beim Wochenmarkt in Oberbruch geht „ein Stück Kultur kaputt“

Letzte Ausgabe : Beim Wochenmarkt in Oberbruch geht „ein Stück Kultur kaputt“

Immer weniger Kunden beim Wochenmarkt in Oberbruch. Die Stadt hat nun die Reißleine gezogen. Auch am letzten Markttag hält sich der Andrang in Grenzen. Was sagen die Kunden? Was Anbieter?

Die beiden Damen sind schon weit über 80 und möchten ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. „Da wird auf dem Dorf immer so viel geredet“, meinen sie. Beim Wochenmarkt in Oberbruch gibt es an diesem Tag indes eigentlich nur ein Gesprächsthema: Nämlich, dass der Markt heute zum letzten Mal stattfindet. Die Kundschaft ist mehr und mehr ausgeblieben. Das Geschäft hat sich nicht mehr gelohnt.

„Sehr, sehr schade“, finden das die beiden Seniorinnen, die regelmäßig gekommen sind, um Obst, Gemüse, Eier und Brot zu kaufen. „Früher, da gab es auch noch Fleisch, Fisch und Käse“, erinnern sie sich. „Aber das ist schon lange her.“ Eine der Damen wohnt in Oberbruch. Autofahren möchte sie nicht mehr, seit ihre Augen schlechter geworden sind, aber in fußläufiger Entfernung gibt es vor Ort noch weitere Angebote: Einen Bäcker und verschiedene Supermärkte, „nur leider weiß ich da nicht, woher Obst und Gemüse kommen. Das habe ich an diesem Wochenmarkt immer sehr geschätzt“, meint sie. Ihre Freundin lebt in Unterbruch und ist mit dem Auto zum Markt am Aloysiusplatz gekommen: „Noch kann ich das, aber wer weiß, wie lange. In Unterbruch gibt es gar keine Geschäfte mehr, in denen ich einkaufen kann. Da war der Markt hier immer eine gute Alternative. Ich bedauere sehr, dass dies heute der letzte Tag ist.“

Schon seit 18 Jahren bieten Karin Bähr und ihr Mann Johannes ihre Waren am Gemüsestand in Oberbruch an. „Heute muss ich leider allen meinen Stammkunden den Wochenmarkt mittwochs in Dremmen ans Herz legen“, sagt Karin Bähr. „Aber es stimmt, es kommen schon seit einiger Zeit immer weniger Menschen. Es sind eben schlechte Zeiten. Alles wird teurer. Die Leute kaufen lieber im Discounter ein.“ Dabei seien die Preise bei vielen Produkten gar nicht teurer als im Supermarkt. Und dafür bekomme man dann aber eine super Qualität, gerade bei den eigenen Produkten wie Salate, Kartoffeln, Tomaten, Kürbisse, Eier und Honig.

Am letzten Markttag gibt es genug Zeit, mit den Kundinnen und Kunden ein Schwätzchen zu halten. „Gerade mal gut 20 Kunden in den ersten zwei Stunden“, meint die Verkäuferin im Bäckerwagen von Maria van Heel aus Gangelt. „Das war in der Corona-Zeit noch anders. Da lief das Geschäft sogar sehr gut. Aber in der momentanen Krisenstimmung bei überall steigenden Preisen lohnt es sich wirklich nicht mehr, hier zu stehen. Selbst heute am letzten Tag ist nicht viel los. Ich hatte auf mehr gehofft.“ Wenn gar kein Kunde da ist, unterhalten sich die beiden Verkäuferinnen einfach quer hinweg von Bäckerwagen zu Gemüsestand. Leid tut es ihnen vor allem für die älteren Menschen, die kaum eine Möglichkeit haben, zum Markt im Nachbarort zu gelangen.

„Wir haben das schon kommen sehen“, meinen Hildegard und Rudi Kranz aus Oberbruch. Die beiden werden mit Namen auf dem Markt begrüßt. Wenn man regelmäßig zu Gast ist, kennt man sich. Und so wird das beliebte Stückchen Kuchen, eine Rührteigschnitte, auch schon im Bäckerwagen ungefragt vorbereitet, während das Rentnerehepaar noch am Gemüsewagen steht. Bekannt ist auf dem Wochenmarkt auch Alfred Geiger, der zwar erst vor acht Jahren aus Bayern nach Oberbruch gezogen ist, aber trotzdem schon überall so bekannt ist, dass er von allen nur Alf genannt wird. „Hier geht heute ein Stück Kulturgut kaputt“, ist Alf Geiger enttäuscht. „Ich kenne Wochenmärkte aus meiner alten Heimat als wöchentlichen Treffpunkt. Da gibt es Würstchen, Butterbrezeln, etwas zu trinken, und man hat die Gelegenheit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.“

Den Verkäuferinnen gibt der Oberbrucher keine Schuld. „Es sind die Leute, die ihren Hintern nicht aus dem Supermarkt rausbekommen“, meint er. „Dabei sind die Produkte hier viel frischer und gesünder. Darum werde ich eben ab nächster Woche nach Dremmen fahren und dort einkaufen.“ Das einzige, was er bedauert, ist, dass er seinen Hund Manni dann nicht mehr mitnehmen kann. Die Strecke zum Aloysiusplatz ist der kleine Bulldoggen-Rüde noch tapfer an der Leine mitgelaufen. Aber bis nach Dremmen ist es zu Fuß zu weit – für den Hund und für das Herrchen.

Brigitte Böhmer aus Oberbuch hat bislang regelmäßig in Oberbruch eingekauft. Demnächst will sie sich aufs Fahrrad schwingen.
Brigitte Böhmer aus Oberbuch hat bislang regelmäßig in Oberbruch eingekauft. Demnächst will sie sich aufs Fahrrad schwingen. Foto: MHA/Simone Thelen

Brigitte Böhmer aus Oberbruch wird sich wohl zukünftig aufs Fahrrad schwingen, um nach Dremmen zu gelangen. „Ich bin wirklich traurig, dass heute der letzte Markttag ist. Aber ich selbst kaufe heute auch nicht mehr so viel wie früher. Die Kinder sind aus dem Haus, und für zwei Personen brauche ich nicht so viel.“ Bei Maria van Heel besorgt Brigitte Böhmer noch schnell ein Brot, ehe es wieder anfängt zu regnen. „Der Himmel ist auch traurig“, ruft ihr die Verkäuferin noch aus dem Bäckerwagen hinterher. Ihr letzter Besuch beim Wochenmarkt in Oberbruch endet klanglos und eilig – so wie der Markttag selbst – mit nur wenigen Kunden und regnerischer Stimmungslage.