Wassenberg: Autor David Safier liest: Überleben im Ghetto

Wassenberg: Autor David Safier liest: Überleben im Ghetto

28 Tage sind heute in Deutschland für Jugendliche bequem zu bewältigen und werden allenfalls ein wenig beunruhigend, wenn eine Klassenarbeit ansteht. Für Mira, die 16-jährige Jugendliche aus dem Roman „28 Tage lang“ von David Safier, bedeutete dieser Zeitraum im Jahr 1943 im Warschauer Ghetto den täglichen Kampf ums Überleben.

Mehr als 100 Schüler der achten bis zwölften Klasse der Betty-Reis-Gesamtschule folgten einer Einladung der Schule in Zusammenarbeit mit der Heinsberger Buchhandlung Gollenstede zur Lesung mit dem Autor David Safier in der evangelischen Kirche in Wassenberg.

Holocaust-Opfer

„Was für ein Mensch willst du sein?“, das sei auch die zentrale Frage für die Hauptfigur der jugendlichen Jüdin Mira im Roman gewesen, führte die Schulleiterin Dr. Karin Hilgers in das Thema ein. Die Lesung sei eine Reise in diese Zeit, während der auch die Namensgeberin der Schule, Betty Reis, umgebracht worden sei.

David Safier, Grimme-Preis-Träger und Autor bekannter Drehbücher wie „Berlin, Berlin“ und Romane wie „Mieses Karma“, betonte, dass er persönlich als Sohn eines österreichischen Juden vom Holocaust betroffen sei. Seine Großeltern waren dem Massenmord zum Opfer gefallen. Drei Ausschnitte hatte er für die Lesung in Wassenberg ausgesucht, die das Alltagsleben einer 16-jährigen Jüdin beschreiben und ihre Entwicklung vom Kampf ums Überleben bis zur Widerstandskämpferin nachvollziehbar machen.

„Na, machst du einen kleinen Ausflug auf die andere Seite des Ghettos, kleine Judenschlampe“, beleidigen und ängstigen drei polnische Männer Mira in dem Roman. Polen, die jeden Juden verfolgen, der das Ghetto verlässt, um sie an die deutschen Besatzer und die SS gegen eine kleine Belohnung zu verraten. Das beklemmende Gefühl der Angst, wie Mira damit fertig wird und mit Frechheit und Chuzpe sich der Verfolgung entziehen will, beschreibt Safier eindringlich und zieht sein jugendliches Publikum sofort in seinen Bann.

Erpressen und gefährden

Er beschreibt, wie ein polnischer Student ihr zu Hilfe kommt, indem er vorgibt, ihr Freund zu sein. Immer in Lebensgefahr, entdeckt zu werden, um dann an die Deutschen ausgeliefert zu werden. Der rote Faden — „Was für ein Mensch willst du sein?“ — wird sichtbar. Menschen, die verfolgen und andere, die helfen, lassen die Bandbreite sichtbar werden.

Das Leben im Ghetto, bei dem der Gestank der Leichen, die einfach auf die Straße gelegt werden, weil sich eine Beerdigung niemand mehr leisten kann, wird ebenso drastisch geschildert wie die Überlebenstechnik des sich irre gebärdenden Rubinstein. „Hitler stinkt“, ruft er in Sichtweite der SS-Patrouille und gefährdet alle Umstehenden. Es ist seine Art des Überlebens, indem er jene erpresst, die er gefährdet und die ihm Lebensmittel zustecken, damit er Ruhe gibt. Eine andere Art des „Was für ein Mensch willst du sein?“

Und auch am dritten Beispiel vom Waisenhausdirektor Janusz Korczak wird das Leitmotiv sichtbar. Unter den Umständen des Ghettolebens kann jeder schuldig werden. Auch Mira etwa, die als versteckte Beobachterin dabei ist, als das Waisenhaus geräumt wird und Korczak mit den Kindern in den Tod geht.

Miras Freund Daniel aber, ein treuer Helfer Korczaks, kann ihm nicht folgen, weil Mira ihn sogar niederschlägt. Und als Daniel aus seiner Ohnmacht erwacht, sind die beiden allein im geräumten Waisenhaus. Einmal im Roman beantwortet Mira die Leitfrage mit: „Eine, die überlebt“.

Im Unterricht nacharbeiten

Welche Antworten die heutigen Jugendlichen auf die Frage „Was für ein Mensch willst du sein?“ geben, blieb noch unbeantwortet und war auch in den Fragen an den Autor wie „Was verdienen Sie als Autor?“ eher nicht erkennbar. Dafür blieb wohl Gelegenheit, in der Nachbearbeitung der Lesung im Unterricht darauf einzugehen, um Antworten zu geben auf die Frage: „Was hätte ich getan?“.

Dass sowohl das Thema interessant wie die Form, Literatur durch Lesungen nahezubringen, gelungen erschien, war durchaus ablesbar an der stillen Konzentriertheit der jungen Zuhörer während des Vorlesens durch den Autor.