Aus der Komfortzone in den traurigen Kinderalltag

Jugendhilfeausschuss : Aus der Komfortzone in den traurigen Kinderalltag

Obwohl sich der Jugendhilfeausschuss schon dem Namen nach einem hochsensiblen Thema widmet, eben nahezu allen Facetten der in vielen Fällen dringend benötigten Unterstützung für Jugendliche in prekären Lebenssituationen, sind es meist die Fallzahlen und Kosten, die den Sitzungsverlauf prägen. Diesmal allerdings sollte es anders sein bei der Zusammenkunft der Ausschussmitglieder in Heinsberg.

Silke Esser, die seit über 20 Jahren als Schulsozialarbeiterin in Oberbruch arbeitet, hatte sich vorgenommen, den Ausschussmitgliedern, die nach ihrer Vermutung ja „alle in behüteten Verhältnissen“ aufgewachsen seien, einmal zu einem Perspektivwechsel zu verhelfen. Raus aus der eigenen Komfortzone und hinein in das Denken und Fühlen eines Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus einer Familie, deren einzige Einkünfte aus Hartz IV bestehen, bei der die Mutter einen Förderschulabschluss besitzt, trinkt, das Verhältnis zum Stiefvater schlecht ist, die häuslichen Zustände desolat, die Kinder weitgehend sich selbst überlassen sind und auch noch in der Schule unter Druck stehen. Fiktiv und doch so lebensnah skizzierte Silke Esser die Vita des Kindes mit all seinen Nöten, dass man im großen Sitzungssaal des Heinsberger Rathauses eine Stecknadel hätte fallen hören können. Die Betroffenheit der Ausschussmitglieder war regelrecht greifbar, als ihnen auf diese einfühlsame Weise einmal vor Augen geführt wurde, was sich letztlich hinter den Zahlen verbirgt, über die sie immer wieder zu beschließen und welche Aufgaben die Schulsozialarbeiter täglich zu stemmen haben.

Schulsozialarbeiter Jürgen Holländer hatte sich damit am Beispiel der Pestalozzischule befasst. 181 Schüler werden dort derzeit in acht Klassen und vier Jahrgangsstufen unterrichtet. Allein die Tatsache, dass hierbei 30 verschiedene Nationen unter einen Hut zu bringen sind, ließ das eine oder andere Problem erahnen. 87 Kinder besäßen einen doppelten Migrationshintergrund, zehn seien Flüchtlinge, erklärte Holländer. An der Städtischen Realschule befinden sich augenblicklich 220 der 870 Kinder in der Betreuung der Schulsozialarbeit, an der Gesamtschule Heinsberg/Waldfeucht sind es 270 von 710 Schülern.

„Viele Herkunftsfamilien sind zerrüttet und auseinandergerissen.“ Der Anteil Alleinerziehender und Empfänger staatlicher Unterstützungsmaßnahmen sei besonders hoch. Momentan betreut der Fachbereich Schulsozialarbeit regelmäßig 96 Kinder an der Pestalozzischule, also mehr als die Hälfte aller Schüler. Das vielfältige Angebot reicht von der pädagogischen Beratung in unterschiedlichen Lebens- und Erziehungsfragen über die aufsuchende Hilfe auch außerhalb der regulären Schulzeiten und die Bekämpfung von Schulmüdigkeit und -absentismus bis hin zur aktiven Mitwirkung im Rahmen von gerichtlichen Anhörungen oder Antragstellungen. Viele Eltern müssten hier regelrecht an die Hand genommen werden, meinte Holländer.

Als wichtiges Medium, um das Miteinander der Schüler zu fördern und die Gewaltbereitschaft untereinander zu senken, habe sich übrigens eine Verstärkung des Sportangebotes erwiesen, erklärte Holländer. Auseinandersetzungen auf dem Schulhof hätten zum Beispiel an der Pestalozzischule in den Pausen deutlich nachgelassen.

Bernd Kleinjans, der Leiter des Jugendamtes, berichtete schon zu Beginn der Sitzung über eine erfreuliche Tendenz: „Es ist wieder in, Kinder zu kriegen, und das ist gut so.“ Allerdings laufe dies einher mit dem Trend, die Kinder immer früher in die Betreuung von Kitas oder Tagesmüttern zu geben. In der U3-Betreuung gebe es derzeit einen Fehlbedarf von 68 Plätzen, der allerdings bis zum Jahr 2020/2021 auf 13 reduziert werden soll. Im Ü3-Bereich bestehe ein Fehlbedarf von derzeit 12 Plätzen.

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