Armin Laschet besucht Tagebaudörfer

Tagebau Garzweiler II : Ministerpräsident nimmt „Hausaufgaben“ aus Kuckum mit

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet tut, was seine Vorgänger seit 1995 nicht getan haben: Er besucht die Orte, die mit dem Tagebau und seinen Folgen leben.

Da ist Armin Laschet sichtlich baff: „Seit der Leitentscheidung für den Tagebau Garzweiler II im Jahr 1995 sind Sie der erste von ganz oben, der hierher kommt, um mit den Betroffenen zu reden“, sagt der Erkelenzer Bürgermeister Peter Jansen, als er den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen im Pfarrsaal in Kuckum offiziell begrüßt.

Das heißt: So ganz offiziell ist diese Begrüßung auch wieder nicht, denn in den Pfarrsaal des Ortes, der nur wenige Kilometer weit entfernt im Norden der Stadt Erkelenz gerade auf freiem Feld neu aus dem Boden wächst, sind nur Bürger, die von der bevorstehenden Umsiedlung betroffen sind, Vertreter der Verwaltung und die Fraktionsvorsitzenden des Rates der Stadt Erkelenz geladen.

Zeit zum genauem Hinhören

Man will ganz bewusst „unter sich“ bleiben, um dem Ministerpräsidenten in den knappen 60 Minuten, die dafür im straff getakteten Terminkalender an diesem Vormittag eingeplant sind, die Sorgen, Nöte und Ängste der vom Braunkohletagebau Betroffenen möglichst anschaulich verdeutlichen zu können.

Denn deren Heimat wird demnächst in den Kraftwerken des Energieriesen RWE verbrannt, sie müssen dem Tagebau Garzweiler II weichen. Und das, was diese Menschen dabei empfinden, was sie verlieren, was ihnen Ängste bereitet und was sie wütend macht – das lässt sich in keine Sitzungsunterlage pressen, die den dafür politisch Verantwortlichen in Düsseldorf auf den Tisch gelegt werden.

„Müssen wir unsere Heimat noch verheizen?“, „Herr Laschet, wären ihre Enkel stolz auf Ihre Klimapolitik?“, steht auf den Schildern die Teilnehmern eines Dorfspaziergangs durch das Abbruchdorf Erkelenz-Keyenberg hochhalten, als Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (CDU), zu ihnen spricht. Foto: dpa/Henning Kaiser

Dieses hochsensible und emotional aufgeladene Terrain also betritt Armin Laschet, als er sich im Kuckumer Pfarrsaal als erster amtierender Ministerpräsident den Fragen der Betroffen stellt. Und Laschet signalisiert gleich in seinen Begrüßungsworten seine Offenheit für deren Sorgen, auch auf emotionaler Ebene: „Als ich 26 oder 27 Jahre alt war“, plaudert er, „habe ich in Aachen bei der Kirchenzeitung gearbeitet. Und da haben die mir gesagt: Mach mal ne Reportage über das Umsiedlungsgebiet“. Hat er dann gemacht, der junge Armin Laschet. Was er denen, die das jetzt ganz konkret erfahren und ja, auch erleiden müssen, worüber er damals als junger Mann eine Reportage gemacht hat, signalisieren will: Ich weiß, worum es geht, ich kann nachfühlen, wie es euch geht. Ich bin bei euch.

Den Spagat vom einfühlsamen Landesvater zum politisch handelnden Ministerpräsidenten schafft Laschet an diesem Vormittag mühelos: Ja, es spräche vieles dafür, dass die in Berlin tagende Kohlekommission einen früheren Ausstieg aus der Kohleverstromung als den bisher für 2045 festgelegten beschließen werde: „Es soll jetzt schneller gehen. Wann und wo dann weniger abgebaut wird, das steht allerdings noch nicht fest. Aber alles, was jetzt passiert, muss von uns in Düsseldorf genehmigt werden“.

Nach der Art und in der Weise, wie Armin Laschet als Ministerpräsident auftritt, nämlich gesammelt, aufmerksam, nahbar, einfühlsam, klingt das für die Betroffenen im Pfarrsaal in Kuckum, nicht wie eine Drohung - das hört sich eher an wie ein Versprechen: Ich bin bei euch.

Laschet hört sich, das Kinn mal in die linke Hand gelegt, den Kopf mal mit der rechten Hand abstützend, dann wieder an den Manschettenknöpfen am weißen Hemdsärmel spielend, den Kaffee aus dem hellbraunen Becher trinkend, stets präsent und konzentriert an, was die, denen das Mikrofon gereicht wird, ihm, bisweilen in sehr emotionaler Form, dann wieder ruhig und sachlich, zu sagen haben.

Arbeitsgruppe „Umsiedlung“

Dass die Politik das Umsiedlungs-Management verbessern muss; dass die Umsiedlung durch die Politik sozial verträglich gestaltet wird; dass die Politik Druck auf RWE macht, damit die den Druck auf die Umsiedler verringern; dass die Politik eine Arbeitsgruppe ,Umsiedlung‘ ins Leben ruft und das zur Chefsache, also zur Sache des Ministerpräsidenten, erklärt wird – nur um einige Beispiele aufzuzählen.

Als die im Fahrplan vorgesehenen 60 Minuten viel zu rasch längst überschritten sind, rafft er die vor ihm auf dem Pult liegenden Blätter zusammen und reicht sie einem seiner beiden Mitarbeiter: „Alles aufgeschrieben, das ist die Hausaufgabe, die ich gleich mitnehme.“

Die Blätter werden sicher und trocken in seiner Audi-Dienstlimousine mit AC-Kennzeichen gelegen haben, als er an der rund zwei Kilometer vom Kuckum Pfarraal entfernten Freifläche an der Heilig Kreuz Kirche in Keyenberg eintrifft. Die Abräumbagger stehen hier nur einen Steinwurf weit entfernt, dort, wo bis vor kurzem noch die Ortschaft Borschemich zu finden war. Gut ein Drittel der Häuser in Keyenberg sind bereits geräumt, die noch verbliebenen Einwohner sitzen auf ihren Koffern.

Die etwa fünfzig Braunkohlegegner, die hier auf den Ministerpräsidenten warten, wollen sich unter Leitung des Naturführers Michael Zobel zu einer Dorfbegehung aufmachen, so wie das seit einigen Monaten in den fünf Ortschaften Ober- und Unterwestrich, Berverath, Kuckum und Keyenberg, die allesamt abgebaggert werden sollen, angeboten wird.

Als er das kleine, aus Brettern zusammengebastelte Holzpodium betritt, blickt er in eine ganze Reihe von Plakaten, die unisono im Kern den Stopp der Braunkohleförderung fordern. Der Ministerpräsident geht nach seiner kurzen Begrüßung geduldig auf Zwischenrufe ein: „Ja, der Kohleausstieg kommt, es wird nicht morgen sein, aber es wird auch nicht erst 2045 sein“ .

Und dann verliert Armin Laschet doch noch, zumindest ein wenig, die Contenance, die er den ganzen Vormittag souverän und authentisch gezeigt hat. Als ein Zwischenrufer ihm vorwirft, er sei nur gegen das Atomkraftwerk Tihange, weil ihm das Wählerstimmen in seiner Heimatstadt Aachen bringe, wird der Ministerpräsident sehr emotional: „Ich werde drum kämpfen, das Tihange abgeschaltet wird. Dabei geht es nicht um Wählerstimmen, dabei geht es darum, dass das halbe Rheinland atomar verseucht ist, wenn das Pannending hochgeht.“ Da wird der Zwischenrufer still.

Keine Zusagen

Laschet steigt vom Podest, sucht den Weg zum Dienstwagen. „Mein Stil ist es nicht, auf große Demonstrationen zu gehen“, sagt er, wieder ganz der Landesvater, dabei im kleinen Kreis. „Ich versuche, mich um die Sorgen der Menschen zu kümmern, mit ihnen zu reden“. Und was sagt der Ministerpräsident Armin Laschet, wenn die Kohlerunde in Berlin einen früheren Ausstieg aus der Kohle und damit natürlich auch weniger Kohleabbau in NRW beschließt? „Dann wird es eine neue Leitentscheidung geben.“ Wann wird das sein? Er werde „sich hüten“, ein Datum zu nennen oder auch nur anzudeuten, wo eine eventuelle Verkleinerung der Tagebaue möglich wäre.

Sagt‘s, steigt in den Wagen und fährt davon in diesen grauen, inzwischen auch regnerischen Novembertag.