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Auffangstation und Gnadenhof in Wegberg: Als das Schaf im Streifenwagen saß

Auffangstation und Gnadenhof in Wegberg : Als das Schaf im Streifenwagen saß

Wenn Antonia Greco einen Karton vor ihrer Tür stehen sieht, dann geht sie in der Regel von nichts Gutem aus. Eher vom Schlimmsten. Dabei geht es weniger um eine falsche oder unerwünschte Bestellung als um Tiere, die einfach vor ihrem Haus abgestellt werden.

Katzen, Vögel, Kaninchen, „da war eigentlich alles schon dabei“, sagt sie. Dabei ist Greco eigentlich eine große Tierfreundin. Sie nimmt sie alle auf, Schweine, Geflügel, Schafe, Waschbären, und sie pflegt sie gesund. Die Wildtiere lässt sie wieder frei, die anderen vermittelt sie oder behält sie selbst auf ihrem Gnadenhof. Aber ausgesetzte Tiere vorm Haus, die will sie trotzdem nicht.

Einmal, erzählt Greco und muss dabei noch heute ein bisschen lachen, habe die Polizei vor ihrem Haus gestanden. Offenbar hatten die Beamten auf ihrem Weg ein einsames Schaf gefunden, das sie zur Auffangstation bringen wollten. Das Tier habe derweil mit einem der Polizisten auf der Rückbank gesessen. Natürlich hat auch dieses Schäfchen einen Platz auf ihrem Hof gefunden.

Öfter als es Greco gern hätte, stößt sie mit ihrem Gnaden- und Auffanghof in Wegberg an ihre Kapazitätsgrenzen. Jeden Tag stehen Menschen vor ihrer Tür und wollen Tiere abgeben, wilde oder eigene Haustiere. „Das könnten wir nicht leisten“, sagt Greco. Und: „Ich muss ja jedem Tier gerecht werden.“ Also kommt es auch vor, dass Greco ablehnen muss. Aber sie versucht dann, andere Anlaufstellen zu nennen. „Im Zweifel nehme ich die Tiere erst mal auf und vermittle dann selbst weiter.“

Knapp 200 Tiere

Das Tier-Refugium Wegberg, so heißt der Hof, auf dem man sich dem Tierschutz verschrieben hat, ist die Heimat von 150 Tieren des Gnadenhofs und rund 40 Wildtieren, die aber nur vorübergehend dort wohnen. Sie werden ausgewildert, sobald sie wieder fit sind. Seit 2008 macht Greco das im Kleinen, seit 2012 dann größer als Verein. Im Tierschutz aktiv ist sie aber schon seit ihrer Jugendzeit, erzählt Greco, bei verschiedenen Vereinen, beim Tierarzt und bei Auffangstationen.

Der Mauersegler ist in der Aufzuchtstation und fast flügge, trotz ausgebreiteter Schwingen kann er aber noch nicht fliegen. Foto: Marie Eckert

Regelmäßig hat sie es auf ihrem Hof auch mit großen Notfällen zu tun, wie damals, als ein Mastbetrieb aufgelöst wurde und plötzlich 65 Putenküken auf dem Hof eingezogen sind. Oder bei einem ähnlichen Fall in Berlin, dort aber mit Kaninchen. Die Häschen leben nun frei auf dem sehr großen Areal und teilen sich den Platz mit Hühnern, Gänsen und Puten. Zum Glück, sagt Greco, passiert so ein dramatischer Fall nicht jeden Tag. Aber drei bis zehn kleinere Notfälle versorge sie trotzdem täglich. „Von Spatz bis Spitzmaus“, sagt sie.

Die Notfälle, das beobachtet Greco, würden auch mit der Trockenheit und den zunehmend heißen Sommern zusammenhängen, und dementsprechend seien sie vor allem in den vergangenen beiden Jahren angestiegen. „Wildtiere haben es dadurch schwer“, sagt sie. Sie meint damit verschiedene Faktoren, die ins Trockenheits-Thema reinspielen. Zum Beispiel werde es für die Tiere schwieriger, Nahrung im trockenen Boden zu finden. Oder Wasser. Schon öfter habe Greco Maulwürfe an Wasserstellen gesehen. „Das ist sehr ungewöhnlich und heißt definitiv, dass im Boden zu wenig Wasser ist“, sagt sie.

Viele Tiere bekämen wegen der Temperaturen außerdem zweimal im Jahr Junge – und finden dann nicht genug Futter für die Versorgung. Ein ganz besonderes Problem hat Greco mit Schwalben und Mauerseglern, beziehungsweise die Vögel haben es mit ihren Nestern: Sie nisten ganz oben in den Dächern. Nach einigen heißen, sonnigen Tagen ist das Nest dann eher eine Sauna, aus der die Jungtiere verzweifelt fliehen wollen. Sie landen dann auf dem Boden, obwohl sie eigentlich noch gar nicht flügge sind. „Am Boden sind sie eine der wenigen Vogelarten, die von den Elterntieren nicht mehr gefüttert werden“, sagt Greco.

Wie die Vogeleltern

Also pflegt sie gerade mehrere junge Mauersegler und Schwalben, die noch nicht richtig fliegen können. Sie hält die Tiere auf der Päppelstation in kleinen Volieren und füttert ihnen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu – so, wie es die Vogeleltern eben auch machen würden. „Wenigstens kann man da durchschlafen – Jungtiere von Säugern brauchen auch nachts Nahrung“, sagt Greco. Wenn die Tiere gesund sind, kommen sie in eine andere Voliere mit Artgenossen, dann werden sie ausgewildert.

Die Päppelstation ist also eher eine Krankenstation. In einem Regal stehen Medikamente vom Tierarzt, Schmerzmittel, Antibiotika und Nystatin gegen Pilzerkrankungen. Die Volieren sind genau beschriftet mit dem Einzugsdatum des wilden Patienten und der Medizin, die er gerade bekommt. Zwischendrin ist ein Tisch, auf dem ein paar Heimchen in einem Napf liegen – Futter für die jungen und geschwächten Vögel. Päppeln, Medikamente geben, füttern, saubermachen. Der Job, den Greco auf dem Hof macht, ist ein Vollzeitjob.

Das Hängebauchschwein wurde vom Veterinäramt beschlagnahmt und ist dann auf dem Gnadenhof gelandet. Seine Vorbesitzer hatten es unter der Annahme, es sei ein Minischwein, angeschafft. Offensichtlich war dem aber nicht so. Foto: Marie Eckert

Natürlich pflegt Greco die Wildtiere gern und natürlich freut sie sich, wenn sie die Tiere schließlich wieder entlassen kann. Lieber wäre es ihr aber, wenn weniger Notfälle hereinkämen. Manche Jungvögel, das berichtet sie aus ihren Beobachtungen, würden zu Unrecht gebracht. „Viele Menschen wissen zu wenig über die Natur.“ Nicht jeder Jungvogel, der am Boden sitze, sei ein Fall für die Auffangstation. „Wenn das Tier nicht aufgeplustert ist und umherhüpft, dann ist alles okay“, sagt sie. Greco bringt solche gesunden Vögel dann zurück an den Fundort und lässt sie frei. „Die Mutter kommt dann oft zurück und holt ihren Nachwuchs wieder ab.“

Antonia Greco spricht gern über ihre Arbeit und darüber, dass sie sich wieder mehr Bewusstsein für Umwelt, Natur und Tiere im Generellen wünscht. Wenn sie über ihre Arbeit und über den Wildtierschutz nachdenkt, dann fallen ihr eigentlich nur drei Sachen ein, die sie für elementar hält: „Medizinische Versorgung, artgerechte Haltung und den richtigen Zeitpunkt, wann man die Tiere wieder gehen lässt.“