Erkelenz-Immerath: Abschied vom Immerather Dom: Kirchenfenster kurz vor dem Abriss gerettet

Erkelenz-Immerath : Abschied vom Immerather Dom: Kirchenfenster kurz vor dem Abriss gerettet

Am 8. Januar wird das letzte und vermutlich auch eins der traurigsten Kapitel in der Geschichte der ehemaligen Immerather Kirche St. Lambertus geschrieben. RWE Power beginnt damit, den Immerather Dom abzureißen. Glocken, Kreuze, Heiligenfiguren und anderes Inventar haben mittlerweile neue Plätze in der Kapelle in Immerath (neu) oder anderswo gefunden.

Kurz vor dem Abriss sind weitere kostbare Kulturgüter vor der Zerstörung gerettet worden. Die Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts aus Mönchengladbach baute mehrere Kirchenfenster aus, um sie für die Nachwelt zu bewahren.

Im letzten Moment gerettet: Die Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts hat 14 Kirchenfenster aus dem Immerather Dom, der ab heute abgerissen wird, ausgebaut. Foto: Gerhards

Es ist sozusagen eine Rettung in letzter Sekunde. Sie war möglich, weil einige der Fenster aus dem Immerather Dom von Ernst Jansen-Winkeln gestaltet worden waren. Deshalb habe RWE den Urheberrechtsnachfolger vor dem Abriss kontaktieren müssen. Und so landeten sie beim Sohn des Künstlers, der auch Ernst Jansen-Winkeln heißt, und seiner Ehefrau Annette. Sie sind die maßgeblichen Betreiber der Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts, die die Fenster nun rettet.

Für Dr. Annette Jansen-Winkeln ist es aber nicht in erster Linie die persönliche Verbindung zu den Fenstern ihres Schwiegervaters, die sie für das Projekt begeistert. „Mein Herz hängt an der Glasmalerei im Allgemeinen“, sagt sie. Sie habe sich mit vielen Künstlern auseinandergesetzt und viele kennengelernt. Aus dem Immerather Dom baut die Forschungsstelle auch Glasmalereien des Künstlers Anton Wolff aus.

Kirchenfenster, „gläserne Monumentalwerke“, wie Annette Jansen-Winkeln sie nennt, spiegelten Zeitgeist und Haltung von Künstlern und Gemeinden oder Spendern wider. Sie seien Ergebnis intensiver Diskussion zwischen Auftraggeber, entwerfendem Künstler, Architekten und Behörden. „Diese demokratischen Diskussionsergebnisse lassen die Vorstellungen und das Denken unserer Vorfahren ablesen“, sagt sie. Das führe zum Beispiel zu der Frage, was die Menschen mit diesem Schmuck aussagen wollten.

„Glasmalereien sind damit Kultur- und Geschichtsdokumente, die die Generationengeschichte und Traditionen belegen, die häufig von vielen einzelnen gespendet wurden, die Identität und Heimatbewusstsein schaffen, da sie sich an herausgehobenen Orten befinden, die im Leben vieler Menschen eine wichtige Rolle gespielt haben, zum Beispiel Taufe, Kommunion, Heirat“, sagt Annette Jansen-Winkeln.

14 Fenster ausgebaut

Die Bilanz der Fensterrettung: Von den insgesamt 42 Glasfenstern des Doms, die die Künstler Ernst Jansen-Winkeln in den 50er Jahren und Anton Wolff in den späten 70er Jahren verwirklichen konnten, sind 14 gerettet worden. Der Rest ist verloren. „Das sind sehr schöne, farbenfrohe Fenster“, sagt Annette Jansen-Winkeln. Die Fenster hätten im gesamten Kirchenraum für „wunderbares Licht“ gesorgt. „Es wäre eine Katastrophe, sie zu zerstören“, sagt sie.

Der katholischen Kirche und dem Bistum wirft sie vor, zu wenig für den Erhalt von Kirchenkulturschätzen zu tun. „Die Schuld für diese Zerstörungen liegt eindeutig auf Seiten der Kirche, da das Bistum Aachen das Gebäude frei von Lasten an RWE Power verkauft hat, mit der Maßgabe, dass alle Kunstverglasungen wie Wandteile zu behandeln und zu bewerten seien und abgerissen werden dürften“, teilte die Forschungsstelle am Wochenende mit.

Bereits vor Weihnachten hatte die Forschungsstelle Gerüste in der Kirche aufbauen lassen. Die Ausbauarbeiten dauerten bis zum Wochenende an. Die Forschungsstelle musste die anfallenden Kosten von mehr als 10.000 Euro für den Ausbau selber tragen.

An einem nassen Januarmorgen schaut Annette Jansen-Winkeln auf das gewaltige Kirchengebäude in Immerath. Sie spricht über dessen Bau und Wiederaufbau nach dem Krieg, über die Menschen, die ihre Kirchenfenster finanziert und geliebt haben. Und darüber, dass noch 1981 das letzte Fenster eingesetzt worden sei. Das zeige, wie groß die Hoffnung der Immerather gewesen sein muss, ihr Dorf und mit ihm die Kirche für immer zu behalten. „Wenn man sieht, wie viel Kulturgut hier zerstört wird, ist das recht dramatisch“, sagt Jansen-Winkeln.

Im Depot der Forschungsstelle sind die Immerather Fenster nun erst einmal sicher. Was später mit ihnen geschehen soll, ist noch offen. Sie habe immer mal wieder Fenster an andere Kirchen vermittelt, sagt Jansen-Winkeln. Aber das sei nicht die primäre Aufgabe ihrer Forschungsstelle. Die Einrichtung hat 100 000 Kirchenfenster in NRW, der Niederländischen Provinz Limburg und Luxemburg umfassend dokumentiert und der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht, inzwischen befinden sich mehr als 600 vor der Zerstörung bewahrte Glasfenster in ihrem Depot.

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