Geilenkirchen: Zwei geduldige Hände für vier Pfoten

Geilenkirchen: Zwei geduldige Hände für vier Pfoten

Ricky wimmert herzzerreißend, als er in eine Wolldecke gehüllt von Tina Böttcher (27), Tiermedizinische Fachangestellte, in die Arme seines Herrchens gelegt wird. „Er ist noch etwas benommen, das kann auch noch ein paar Stunden andauern“, sagt Dr. Rudolf Groß, während er dem Häufchen Elend über den lockigen Kopf streichelt.

Ricky ist ein Pudel und 14 Jahre alt. Er schnieft permanent und ist zudem am Herzen erkrankt. Die Ursache für das ständige Schniefen könnten seine maroden Zähne sein. Aus diesem Grund wurden ihm am Mittag 14 davon gezogen. „In drei Tagen schauen wir uns das wieder an. Wenn etwas sein sollte, rufen Sie mich an“, sagt der Tierarzt und gibt noch ein Antibiotikum mit.

Tierarzt Dr. Rudolf Groß tastet den Bauch von Golden-Retriever-Dame Anka ab. Die zehnjährige Hündin ist scheinschwanger und trinkt nichts mehr. Durch eine Blutprobe soll festgestellt werden, ob nicht doch mehr dahinter steckt. Foto: Laura Beemelmanns

Groß ist seit 35 Jahren Tierarzt in Geilenkirchen. Schon mit 23 Jahren hatte er sein Studium in Hannover beendet und arbeitete dort weitere vier Jahre als Assistent in der Universität. 1977 ist er dann wieder nach Geilenkirchen gekommen. Schon sein Vater hatte eine Tierarztpraxis, in Gangelt. „Ich hatte jedoch eine andere Schussrichtung als mein Vater“, sagt Groß. Ihn interessieren Kleintiere, sein Vater widmete sich mehr Nutztieren.

Groß Foto: Laura Beemelmanns

Der nächste Patient ist Sammy. Der fünf Jahre alte Mischling fing an zu speicheln und wurde daher von seinem Herrchen spontan vorbeigebracht. Groß und der Mann heben den mittelgroßen Hund auf den Behandlungstisch. Er zittert am ganzen Körper und versteckt seinen Kopf in den Armen seines Herrchens. Er hatte am Morgen schon eine Spritze bekommen, die mehrere Stunden anhielt. Nun die Kontrolle.

„Ich vermute, es ist etwas, das auf den Feldern verwendet wird. Es spricht für eine Vergiftung“, sagt Groß. „Sie sollten Spaziergänge in dieser Gegend momentan vermeiden. Dort wirft nicht unbedingt jemand etwas mit Absicht hin, aber es kann ein Stoff sein, den Hunde nicht vertragen.“ Er untersucht Sammy erneut und bittet sein Herrchen darum, seinen Hund zu beobachten und sich am nächsten Tag erneut zu melden. Solche Fälle hat Groß immer wieder.

Kaum hat Tina Böttcher den Tisch desinfiziert, löst schon der schüchterne Percy, der an der Seite von Frauchen und Herrchen hereintapst, Sammy ab. Percy ist ein stattlicher dreijähriger Airedale- Terrier. Auch er zittert auf dem weißen Behandlungstisch, verschmäht sogar ein Leckerchen.

„Ich habe an Percys Hodensack eine Schwarzfärbung festgestellt, das bereitet mir Sorgen“, sagt sein Herrchen. Während Groß den Hund untersucht, bewegt sich Percy kein bisschen. „Eigentlich ist er fit“, sagt Frauchen, „ich weiß auch nicht, warum er sich nun so anstellt.“

„Er riecht den Angstschweiß der anderen“, erwidert Groß und lacht. „Das ist nur eine farbliche Veränderung durch einen bakteriellen Infekt, kein Knoten“, beruhigt Groß den sich sorgenden Mann. Er gibt ihm ein Hautantibiotikum mit. Als Percy wieder mit allen vier Pfoten auf dem Boden steht, schüttelt er sich, läuft durch den Raum und nimmt nun auch das Leckerchen an. In der Zwischenzeit sprüht Tina Böttcher wieder Desinfektionsmittel auf und reinigt den Tisch.

Vor vielen Jahren hatte Groß auch einen Hund — Kessi hieß die Dackel-Dame. „Das war der beste Hund von allen“, sagt der Geilenkirchener. „Kessi war 17 Jahre bei uns.“ Als er im Jahr 1988 frisch die Praxis an der Heinsberger Straße bezog, war ein Mann mit dem Dackel-Welpen vorbeigekommen. Dem Hund fehlte eine Kralle. Der Mann wollte Kessi zurückgeben.

Doch Groß fasste sich ein Herz und schenkte Kessi ein neues Zuhause — nämlich sein eigenes. „Kessi lief immer ohne Leine. Sie blieb sitzen, wenn meine Frau saß, sie ging mit, wenn meine Frau losging, und sie wartete an jeder Ampel.“ Danach hat sich Groß kein Tier mehr angeschafft. „Es wäre ungerecht gewesen. Jeden anderen Hund hätten wir mit Kessi verglichen.“

Kater Missy nimmt Platz. Er wird im Mai sieben und sollte eigentlich eine Katze sein, bis sich herausstellte, dass Missy wohl eher ein Mister ist. Er trägt einen Halskragen und verkriecht sich in den Armen seines Frauchen. „Er hat seinen Schwanz selbst massakriert“, sagt Groß. „Das kann schon mal vorkommen. Vielleicht hatte er eine kleine Verletzung dort oder ein Jucken, dann tun die Tiere das“, erklärt er. Alles halb so wild. Die Wunde wurde schon versorgt, nur zum eigenen Schutz muss Missy noch ein paar Tage mit dem Halskragen herumlaufen.

Groß operiert nahezu jeden Mittag. Zudem ist er 24 Stunden am Tag für seine kleinen Patienten erreichbar. Heute beispielsweise kam ein Notfall in die Praxis. Eine Dogge litt unter einer Magenverdrehung. Sein Herrchen hatte beobachtet, dass der Hund würgen wollte, es aber nicht schaffte. Er handelte richtig und fuhr zum Tierarzt.

„Das war eine lebensbedrohliche Situation“, sagt dieser, „das Phänomen der Magendrehung ist noch nicht ganz erforscht. Wir haben den Hund notoperiert. Dabei wird der Bauchraum geöffnet, der Magen herausgenommen, geleert, in die richtige Position gebracht und an der Bauchwand festgenäht, damit es nicht wieder passieren kann.“

Die Dogge hatte Glück. Nun, am Nachmittag, erholt sie sich in einem ruhigen Raum im hinteren Teil der Praxis von den Strapazen.

Nun wird Golden-Retriever-Dame Anka reingeführt. Sie ist hochgradig scheinschwanger. Sie trinkt nichts mehr und buckelt, wenn sie frisst. Außerdem gibt sie Milch. „Der hormonelle Zyklus spielt verrückt“, sagt Groß und tastet ihren Bauch ab. Dann soll noch eine Blutprobe her.

„Das Blut läuft schon, Maus“, sagt er, „hast du gar nicht gemerkt.“ Er gibt Ankas Frauchen eine 20-Milliliter-Spritze mit, damit soll Anka Flüssigkeit zugeführt werden. „Verdünnen Sie eine Tasse Tee mit einem Liter Wasser, vielleicht trinkt sie das“, schlägt Dr. Groß vor. „Und lassen Sie alles weg, was den Magen reizt.“

Es ist 17 Uhr. Groß steht im Behandlungsraum und schreibt in Ankas Akte. In einer Stunde hat er wieder 24 Stunden Dienst. „Man darf nie gleichgültig werden“, sagt er. „Je länger ich die Patienten kenne, desto persönlicher ist es.“