Zeitgeschichte: Mindergangelt gehörte bis 1963 zu den Niederlanden

Mindergangelter Zeitgeschichte : „Für die Holländer die Pruisen, für die Deutschen die Holländer“

Kaum noch etwas erinnert in Mindergangelt daran, dass das Örtchen nach dem Krieg bis 1963 zu den Niederlanden gehörte. Oliver Thelen, Archivar der Gangelter Feuerwehr, ist auf Spurensuche gegangen.

„Der Aufbau des Feuerschutzwesens in den unter deutsche Verwaltung zurückgekehrten Gemeinden des Selfkantamtes wird Wirklichkeit.“ Mit diesem Satz eröffnete der berichterstattende Kollege seinen Zeitungsartikel, der in der Volkszeitung am Samstag, 30. November 1963, erschien.

Das beigestellte Foto zeigte neun Tankkraftspritzenfahrzeuge, kurz TSF-T, die im Rahmen des Sofortprogramms „Selfkant“ der Landesregierung für die Wehreinheiten Tüddern, Havert, Hillensberg, Höngen, Isenbruch, Millen, Schalbruch und Wehr angeschafft wurden. Bei den TSF-T handelte es sich um neun baugleiche Ford Transit, die bei der Firma Gebrüder Bachert in Bad Friedrichshall aufgebaut worden waren. In einer gemeinsamen Aktion hatten Mitglieder der Selfkänter Wehren die Fahrzeuge überführt. „Der Weg führte durch die schöne Gegend an Rhein und Neckar,“ schrieb die Volkszeitung.

Diese Fahrt dürfte nicht nur wegen der schönen Landschaft den Feuerwehrmännern unvergesslich geblieben sein. Einer von ihnen war Josef Scheuvens, Löschgruppenführer der Feuerwehr Gangelt. Er chauffierte damals den Ford Transit, der den Fuhrpark der Gangelter Feuerwehr ergänzen sollte, die sich zukünftig um den „unter deutsche Verwaltung zurückgekehrten“ Ort Mindergangelt kümmern würde.

Schon 1963 hatte der Berichterstatter, das kleine Mindergangelt, das wie die aufgezählten Selfkantorte auch vom 23. April 1949 bis zum 31. Juli 1963 als Folge des Zweiten Weltkrieges unter niederländischer Auftragsverwaltung gestanden hatte, einfach unter den Tisch fallen lassen. Und auch heute denkt man kaum an Mindergangelt, wenn von der Rückführung des Selfkants die Rede ist. Diese Rückführung war nach Zahlung von 280 Millionen D-Mark zum 1. August 1963 erfolgt.

Zeitzeugen werden immer rarer. Mit dem leider schon verstorbenen Josef Scheuvens hatte Oliver Thelen noch reden können. Thelen ist Mitglied der Feuerwehr Gangelt und deren Archivar. Eine Unzahl von Dokumenten hat er bereits digitalisiert und für zukünftige Generationen erhalten. Er bemüht sich, die Geschichte der Gangelter Feuerwehr zu bewahren und nach Möglichkeit Lücken in der Chronik zu schließen.

Wie die Erinnerungen gehen auch die steinernen Zeugen der Nachkriegszeit, als die Grenze zu den Niederlanden neu gezogen worden war, langsam verloren. An dieser Stelle stand das deutsche Zollhäuschen zwischen Gangelt und Süsterseel. Foto: Dettmar Fischer

Von Josef Scheufens hat Oliver Thelen unter anderem einen Aktenvermerk erhalten, der über den Verbleib des 1963 angeschafften Tragkraftspritzenfahrzeugs Auskunft gibt. Der Vermerk stammt vom 31. August 1982. Er besagt, dass das Fahrzeug aufgrund seines Zustands und der Tatsache, dass es keine Ersatzteile mehr gab, ausgeschlachtet werden sollte. Pumpe und Saugschläuche gingen an die Löschgruppe Kreuzrath. Das Fahrzeug selber sollte als Ersatzteilspender für ein baugleiches Fahrzeug in Birgden dienen. Zumindest in Bezug auf einige Einzelteile steht es noch heute bei der Löscheinheit Birgden in einem kleinen Museum.

Im Zuge seiner Recherchen hat Oliver Thelen auch versucht, Zeitzeugen zu kontaktieren, die in Mindergangelt lebten, als der Ort noch zu Holland gehörte. Er fragte bei Willi Babel nach, der von 1971 bis 1997 Löschgruppenführer in Gangelt war. Doch der war erst später von Mainz nach Gangelt zugezogen. Er konnte sich zwar noch gut an die billigen holländischen Zigaretten erinnern und daran, wie noch mit der Feuerpatsche die Böschungsbrände gelöscht wurden, doch zu Mindergangelt konnte er nicht viel sagen. Über die grüne Grenze sei schon mal ein Stück Vieh geschmuggelt worden, wusste Babel noch. Und wenn dann doch die Zöllner aufgetaucht seien, hätten die Schmuggler einfach den Strick losgelassen und behauptet, Kuh oder Pferd seien durchgegangen.

Thelen sprach mit Josef Meertens, der hatte als Junge im niederländischen Mindergangelt gelebt und war im deutschen Gangelt zur Schule gegangen. Meertens war geboren worden, als Mindergangelt schon niederländisch war. Erst im vergangenen Jahr war Meertens ob seiner niederländischen Herkunft ins Staunen geraten. Als er erstmalig, statt auf der niederländischen Botschaft in Düsseldorf seinen Pass zu verlängern, aufs Amt im benachbarten Echt gefahren sei, habe man dort eine Geburtsurkunde verlangt. Der Versuch diese Urkunde bei der Gemeindeverwaltung Gangelt zu bekommen, scheiterte aber.

Einen Josef Meertens, der sich zeitlebens als Gangelter gefühlt hatte, konnte man dort nicht finden. Bis jemand auf die Idee kam, mal in Tüddern nachzufragen, denn dort war zu niederländischer Zeit das für standesamtliche Meldungen zuständige Drostamt ansässig gewesen. Meertens konnte aufatmen, sein Name wurde im dortigen Geburtsregister sofort gefunden, es gab ihn also doch, sogar mit Urkunde.

Ein Nachbar von Josef Meertens ist einer der ganz wenigen im Ort, die Mindergangelt in seiner niederländischen Zeit als erwachsener Mann erlebt haben. Günter Bleilevens heißt der Mann, der wie Meertens trotz Zugehörigkeit seines Heimatortes zu den Niederlanden weiterhin in Gangelt zur Schule und Kirche ging. Für den kleinen Grenzverkehr habe man damals einen eigenen Pass bekommen. Mit dem habe man den Schlagbaum zwischen Mindergangelt und Gangelt passieren können und habe nicht den Umweg über den Süsterseeler Grenzübergang nehmen müssen.

Bleilevens erinnert sich noch gut an die Nacht zum 1. August 1963. In dieser Nacht habe ein geschäftiges Treiben geherrscht, die Scheunen seien voll gewesen, hunderte schwer beladene Lkw hätten auf den Moment der Rückgliederung gewartet. Unmengen von Gütern wie Weizenmehl und Kaffee, die in Holland günstiger zu haben waren, hätten sich um 0 Uhr mit der Rückgliederung ohne Zollaufschlag auf bundesdeutschem Boden befunden. Überregionale Großhändler mit guten Vorabinformationen hätten damals das große Geschäft gemacht.

Die „kleinen" Leute hätten nur gerüchteweise davon gehört, dass der Selfkant wieder nach Deutschland geht. Für ihn selber habe sich nicht viel geändert: „Jetzt sind wir in Deutschland, dat war et.“ Bleilevens erinnert sich noch, dass man von Mindergangelt aus in Brunssum Kleider kaufen ging. Am Grenzübergang Süsterseel habe es zu niederländischer Zeit einen Lebensmittelladen gegeben, der sei dann nach der Rückgliederung Mindergangelts hinter die Grenze Richtung Schinveld umgezogen. Inzwischen sei das Gebäude aber auch schon abgerissen.

Die Situation der Mindergangelter zwischen zwei Stühlen sei damals schon etwas merkwürdig gewesen, erinnert sich Günter Bleilevens: „Für die Holländer waren wir die Pruisen, für die Deutschen waren wir die Holländer.“ Heute wohnen viele Niederländer im Grenzort Mindergangelt, aber nur noch ganz wenige Mindergangelter, die sich an die Zeit erinnern, als ihr Heimatort zu Holland gehörte.