Geilenkirchen: Wohnzimmer werden zu Konzertsälen

Geilenkirchen: Wohnzimmer werden zu Konzertsälen

Früher war es beinahe schon eine Pflicht für Adelige und auch Bürgerliche, in ihren eigenen vier Wänden regelmäßig zum Konzert zu laden. Konzertsäle wie heutzutage gab es nur selten, auf dem Land sicherlich schon einmal gar nicht, da waren es immer Privatleute, die Künstler einluden, um damit den Menschen eine Freude zu machen.

Diese Jahrhunderte alte Vorlage griff nun auch Organisator Florian Koltun zum Ende des Klaviersommers in Geilenkirchen auf. „Wir möchten die gesellschaftliche Bedeutung der Hausmusik wieder in den Vordergrund rücken“, so Koltun bereits im Vorfeld des musikalischen Großereignisses.

Ein ganz privates Konzert mit Nora Bartosik gab es in Immendorf bei der Familie Hansen. Foto: Markus Bienwald

120 Bewerber aus 35 Nationen standen bereit, um sich im Wettstreit der Noten am Ende die begehrten Titel zu sichern. Da nicht alle auf dem Treppchen stehen konnten, gab es für die teils weit gereisten Pianisten die Privatkonzerte als Bonbon obendrauf. Ein Aufruf in unserer Zeitung zeigte viel Wirkung, die avisierten zehn Konzerte mit Teilnehmern des Klaviersommers waren ruckzuck vergeben. Und während sich die ausgezeichneten musikalischen Meriten auch in Einrichtungen wie Burg Trips oder dem Franziskusheim bestens genießen ließen, öffneten auch in Geilenkirchen zwei Familien ihre ganz privaten Räume für die Livemusik.

„Wir haben einen Tag vorher mit den Arbeiten begonnen“, erzählt Peter Hansen, der gemeinsam mit Gattin Inge in Immendorf zum festlichen Hauskonzert lud. „Wir sind das ganz entspannt angegangen, darum hatten wir keinen Stress damit“, ergänzt Inge Hansen. Entspannt war auch die Atmosphäre, und das schon eine ganze Zeit, bevor Nora Bartosik in die Tasten des tiefschwarz glänzenden Klaviers im ersten Stock griff. „Unsere Tochter Meike hat damals darauf geübt“, erinnert sich Inge Hansen. Und während die Tochter heute mehr mit der eigenen Familie und dem Beruf denn mit dem Klavierspielen beschäftigt ist, haben die Hansens das edle Instrument an Ort und Stelle belassen. „Wir haben es natürlich vorher mal prüfen und stimmen lassen“, so Peter Hansen. Vorher hieß in diesem Fall: Nachdem Florian Koltun grünes Licht zur Teilnahme an den Privatkonzerten gegeben hat.

Experiment erfolgreich

Das Stimmen war die einzige Voraussetzung — wie der Rahmen des Konzerts dann gestaltet wurde, blieb ganz den Gastgebern überlassen. Und während sich die in New York lebende Pianistin Nora Bartosik mit der ausgezeichneten Akustik im Haus der Hansens vertraut macht und dem Klavier ordentlich Leben einhaucht, freuen sich die Gäste schon auf das Konzert. Ein Glas Sekt, ein paar Häppchen und gerne ein Kaffee darf es vor und nach dem rund einstündigen Gastspiel schon sein. „Wir wollten einfach eine perfekte Atmosphäre schaffen“, so Peter Hansen.

Das Experiment war in Immendorf schon erfolgreich beendet, da saßen Olga und Matthias Kreimer in Geilenkirchen noch am Mittagstisch. Mit dabei waren Matteusz Rettner aus Polen und Pil-Won Seo aus Südkorea, und ein buntes Sprachwirrwarr mit den Eckpfeilern Deutsch und Englisch prägte die Szenerie in der Kreimerschen Küche. Nebenan wurden flott das Wohn- und das Esszimmer ausgeräumt, Tochter Senta sorgte mit aufgehängten Noten, die aus Papier geschnitten waren, für den passenden optischen Rahmen, Stühle waren über den Arbeitgeber von Matthias Kreimer und die Nachbarn beschafft worden.

„Wir haben heute 42 Gäste“, freute sich Olga Kreimer. Da konnte es im Wohnbereich ganz schön kuschelig werden. „Das macht aber nichts. Wem es zu warm ist, der setzt sich halt draußen hin, unsere Nachbarn sind ja auch eingeladen“, wirft Matthias Kreimer ein. Und so dürften sich die Bewohner der Eduard-Mörike-Straße über einen tollen und abwechslungsreichen Konzertnachmittag gefreut haben, an dem die beiden Musiker jeweils eine halbe Stunde ihr ausgezeichnetes Können demonstrierten.

Für Olga Kreimer, die als Musikschuldozentin und Musikerin selbst am besten weiß, wie es ist, wenn man ständig auf wechselnden Bühnen unterwegs ist, war das natürlich ein Genuss. „Einfach toll, diese Idee, denn so können die Künstler auch mal im Wohnzimmer zeigen, was sie im Konzertsaal zu leisten imstande sind“, resümierte sie.

Und die zufriedenen Gesichter der Musiker spiegelten in Immendorf wie auch in Geilenkirchen die Begeisterung der Gäste wieder. Denn an Orten zu musizieren, wo sonst vielleicht eher die musikalische Konserve ihre Klänge reproduziert, hat nun mal seinen ganz eigenen Reiz und ganz eigene Herausforderungen.

„Ich bin ja mal gespannt, ob unser Klavier das durchhält“, hatte Matthias Kreimer noch vor dem Konzertbeginn spekuliert. Das Klavier hielt, die Stimmung auch, und so war die in diesem Jahr erstmals beim Geilenkirchener Klaviersommer umgesetzte Idee der Hauskonzerte, die übrigens nicht nur in Geilenkirchen, sondern auch im Umland bis in die Niederlande hinein umgesetzt wurde, ein echter Volltreffer. „Also ich würde wieder mitmachen“, sagte Peter Hansen.

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