Übach-Palenberg/Darmstadt: Wie gründlich hat die Polizei im Drogenhändler-Prozess gesucht?

Übach-Palenberg/Darmstadt : Wie gründlich hat die Polizei im Drogenhändler-Prozess gesucht?

Kaum ein Tag ohne Überraschung: Nachdem zuletzt Polizisten aus Heinsberg im Prozess gegen eine Bande mutmaßlicher Drogenhändler aus Übach-Palenberg für Verwunderung gesorgt haben, hat nun ein Kriminalbeamter aus Hessen nachgelegt. Dabei lässt er seine Kollegen aus Nordrhein-Westfalen in keinem guten Licht erscheinen.

Zur Erinnerung: Seit Mai dieses Jahres müssen sich unter anderen eine 58-Jährige aus Übach-Palenberg, ihr 78 Jahre alter Ex-Lebensgefährte und ein junger Niederländer vor dem Landgericht im südhessischen Darmstadt verantworten. Den insgesamt fünf Angeklagten wird bandenmäßiges unerlaubtes Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vorgeworfen.

Vor wenigen Tagen hatte ein Polizist aus Heinsberg, der die Durchsuchung des Hauses der 58-Jährigen aus Übach-Palenberg geleitet hatte, ausgesagt, den Keller des Hauses habe ein Drogenspürhund durchsucht. Dies aber war von den Hundeführern verneint worden. Hunde seien nicht zum Einsatz gekommen. Das hörten Prozessbeteiligte und Durchsuchungsleiter an jenem Morgen allerdings zum ersten Mal. Womöglich wäre das aber auch nicht weiter von Bedeutung gewesen — wenn nicht ausgerechnet im Keller des Hauses mehr als ein Vierteljahr nach der Durchsuchung plötzlich fünf Kilo Heroin „aufgetaucht“ wären.

Der 78-jährige Ex-Freund der Hausbesitzerin habe die Päckchen gefunden, wie er sagt. Die Frage, wie die Drogen dort hingekommen und vor allem, ob sie bei der Durchsuchung vielleicht übersehen worden waren, treibt seitdem besonders die Verteidiger um: Für ihre Mandanten stehen hohe Haftstrafen im Raum, satte fünf Kilo Drogen weniger, die der mutmaßlichen Bande zu Last gelegt werden können, verringern womöglich die Anzahl der Jahre im Gefängnis. Denn: Wenn nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, wer diese Menge Drogen wann ins Haus gelegt hat, kann der Fund den Angeklagten nur schwer zugerechnet werden.

Die Beamten aus Heinsberg hatten vor Gericht angegeben, sich den Fund nicht erklären zu können. Man habe gründlich durchsucht. Ihr Kollege aus Hessen jedoch widerspricht. Da das Verfahren durch die Ermittlungen gegen einen Mann aus Südhessen ins Rollen gekommen war, ist der Beamte aus dem benachbarten Bundesland involviert. „Augenscheinlich“, so der Hesse, sei an jener Stelle, an der die Drogen nachträglich in dem Haus aufgetaucht waren, „lange nichts angefasst“ worden. Eine dicke Staubschicht belege das. „Ich hatte den Eindruck, da haben die nicht richtig geguckt“, sagt er.

Heroin für 150.000 Euro

Einige der Verteidiger stecken die Köpfe zusammen, tuscheln. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage stellt sich Prozessbeobachtern die Frage, ob sie gerade richtig gehört haben. Doch der Beamte im Zeugenstand ist noch nicht fertig: Einer der Heinsberger Kollegen — er wisse bedauerlicherweise aber nicht mehr, welcher — habe dies auch eingeräumt: „Da müssen wir wohl was übersehen haben“, habe dieser gesagt. Genau das aber hatten die Polizisten aus NRW vor Gericht bestritten. Es sei nicht auszuschließen, dass die Drogen erst nach der Durchsuchung des Hauses im Stadtteil Marienberg dort abgelegt worden waren, hatten sie auf Nachfrage der Verteidiger gesagt.

„Das halte ich für unwahrscheinlich“, hält der hessische Beamte dagegen. Es sei realitätsfern, dass jemand „Heroin für 150.000 Euro in ein Haus legt, das im Fokus der Polizei war und womöglich immer noch ist“. Die Gefahr, dass die Drogen, die einen weitaus höheren Wiederverkaufswert hätten, entdeckt oder der Abholer geschnappt würden, sei zu hoch. Außerdem, so der Kriminalbeamte, seien schließlich neben Abdrücken des angeklagten „Finders“ auch DNA-Spuren eines weiteren Angeklagten auf einigen Paketen zu finden: die des Niederländers. „Und die können ja kaum nach der ersten Durchsuchung darangekommen sein, denn da saß er ja bereits in Haft.“

Glaubwürdige Aussagen

Auch der im Prozess bislang immer wieder aufgekommenen Vermutung, der 78 Jahre alte Ex der Hausbesitzerin habe die Drogen dort selbst abgelegt, um den Behörden, mit denen er so gut kooperiert hatte, dass er als einziger aktuell nicht in Untersuchungshaft sitzen muss, „ein weiteres Zuckerl“ zu bieten, erteilt der Polizist aus Hessen eine Absage. Er habe den alten Mann als absolut glaubwürdig empfunden. Der Senior habe ein „konstantes Aussageverhalten“ an den Tag gelegt, etwaige Erinnerungslücken seien seinem hohen Alter geschuldet.

Bei der Vielzahl von Kurierfahrten, die dem 78-Jährigen vorgeworfen werden, „kann man außerdem auch mal durcheinander kommen“. Er habe zudem glaubhaft versichert, zunächst nicht gewusst zu haben, dass er Drogen durch halb Deutschland fahre, so der Polizist. Außerdem hätten die Aussagen, die der 78-Jährige ihm gegenüber getätigt hat, „wie eine Blaupause“ auf all jenes gepasst, was die Beamten Monate zuvor während ihrer Ermittlungen in abgehörten Telefonaten erfahren hatten.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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