Geilenkirchen: Wie die Menschen vor 60 Jahren Silvester feierten

Geilenkirchen : Wie die Menschen vor 60 Jahren Silvester feierten

Heutzutage geht die Jugend zu Silvester in die Diskothek oder macht mit Freunden Party. Aber wie sah das vor mehr als 60 Jahren aus? Senioren berichten aus ihrer Zeit und fördern die Unterschiede zum 21. Jahrhundert zu Tage.

Reiner Rongen (82) verbrachte seine Kindheit und Jugendzeit in Gillrath und war Jahrzehnte als Verkaufsfahrer tätig. Er weiß zu berichten, dass die Menschen damals meistens zu Hause oder bei Bekannten feierten, denn Discos gab es da noch nicht. „Bei uns wurde zu Hause mit Familie und Freunden gefeiert. Für das Ausgehen hatten wir damals kein Geld, aber Platz hatten wir zu Hause genug. Zu Silvester bekamen wir die Getränke von einem Händler aus Gillrath immer verbilligt, da wurde auch mehr getrunken. Wir haben meistens Appelkorn und Likör geholt“, sagt er und schiebt zur Erklärung hinterher: „Appelkorn ist eigentlich ein gefärbter Schnaps. Meistens waren wir so 15 junge Frauen und Männer. Damals gab es noch kein Fernsehen, da haben wir Stimmung gemacht und gesungen. Ich erinnere mich noch gerne an diese schöne Zeit zurück.“

Schoss mit dem Sektkorken Richtung Kronleuchter und dann ein Glas kaputt: Alfred Hahnen (74).

Adi Wille (76) aus Leiffarth ist in seiner Fünf-Dörfer-Gemeinschaft bestens bekannt. Immerhin ist er in der St.-Hubertus-Schützenbruderschaft und war 1979 auch schon Karnevalsprinz. Seine Sammelleidenschaft für Relikte vergangener Zeiten hat dazu geführt, dass freie Flächen in seinem Wohnhaus rar sind. Eines seiner Lieblingsschätzchen ist eine AEG-Schreibmaschine von 1906, immer noch funktionstüchtig. „Frisch, fröhlich, feucht“, sei es in jungen Jahren zu Silvester bei ihm im Wintergarten zugegangen. „Nachbarn und Freunde sind gekommen, und wir haben ordentlich bis in die frühen Morgenstunden einen drauf gemacht. Da konnte auch keiner umfallen, weil es so voll war. Fondue durfte nicht fehlen, aber besonders der Juttertje hatte es uns angetan. Das ist ein 30-prozentiger Kräuterbitter aus Holland, den mein Freund Paul uns immer besorgt hat. Es ging stimmungsvoll zu, und ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals eine Auseinandersetzung gab — trotz zunehmendem Alkoholspiegel und vorgerückter Stunde.“

„Bei uns wurde zu Hause mit Familie und Freunden gefeiert“, sagt Reiner Rongen (82).

Bier und Bowle

„Frisch, fröhlich, feucht“, ist es zu Silvester bei ihm im Wintergarten zugegangen: Adi Wille (76).

Als Bertrams Kätchen ist Käthe Boost in Geilenkirchen bekannt. War sie doch viele Jahre unter ihrem Geburtsnamen Bertrams in der Gaststätte ihrer Eltern in der Herzog-Wilhelm-Straße ein Garant für freundliche Bedienung. Die Nächte zum Neujahr hat die in Hatterath geborene 85-Jährige hautnah miterlebt und kann auch einiges erzählen. „Bier und Bowle und dazu Würstchen hat es immer gegeben. Zu Silvester war die Gaststätte immer voll, da kamen viele Leute und haben bis morgens vier oder fünf Uhr gefeiert. Es wurden viele Geschichten erzählt und überhaupt stand das Klönen im Mittelpunkt. Ganz beliebt war das Hexen. Hierfür stellte der Wirt Preise zur Verfügung, die dann bei einem Kartenspiel ausgelost wurden.“ In ihrer Kneipe hat Käthe übrigens ihren Ehemann Heinz kennengelernt, der ihr noch heute treu zur Seite steht.

„Bier und Bowle und dazu Würstchen hat es immer gegeben“, erinnert sich Käthe Boost (85).

Der ehemalige KfZ-Meister Erwin Bier erinnert sich noch genau an die Erlebnisse während seiner ersten Silvesternächte. Im zarten Alter von zehn Jahren hat der heute 85-Jährige in Traben-Trarbach mit anderen Schülern seines Gymnasiums mit Schwarzpulver gespielt. Heute weiß er, dass dies ein gefährliches Unterfangen war. „Wir haben das Schwarzpulver in kleine Behälter gefüllt und mit einer Zündschnur angezündet. Das war dann unser Silvesterfeuerwerk. Pro Sekunde brannte ein Zentimeter Zündschnur ab, haben wir errechnet. Tolle Knalleffekte gab es auch mit Streichholzköpfen, die wir in hohle Schlüssel steckten und dann gegen eine Wand geschlagen haben. Damals mussten wir allerdings auch in der Neujahrsnacht um Mitternacht ins Bett. Jahre später sah das schon anders aus, da hab ich in einer Gaststätte Klavier gespielt und die Leute unterhalten“, erzählt Erwin Bier. „Im Moselbereich Traben-Trarbach wurde natürlich hauptsächlich Wein getrunken, dazu gab es Brötchen mit Hackfleisch und Zwiebeln. Hexen und Tuppen hab ich erst in den 60er Jahren in Geilenkirchen kennengelernt, das gab es an der Mosel nicht. Beim Hexen habe ich sogar mal ein ganzes Schwein gewonnen.“

Hat schon in jungen Jahren an Silvester mit Schwarzpulver gespielt: Erwin Bier (85).

Alfred Hahnen (74) ist ein waschechter Teverener und seinem Heidedorf bis heute treu geblieben. Er erinnert sich noch an eine Begebenheit zu Silvester, die er in seiner „Sturm- und Drangzeit“, wie er selber sagt, erlebte.

Sturmfreie Bude

„Ich war damals 18 und zusammen mit anderen Jungs und Mädels bei einem Freund eingeladen. Die Eltern waren weg, und wir hatten eine sturmfreie Bude. Wir tranken Alpenkräuter und Gin Fizz und brachten uns in Stimmung“, erzählt Alfred Hahnen. „Punkt Mitternacht wollten wir mit Sekt auf das neue Jahr anstoßen, und ich durfte die Flasche öffnen. Für mich war dies das erste Mal, und ich wusste noch nicht, dass so viel Druck hinter dem Korken steckt. Mit einem lauten Knall schoss der Korken in Richtung des zwölfarmigen Kronleuchters, und dabei ging ein Glas kaputt. Da bekam ich einen gehörigen Schreck, aber wir haben weiter gefeiert. Die Eltern waren übrigens nicht sauer, und darüber war ich sehr erleichtert.“