Einbruchserie im Kreis Heinsberg: Wichtigster Zeuge schweigt nach sechs Stunden Anfahrt

Einbruchserie im Kreis Heinsberg : Wichtigster Zeuge schweigt nach sechs Stunden Anfahrt

Der wichtigste Zeuge für eine Einbruchserie im Kreis Heinsberg sorgt am Landgericht Aachen für Ernüchterung. Er ändere nach einem Kaffee mit seinem Rechtsbeistand seine Meinung und machte doch von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch.

Auch der vorletzte Verhandlungstag am Landgericht Aachen gegen fünf Angeklagte, die für eine Serie von Einbrüchen im Kreis Heinsberg verantwortlich gemacht werden, verlief aus Sicht der Anklage eher unbefriedigend.  Erneut hat Ramadan H., einer der mutmaßlichen Einbrecher und wichtiger Zeuge, für Verwirrung gesorgt.

Ramadan H. ist die zentrale Figur in dem gesamten Verfahren, das im vergangenen Sommer durch reinen Zufall seinen Lauf genommen hat. Der Libyer wurde damals in der Gemeinde Gangelt von Beamten der Heinsberger Kreispolizei aufgegriffen. Weil Grund zu der Annahme bestand, dass Ramadan H. sich illegal in Deutschland aufhält, wurde er auf die Wache mitgenommen. Immer wieder wiederholte er gegenüber den Beamten auf Französisch die Worte „Problem, Kodi, Tresor und Montag“.

Auf der Wache soll der 35-Jährige praktisch aus heiterem Himmel eine Art Lebensbeichte abgelegt haben. Er berichtete von Einbrüchen, die er gemeinsam mit Komplizen begangen habe – unter anderem eben in einer Kodi-Filiale.  Vorangegangen war wohl ein Streit um die Beute. H. präsentierte umfangreiches Täterwissen, er nannte Namen, und so gerieten neben ihm selbst fünf weitere Personen ins Visier der Polizei.

Die Ermittlungen schritten zunächst zügig voran, die Beamten stellten bei Hausdurchsuchungen einen Teil der Beute sicher, und nur wenige Wochen nach dem Zufallstreffer erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Zum einen gegen Ramadan H. am Geilenkirchener Schöffengericht und zum anderen gegen seine fünf mutmaßlichen Komplizen am Aachener Landgericht.

Doch zum Verfahrensbeginn am Landgericht war H. plötzlich nicht mehr auffindbar. Durch einen Beschluss vom Oberlandesgericht Köln war er aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Sein Aufenthaltsort: unbekannt. Auch seine Meldeadresse war dem Gericht unbekannt. Da er in seinem eigenen Verfahren mit einer Gefängnisstrafe rechnen muss, stand zu befürchten, dass sich H. ins Ausland abgesetzt hatte. In der Vergangenheit lebte er bereits in Belgien und den Niederlanden.

Es sah also so aus, als müsste der vorsitzende Richter Jürgen Beneking sein Urteil fällen, ohne den wichtigsten Zeugen gehört zu haben. Vor zwei Wochen deutete sich dann eine Wendung an: Der Staatsanwaltschaft gab in der Verhandlung bekannt, dass es Hinweise auf den Aufenthaltsort von Ramadan H. gebe. Kurze Zeit später wurde dieser in Norddeutschland, in der Landesunterkunft Boostedt bei Neumünster, aufgefunden. Dort wurde er von Beamten der Polizei befragt und bekräftigte: Ja er wolle vor Gericht aussagen.

Also wurde Ramadan H. am Mittwoch in den frühen Morgenstunden von Beamten zum Landgericht nach Aachen chauffiert. Im Gerichtssaal wartete man gespannt auf seine Ankunft und seine Aussage. Zur Überbrückung der Wartezeit wurde der leitende Polizeibeamte erneut befragt und zahlreiche Gutachten  in aller Ruhe verlesen.

Doch während der sechsstündigen Fahrt durch Schnee und Eis muss es zu einem Sinneswandel gekommen sein, oder aber während der von seinem Rechtsbeistand erbetenen Tasse Kaffee vor der Aussage. Ramadan H. machte zur Überraschung aller von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch. Wie Richter Jürgen Beneking betont, stehe ihm dies allerdings zu, da es in seiner Aussage um Dinge und Taten gehen würde, an denen er selbst beteiligt war und die Gegenstand seiner eigenen Anklage vor dem Amtsgericht Geilenkirchen sind. „Ich bin trotzdem irritiert und auch überrascht“, so Richter Jürgen Beneking. Seiner Meinung nach hätte ihm dies auch vor der langen Fahrt einfallen können: „Jetzt sind Sie sechs Stunden gefahren, um dann nichts zu sagen und gleich wieder sechs Stunden zurückzufahren.“

Doch auch ohne die Aussage von Ramadan H.  dürfte es zumindest für die beiden mutmaßlichen Haupttäter in Aachen eng werden. Denn bei verschiedenen Hausdurchsuchungen hatte die Polizei belastendes Material gefunden, insbesondere Diebesgut. Der nächste und letzte Verhandlungstag ist für den kommenden Freitag, 8. Februar, angesetzt. Dann werden die Plädoyers gehalten, und das Urteil wird erwartet.

Mehr von Aachener Zeitung