Gewalt gegen Schiedsrichter: Wenn der Fußballplatz zum Tatort wird

Gewalt gegen Schiedsrichter : Wenn der Fußballplatz zum Tatort wird

Schlagen, treten und anspucken – Gewaltausbrüche gegen Schiedsrichter in den Amateur-Fußballligen nehmen zu. Jüngst machte eine besonders heftige Faustschlagattacke Schlagzeilen: In einer Kreisligapartie in Münster schlug ein Spieler den Schiedsrichter k.o. – offenbar wegen einer Gelb-Roten Karte.

„Ich war von dem Vorfall nicht wirklich überrascht“, sagt Jürgen Eitel trocken. Er ist der Vorsitzende des Kreisschiedsrichterausschusses im Kreis Heinsberg. „Auch im Kreis Heinsberg gibt es Übergriffe auf Schiedsrichter, aber wir haben noch ein vergleichsweise ruhiges Gebiet.“

In der zurückliegenden Saison wurden dem Ausschuss drei Vorfälle gemeldet: eine diskriminierende Beleidigung, ein Tritt gegen das Schienbein, und einmal hat ein Unparteiischer einen Ball ins Gesicht bekommen. „Alle Vorfälle wurden vor dem Kreissportgericht abgearbeitet. Oftmals ist der Gewaltausbruch an eine Rote Karte gekoppelt. Da kochen die Emotionen schon mal hoch“, erzählt Dennis Schmitz, stellvertretender Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses.

So war es wohl auch in der vergangenen Saison in der 19. Minute des Endspiels um die Stadtmeisterschaft: Beim Stand von 1:0 für den VfR Übach-Palenberg II entschied Schiedsrichter Jan Jansen auf Foulelfmeter für Scherpenseel-Grotenrath II. Das passte einem VfR-Spieler gar nicht. Jansen hatte einen Tritt gespürt und war vom Spieler am Kragen gepackt worden. Rote Karte und Spielabbruch waren die Folge. Doch damit noch nicht genug: Der VfR-Spieler setzte nach. Auf dem Weg zur Umkleidekabine stellte er den Schiedsrichter erneut und wollte den Grund wissen. Wieder packte er den Schiedsrichter. Das Sportgericht des Fußballkreises Heinsberg sperrte den Spieler des VfR Übach-Palenberg II schließlich für 18 Monate. In der Verhandlung gab dieser an, dass er emotional aufgeladen gewesen sei. Er zeigte Reue und entschuldigte sich schriftlich beim Schiedsrichter.

„Jemand, der körperliche Gewalt gegen einen Schiedsrichter ausübt, hat auf einem Fußballplatz nichts mehr zu suchen“, findet Jürgen Eitel. „So jemand sollte lieber boxen gehen.“ Seiner Meinung nach sollten die Strafen bei tätlichen Übergriffen erhöht werden. „Das muss knallen und spürbar sein.“ Oftmals würde der Effekt auf die Moral einer Mannschaft nämlich nicht lange anhalten.

In der Saison 2018/19 hat es laut DFB eine leichte Zunahme der Gewalt gegenüber der Vorsaison gegeben. „In Summe wurden rund 2.900 Angriffe gegen Schiedsrichter verzeichnet“, kennt auch Eitel die Statistik. Besonders bedenklich: Die Tendenz ist steigend, obwohl es weniger Spiele gibt. „Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die Gewalt nimmt nicht nur gegen Schiedsrichter zu, auch die Polizei, die Kameraden der Feuerwehr und die Sanitäter werden heutzutage attackiert“, führt der 62-jährige Vorsitzende aus.

Er sieht eine Verrohung der Gesellschaft als Ursache. „Besonders hitzig und aggressiv sind die Spiele im April und Mai, wenn es um den möglichen Auf- oder Abstieg einer Mannschaft geht“, hat Eitel beobachtet. Doch auch erst kürzlich habe es einen Vorfall im Kreis Heinsberg gegeben. Auf dem Weg zum Auto wurde ein Unparteiischer von zwei zuvor des Platzes verwiesenen Spielern und einem Zuschauer bedroht. Die Gruppe habe sich lautstark darüber unterhalten, dass man wisse, wo der Schiedsrichter wohne. „Die Schwester gehört dann mir“, soll einer der Spieler noch geäußert haben. „Die Stimmung war sehr aggressiv, der Schiedsrichter ist schnell in seinen Wagen eingestiegen. Aktuell liegt der Fall beim Staffelleiter.“ Dieser entscheidet dann, ob der Fall vor das Sportgericht wandert.

„Beleidigungen und Beschimpfungen sind bei uns Tagesgeschäft“, erzählt Dennis Schmitz, der seit fünf Jahren Fußballspiele pfeift. „Ich schalte da mittlerweile auf Durchzug.“ Doch zu Beginn seiner Karriere habe er da seine Probleme gehabt: „Ich wurde darauf nicht vorbereitet, sondern ins kalte Wasser geworfen. Das war für mich sehr schwierig.“ Allerdings habe es ihm geholfen, ältere Kollegen an der Seitenlinie bei der Arbeit zu beobachten. „Die Kommentare gehen nicht gegen mich als Person, sondern gegen das Amt des Schiedsrichters“, hat Dennis Schmitz mit der Zeit gelernt. „Man darf da nicht auf jede Bemerkung reagieren. Ich hab da ein dickes Fell“, sagt auch Jürgen Eitel. Gerade unter den Jugendlichen seien die Umgangsformen heute einfach auch anders. So sei „Hey Alter, was pfeifst du denn da?“ bereits streng genommen eine Beleidigung: „Aber das ist einfach die Umgangssprache heute und keine bösartige Beleidung.“

Durch die zunehmende Gewalt gegen Schiedsrichter sei es schwerer, Nachwuchs zu finden und zu halten. „Wir verlieren viele junge Schiedsrichter: Wer pfeift schon gerne für nur 20 Euro ein Spiel und lässt sich dann auch noch von Spielern und Zuschauern beschimpfen.“ Jüngst habe es einen Lehrgang zur Prüfung als Schiedsrichter gegeben. Von den 23 Anmeldungen erschienen lediglich 17 Personen auch am ersten Lehrgangstag.

„Davon haben dann 13 die Prüfung auch bestanden. Ich denke, auch davon werden wir die Hälfte im ersten Jahr verlieren“, rechnet Eitel vor. Auch er wollte seine Fußballschuhe und die Pfeife eigentlich mit 60 Jahren an den Nagel hängen, doch zu groß ist die Leidenschaft und auch der Mangel an Schiedsrichtern im Kreis.

„Im Kreis sind wir 141 Schiedsrichter, davon pfeifen 130 aktiv“, erzählt Eitel. „Doch alleine im D-Jugend-Bereich fehlen 15 bis 18 Schiedsrichter“, ergänzt Dennis Schmitz. In Summe wären 150 bis 180 Unparteiische im Kreis Heinsberg gut: „Dann müssten Einzelne endlich nicht mehr Samstag und Sonntag Spiele begleiten oder gar zwei Spiele hintereinander pfeifen.“

Positiv bewerten die zwei engagierten Schiedsrichter die Erhöhung der Spielpauschale. „Nur als Schiedsrichter wird man für sein Hobby bezahlt, wenn auch nicht gut“, wirbt Eitel. „Gleichzeitig tut man noch etwas für seine Fitness.“ Um den Nachwuchs besser auf die teils harte Realität auf dem Platz vorzubereiten, plant er einen Kurs zum Umgang mit Aggressionen und Angriffen.

„Ich hoffe, dass sich alle Spieler mal auf die Tugenden beim Fußball besinnen – Respekt und Anstand gehören dazu“, appelliert Eitel. Das sollte jeder Spieler verinnerlichen. „Es ist auch wichtig, dass die Vereine ihre Spieler, Mitglieder und Zuschauer zum Thema ordentlicher Umgang gegenüber dem Schiedsrichter sensiblisieren“, ergänzt Dennis Schmitz.

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