Inklusion in der Ausbildung: Wenn das Handicap kein Hindernis ist

Inklusion in der Ausbildung : Wenn das Handicap kein Hindernis ist

Seit ihrer Geburt ist Caroline Bongartz aus Inden eine Kämpferin. Die 21-jährige kam mit einer zunächst unbestimmten Muskelerkrankung auf die Welt. Sie ist rund um die Uhr auf ihr Beatmungsgerät angewiesen und sitzt in einem elektrischen Rollstuhl.

Acht wechselnde Kräfte der ambulanten Kinderkrankenpflege und ihre Eltern unterstützen die junge Frau im Alltag: saugen den Beatmungsschlauch ab, helfen ihr auf den Stuhl oder reichen ihr das Essen an. Über Jahre hinweg war nicht klar, welche Krankheit die Muskelschwäche bei  Caroline Bongartz hervorruft. Erst seit einer Muskelgewebe-Analyse im Jahr 2012 steht fest: Es ist Nemalin-Myopathie, eine extrem seltene Erkrankung der Muskeln.

Kampf um eine Ausbildung

Doch ihre Krankheit ist nicht der einzige Kampf, dem sich die zierliche Rothaarige stellte. Nach ihrem kaufmännischen Fachabitur in Eschweiler, wollte sie eine Ausbildung in diesem Bereich anfangen. „Meine Möglichkeiten sind eingeschränkt, aber ich habe geschaut, was mir Spaß macht und gleichzeitig machbar ist“, erzählt Caroline Bongartz. „Anschließend habe ich über 50 Bewerbungen geschrieben, größtenteils für eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement.“

Doch das Feedback war nicht positiv: „Viele haben direkt ohne Begründung abgesagt.“ Trotz gutem Abschluss fand sie im ersten Jahr nach der Schule daher zunächst keinen Ausbildungsplatz. Doch Caroline Bongartz gab nicht auf, formulierte weiter freundliche, motivierte Anschreiben und feilte an ihrem Lebenslauf.

Sehr gut im Aufnahmetest

Schließlich wurde ihre Ausdauer belohnt: Einladungen zu drei Vorstellungsgesprächen flatterten in den  Briefkasten. Ein Schreiben stammte dabei vom Franziskusheim in Geilenkirchen. Zusammen mit 30 weiteren Bewerbern musste Caroline Bongartz  einen Aufnahmetest schreiben, um einen der zwei begehrten kaufmännischen Ausbildungsplätze zu bekommen.

„In dem Test müssen die Bewerber ihre Rechenkünste beweisen, es gibt Logikaufgaben, das Allgemeinwissen wird getestet und am Schluss muss ein Aufsatz geschrieben werden“, erklärt Izabela Zimniak aus der kaufmännischen Abteilung im Franziskusheim. „Der Test hat es in sich“, weiß auch Geschäftsführer Hanno Frenken. „Ich habe ihn einmal selber probiert, aber Frau Bongartz hat ihn mit Bravour gemeistert.“ Außerdem habe sie im Bewerbungsgespräch mit ihrer aufgeschlossenen und freundlichen Art das Kollegium überzeugt. „Also haben wir uns hingesetzt und überlegt, wie wir ihr hier eine Ausbildung ermöglichen können“, so der Geschäftsführer, der noch einmal betont: „Ausschlaggebend für ihre Einstellung war ihr sehr gutes Testergebnis. Förderungen hatten damit überhaupt nichts zu tun.“

Glücklicherweise standen im Franziskusheim sowieso Umbau-Arbeiten ins Haus. „Im Zuge dessen haben wir dann die Türen breiter gemacht, damit der Rollstuhl von Frau Bongartz problemlos hindurch passt“, erzählt Hanno Frenken. Außerdem wurde eine behindertengerechte Toilettenanlage in der Nähe ihres Büros gebaut und ein höhenverstellbarer Schreibtisch organisiert. „Wir wollten rein äußerlich optimale Bedingungen zum Lernen schaffen“, so der Geschäftsführer weiter. Die Umbaumaßnahmen und die Einrichtung wurden durch das Projekt der Bundesagentur für Arbeit „Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben“ unterstützt.

Seit August besucht Caroline Bongartz nun schon an zwei Tagen in der Woche die Berufsschule in Geilenkirchen, an den restlichen drei Tagen arbeitet sie im Franziskusheim:  „Die Ausbildung macht mir Spaß.“  Sie durchläuft dabei im Franziskusheim die verschiedenen kaufmännischen Abteilungen wie Finanzbuchhaltung, Lohnbuchhaltung und Heimverwaltung. „Ich lerne hier jeden Tag etwas Neues. Die Arbeit ist abwechslungsreich“, freut sich die 21-Jährige. „Aktuell kümmere mich vor allem um den Förderverein.“

 „Da ist Frau Bongartz wieder einmal ein wenig bescheiden. Sie ist für den gesamten Schriftverkehr der Franziskusfreunde zuständig“, korrigiert Hanno Frenken. Die Ausbildungsleitung und der Geschäftsführer sind sehr zufrieden mit der Arbeit von Caroline Bongartz.

„Für uns war das zunächst auch eine neue Situation und die Frage war, ob wir das hinkriegen“, räumt der Geschäftsführer ein. Zwar arbeiteten bereits Menschen mit Einschränkungen in verschiedenen Bereichen des Unternehmens, allerdings sitzt keiner davon im Rollstuhl und hat immer eine ambulante Betreuung an seiner Seite. „Insgesamt ist es aber eine Win-Win-Situation“, sagt sich Hanno Frenken. „Es lohnt sich für alle Beteiligten.“ Er möchte anderen Unternehmen Mut machen und sie animieren, Menschen mit einem Handicap eine Chance zu geben: „Leider erkennen viele Unternehmen dieses Potenzial nicht.“

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