Gangelter Ortsumgehung: Vom Reißbrett in die Wirklichkeit

Gangelter Ortsumgehung : Vom Reißbrett in die Wirklichkeit

Wann auch immer man in den vergangenen Jahren dazu kam, sich etwas grundsätzlicher mit Bernhard Tholen (CDU) zu unterhalten, landete man früher oder später bei der Gangelter Ortsumgehung. Der Bürgermeister, sicher eher ein Analytiker als ein Schwärmer, malte die sich eröffnenden Möglichkeiten stets in den schillerndsten Farben aus.

Am Dienstag war es endlich so weit, die vielen schönen Ideen nahmen ihren ersten Schritt runter vom Reißbrett und rein in die Wirklichkeit. Draußen auf den Feldern zwischen Ortskern und Hastenrath herrschte klirrende Kälte, als Tholen gemeinsam mit Landrat Stephan Pusch (CDU) und weiteren Honoratioren die Spaten in ein bisschen Sand stießen, der eigens zu diesem Anlass aufgehäuft worden war. Nachdem man den Sand ein bisschen in der Gegend herumgeworfen hatte, gab es Suppe und Schnaps. So weit das Ritual.

Ländlich geprägte Region

Ab sofort übernehmen die Bauarbeiter, das Projekt „Ortsumgehung Gangelt“ läuft. Es dürfte auf Jahre das mit einigem Abstand wichtigste für die Gemeinde bleiben, und auch das Kreishaus misst ihm Bedeutung bei. „Eine gute verkehrsmäßige Erschließung ist für die strukturelle Entwicklung einer ländlich geprägten Region von großer Bedeutung“, sagte Landrat Pusch. Die Grundlagen seien bereits vergangenes Jahr mit der Eröffnung der B56n geschaffen worden, die seitdem die deutsche A46 und die niederländische A2 verbindet, erinnerte er.

Die Ortsumgehung trägt die behördliche Bezeichnung EK13/17, es handelt sich bei ihr zunächst einmal um ein Projekt des Kreises Heinsberg. 186 Kilometer Kreisstraße gibt es bereits, knappe drei kommen hinzu und sollen Autofahrer und vor allen Dingen den Schwerlastverkehr in einem Halbkreis um Gangelt herumführen. Die Bauarbeiten werden dabei in zwei Abschnitte aufgeteilt.

Der nunmehr begonnene führt bis zur Hanxler Straße, die vom Ortskern aus in Richtung Breberen und Langbroich führt. Er kostet 4,175 Millionen Euro, von denen das Land 2,713 Millionen Euro übernimmt. Der zweite Abschnitt vollendet den Halbkreis bis zur Landstraße (ehemals B56) und wird 3,3 Millionen Euro kosten. Bereits im Januar wurde mit der Errichtung einer Brücke begonnen, die den Wirtschaftsweg zwischen Gangelt und Schümm über die Ortsumgehung führen soll.

Dass die Ortsumgehung für Gangelt von so großer Bedeutung ist, liegt vor allen Dingen daran, dass der Ort einerseits an einer wichtigen Verkehrsader liegt, andererseits aber gar nicht dazu geeignet ist, den dort fließenden Verkehr aufzunehmen. Seit die neue Bundesstraße eröffnet ist, hat sich zwar schon einiges gebessert, aber eben nicht genug.

Erst die Arbeit, dann die Umarmung: Landrat Stephan Pusch (l.) und Bürgermeister Bernhard Tholen gestern an der Hastenrather Straße. Foto: Jan Mönch

Anwohner der Sittarder Straße können nach wie vor anschaulich beschreiben, wie die Gläser in den Schränken klirren, wenn ein Lkw vorbeibollert. Und außerhalb der eigenen vier Wände ist die Situation aufgrund der stellenweise kaum einen halben Meter breiten Bürgersteige zumindest subjektiv bedrohlich. Ganz klar, das beschauliche Burgstädtchen verdient Besseres. Das Problem besteht bislang darin, dass der Fernverkehr zwar die B56n nehmen kann, aber eben nicht muss.

Der eigentliche Kunstgriff in der langfristigen Planung ist eine Umwidmung. Durch die nunmehr begonnene Ortsumgehung wird die Möglichkeit bestehen, die Sittarder Straße beziehungsweise Frankenstraße zu einer einfachen Gemeindestraße herabzustufen. Und darüber kann Gangelt dann sozusagen frei verfügen, vom Durchfahrverbot für Lkw bis zur Tempo-20-Zone ist so ziemlich alles möglich. Und diese neuen Gegebenheiten entfalten wiederum ihre Dynamik hinsichtlich Gastronomie, Geschäftsleben und Gebäudesanierungen. Das jedenfalls ist der Plan. „Es soll so richtig gemütlich werden“, sagt Bernhard Tholen. „Reinfahren, verwöhnen lassen, genießen!“

Die Anwesenheit von Gästen aus Köln, Düsseldorf und Berlin rief am Dienstag in Erinnerung, dass über Projekte wie die Ortsumgehung letztlich immer mehrere behördliche Ebenen über Kommune und Kreis entschieden wird. Nichtsdestoweniger müssen von unten die richtigen Hebelchen umgelegt werden, und das ist Kreishaus und Rathaus offenbar gelungen. Aufgrund der lange unklaren Finanzierung hatte die Gemeinde so vor knapp zwei Jahren entschieden, in Vorleistung zu gehen.

„Damit haben wir dem Land sicher gezeigt, dass wir mit einer gewissen Ernsthaftigkeit an das Projekt herangehen“, sagt Tholen. Um diese Ernsthaftigkeit signalisieren zu können, sei wiederum der stabile Gemeindehaushalt „nicht unwichtig“ gewesen. „Da hätten sich andere Kommunen möglicherweise schwerergetan.“

Und es geht ja noch weiter. Auch für Birgden ist eine Ortsumgehung geplant. Sie soll Waldenrath und die Kreisstraße südlich von Birgden verbinden.

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