Geilenkirchen-Bauchem: Viele kleine Könige gegen Kinderarmut

Geilenkirchen-Bauchem : Viele kleine Könige gegen Kinderarmut

Es ist — ausnahmsweise — mal ein kalter Samstagmorgen in diesem Winter, der kein richtiger werden will. Der 6. Januar, der Tag der Heiligen Drei Könige, spart aber immerhin mit Schnee oder gar Regen. Es ist windstill, und so frieren nur die Füße der kleinen Sternsinger, die unermüdlich von Haus zu Haus durch die Flandern-, Luxemburger- und Brabanterstraße und schließlich noch durch den Pappelweg in Bauchem ziehen.

Nach einer Stunde ist gerade mal ein Viertel des Weges geschafft. Beatrix Springer begleitet Kaspar, Melchior und Balthasar und die Sternträgerin. Die Kinder sind bestens auf ihre königlichen Rollen vorbereitet.

Wie die echten Heiligen Drei Könige folgen auch die Sternsinger dem Stern von Bethlehem. Nach dem Aussendungsgottesdienst in St. Marien (Bild oben) machten sich die Gruppen auf den Weg durch die Geilenkirchener Straßen. Beatrix Springer startete mit ihrer Sternsingergruppe an der Krippe in St. Marien (Bild unten links). Charlotte, Domenico, Hannah und Kelvin (v.l.n.r.) zogen durch die Bauchemer Straßen. Viele Anwohner öffneten ihre Tür und spendeten. Als Dankeschön gab es einen Segensspruch (Bild rechts). Foto: Dettmar Fischer

Nur ab und an, wenn die Füße zu kalt und der Mund schon x-mal das kleine Lied gesungen hat, mit dem die Kinder die Anwohner erfreuen, kürzt Charlotte das Protokoll etwas ab. Statt der Begrüßungsformel: „Wir wünschen Ihnen ein frohes neues Jahr“, entschlüpft der kleinen Königin ein keckes „Hi, morgen!“ nach dem Klingeln an der 37. Tür. Die Etikette ist schnell wiederhergestellt. Ein kurzer Wink von Beatrix Springer reicht, und Charlotte ist wieder ganz König Kaspar.

Wie die echten Heiligen Drei Könige folgen auch die Sternsinger dem Stern von Bethlehem. Nach dem Aussendungsgottesdienst in St. Marien (Bild oben) machten sich die Gruppen auf den Weg durch die Geilenkirchener Straßen. Beatrix Springer startete mit ihrer Sternsingergruppe an der Krippe in St. Marien (Bild unten links). Charlotte, Domenico, Hannah und Kelvin (v.l.n.r.) zogen durch die Bauchemer Straßen. Viele Anwohner öffneten ihre Tür und spendeten. Als Dankeschön gab es einen Segensspruch (Bild rechts). Foto: Dettmar Fischer

Erst klingeln, dann abwarten, dann vielleicht nochmal klingeln, und wenn dann der Hausbewohner öffnet „Ein frohes neues Jahr“ wünschen, so geht Sternsingen. Dann sagt der Bewohner: „Oh, Ihr seid das, das ist aber schön.“ Dann singen Charlotte, 8 Jahre, Domenico, 9 Jahre, Kelvin, 8 Jahre, und Hannah, 9 Jahre, ihr kleines Lied: „Im Namen des Vaters sind wir hier. Wir schreiben den Segen an Eure Tür. Er soll Euch begleiten das ganze Jahr, Kaspar, Melchior und Balthasar.“

Der Text am Schluss bildet den Refrain, der wiederholt wird, bis es auch der verschlafenste Anwohner kapiert hat, das jetzt was in die Kasse für die armen Kinder in der Welt kommen sollte. Die Kasse trägt zunächst Charlotte. Sie trägt als König Kaspar ein blaues Kostüm mit Krone und gibt sich alle Mühe, ihre Mitstreiter bei Laune zu halten. „Wir haben jetzt schon 40 Euro“, gibt die Kassenwartin nach nur wenigen Stationen bekannt. Der Ehrgeiz scheint geweckt.

Die Sternsinger haben als Vorbereitung auf den Aussendungsgottesdienst in St. Marien und den folgenden Gang durch die Straßen einen kleinen Film geschaut, der über die Aktion Dreikönigssingen 2018 informierte. „Gemeinsam gegen die Kinderarbeit in Indien und weltweit“ lautet das Motto des Dreikönigssingens 2018 — eine Aufgabe, die auch schon mal kalte Füße kosten darf.

Beatrix Springer geleitet die Kinder sicher von der einen auf die andere Straßenseite und hält die kleine Truppe beisammen. Ihre wichtigste Aufgabe aber ist das Tragen des Proviantkorbes. Darin werden die Süßigkeiten gesammelt, die die Anwohner den Sternsingern mit auf ihren langen Weg von Haus zu Haus geben. Ein Tüte Gummibärchen oder eine Packung Kekse werden in der Mittagspause bei Beatrix Springer gerecht verteilt. Für jeden eine Tafel Schokolade ist auch nicht schlecht, da entfällt das Zählen der Bärchen.

Wer glaubt, das Sternsingen ein Spiel sei, sollte die Kinder mal ein paar Straßen weit begleiten. Spätestens nach einer Stunde sind nicht nur die Füße kalt, auch Motivation ist jetzt gefragt. Ob die Sternsinger wohl an den Film denken und die Kinder in Indien, deren Leben sie mit ihrer Aktion ein wenig besser machen werden? Charlotte schlägt erst einmal vor, die Kasse mit Domenico gegen dessen Aufkleber zu tauschen. Ein wenig Abwechslung kann an diesem trübkalten Samstagvormittag nicht schaden.

Nach dem Lied, das immer schön mit „Er soll Euch begleiten das ganze Jahr, Kaspar, Melchior und Balthasar“ endet, kommt nicht, was nahe liegen könnte, die Aufforderung „Süßes oder Saures“, sondern die Frage „Kleben oder Schreiben“? Kleben heißt, der Anwohner bekommt den Segensspruch weiß auf schwarze Klebefolie gedruckt und kann ihn auf Tür oder Briefkasten pappen. Schreiben kommt zum Einsatz, wenn das Mauerwerk das Kleben nicht duldet.

Dann schreibt Beatrix Springer den Segensspruch „20C+M+B+18“ mit Kreide auf die Klinker. Viele Anwohner haben schon eine schöne Sammlung solcher Sprüche aus den vergangenen Jahren an ihrem Hauseingang. „Letztes Jahr seid Ihr aber nicht hier gewesen“, bedauert eine ältere Dame. „Stimmt“, sagt Beatrix Springer, die Personaldecke bei Sternsingern und Begleitern gebe es leider nicht her, jedes Jahr alle Straßenzüge abzudecken.

Nicht an allen Häusern öffnen sich an diesem Morgen die Türen. Mache Bewohnern sind einfach nicht zu Hause, andere wollen nicht öffnen. „Wenn die Türen aufgehen, kommt schönes Geld zusammen“, weiß Beatrix Springer, die seit fünf Jahren die Sternsinger in der Katholischen Kirchengemeinde St. Mariä Himmelfahrt Geilenkirchen begleitet. Drei der Sternsinger ihrer Gruppe sind Kommunionkinder, wie die meisten Sternsinger. Hannah, die Sternträgerin, ist zwar kein Kommunionkind mehr, geht aber trotzdem gerne noch mal von Haus zu Haus und auch mit ins Krankenhaus, um dort den Sternsingersegen zu verkünden.

„Ahoi, Ahoi“, ruft ein Sternsinger frohgemut auf dem Weg zur nächsten Tür. „Ahoi, Ahoi?“ — warum nicht. Eigentlich passt der Seemansgruß doch ganz gut: Sternsinger auf großer Fahrt von einem zum nächsten Haus, von einer in die nächste Straße. Da kann man nur Mast- und Schotbruch wünschen, eine gut gefüllte Kasse für die armen Kinder in der Welt und einen gut gefüllten Proviantkorb für die fleißigen Sternsinger.

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