Gangelt: Viel mehr als nur Bienchen und Blümchen

Gangelt: Viel mehr als nur Bienchen und Blümchen

Der Himmel ist wolkenlos, als Christopher Grimm beginnt, den Spaten in die Erde zu rammen. Es ist ein Tag wie gemacht für die Arbeit im Garten. Am Morgen noch hing dichter Nebel über den Feldern, aber jetzt ist alles klar. Es bleibt kühl, obwohl die Sonne nach Kräften strahlt. Die Luft schmeckt nach neuem Leben, nach Aufbruch, nach Tatendrang.

Christopher Grimm bearbeitet das Beet, als gebe es kein Morgen mehr. „Muss umgegraben werden”, raunt er zwischen zwei Spatenstichen. Der Zwölfjährige hat zu tun und lässt sich dabei nur ungern stören. Er schaufelt, schaufelt, schaufelt. Bis er plötzlich innehält. „Nicht schon wieder”, stöhnt Christopher und blickt mitleidig auf die Spitze seines Gerätes. „Was?”, fragt Barbara Esser, seine Lehrerin. „Regenwurm tot”, sagt Christopher und schaut schuldig.

Thema Nachhaltigkeit

Kollateralschäden wie dieser sind selten in der Gangelter Mercatorschule, aber sie lassen sich eben nicht ganz vermeiden. Weil die zehn Schüler, die sich im Rahmen der Erde AG um den Garten kümmern, nur schwer zu bremsen sind. Den Namen des Projekts erläutert Betreuerin Barbara Esser folgendermaßen: „Im Winter können wir ja draußen nichts machen. Deswegen wird dann getöpfert.”

Sicher auch ein spaßiger Zeitvertreib, aber die Arbeit im Garten ist bei den Schülern der unangefochtene Favorit. „Die zehn Plätze sind sehr begehrt”, sagt Esser. Das ist sicherlich der wichtigste Indikator für den Erfolg der Erde AG, aber es ist nicht der einzige. Eine Drogeriemarktkette hatte einen Preis für Projekte ausgelobt, die sich um das Thema Nachhaltigkeit verdient machen. Gewinnerin war die Erde AG der Mercatorschule, die sich über 1000 Euro freuen konnte.

Geld, mit dem man dort viel anzufangen weiß. Wenn Elisa Preuß alleine darüber entscheiden könnte, in was investiert wird, würde sie weitere Obstbäume kaufen. „Am liebsten Kirschbäume”, sagt die 13-Jährige, ebenfalls stolzes Mitglied der Erde AG.

Zunächst aber soll neben neuen Beerensträuchern und Blumenbeeten eine Trockenmauer in Angriff genommen werden. „Wir hoffen, dort werden sich sogar ein paar Eidechsen ansiedeln”, sagt Esser. „Das wäre ja cool”, sagt Christopher, der mittlerweile seinen Enthusiasmus wiedergefunden hat.

Sicher ist jedenfalls: Die Erfolgsgeschichte der Erde AG wird fortgeschrieben. Die Motivation für das Projekt, das so alt ist wie die Schule selbst, hat sich über die Zeit nicht verändert. „Es geht uns darum, dass die Schüler den Werdegang einer Pflanze miterleben”, sagt Esser. Damit sie lernen, dass Möhren eben nicht aus der Tüte kommen und die Petersilie nicht schon immer getrocknet und kleingehackt im Glas gelegen hat.

Folgerichtig ist das kleine Stück Grün, gelegen zwischen Rückseite des Schulgebäudes und Feuerwehrzufahrt, mehr Nutz- als Ziergarten.

Es gibt ein Weidentippi, Komposthaufen und Apfelbäume. Letztere haben dann auch den Bau des so genannten Insektenhotels nach sich gezogen. „Damit die Bienchen die Bäumchen bestäuben”, wie Esser es formuliert. Und auf dem Schulhof hat eine Kräuterspirale ihren Platz gefunden. Sie wirkt ein wenig angefressen, weil die Schüler sich zwischen den Pausen gerne mal bedienen.

Neben der reinen Wissensvermittelung erfüllt die Erde AG für die Mercatorschule, eine Bildungseinrichtung mit dem Förderschwerpunkt Lernen, noch weitere Funktionen. Schülern, die sich mit der Leistung im Klassenraum schwertun, zeigen bei handwerklichen Arbeiten im Garten den anderen, wie es geht. „Ich hoffe, bei dem ein oder anderen so auch eine berufliche Laufbahn anbahnen zu können”, sagt Esser.

Und nicht zuletzt führt die Arbeit im Garten zu erhöhtem Verantwortungsgefühl. „Es macht mich wütend, wenn hier jemand seinen Müll hinwirft”, sagt Christopher, und seine Augenbrauen ziehen sich zusammen. Dann sticht er den Spaten wieder in die Erde und schaut noch einmal auf. „Eigentlich”, sagt er, „ist der Garten unser Leben.”

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