Geilenkirchen-Teveren: Verzweifelte Eltern: „Wir haben keinen Lebensmut mehr”

Geilenkirchen-Teveren: Verzweifelte Eltern: „Wir haben keinen Lebensmut mehr”

Lorenzo lacht nicht mehr. Seit vielen Jahren schon nicht mehr. Der 16-Jährige kann nicht laufen, nicht sitzen, nicht greifen und nicht sprechen. Tag für Tag plagen ihn Schmerzen und epileptische Anfälle.

Wenn die Eltern, Wieslawa und Mario Lutat aus Teveren, ihr schweres Schicksal schildern, versagt dem Vater oft die Stimme. Die Mutter weint. Dabei erinnern sie sich, wie verliebt und glücklich sie waren, als Lorenzo vor 16 Jahren zur Welt kam. Ein gesunder und munterer Junge bereicherte das Familienglück. Doch bereits vier Wochen nach der Geburt sollte sich das ändern.

Mutter Wieslawa, heute 55 Jahre, ging mit Lorenzo zum Kinderarzt. Routine. „Der Kinderarzt sagte mir, er wolle Lorenzo gegen Tuberkulose impfen, da ich aus Polen stamme. Und in Polen gebe es diese Krankheit noch”, blickt Wieslawa Lutat zurück. Die Mutter stimmte zu. „Doch abends wurde der Junge unruhig. Er weinte, er schrie, er erbrach sich, bekam Fieber und Durchfall”, sagt sie.

Am nächsten Tag konsultierte sie eine andere Kinderärztin, die fiebersenkende Mittel und Medikamente gegen Durchfall verschrieb. „Damals hatte ich schon den Verdacht, dass die Impfung etwas mit seinem Zustand zu tun hatte”, schildert die verzweifelte Mutter. Die Kinderärztin sprach von Blähungen, die Mutter solle andere Milchprodukte für die Kindernahrung auswählen. Auch in den folgenden Wochen schrie Lorenzo viel. „Lorenzo hat nicht mehr gelacht, nicht mehr nach der Flasche gegriffen.”

Immer wieder suchte Wieslawa die Kinderärztin auf, immer wieder wurde die Milch geändert. „Mit zweieinhalb Monaten weinte Lorenzo Tag und Nacht. Sogar die Nachbarn wurden schon auf uns aufmerksam”, berichtet die Mutter.

Und weiter: „Die Kinderärztin sprach immer noch von Blähungen. Sie verschrieb Krankengymnastik, um den Magen-Darm-Trakt anzuregen. Als Lorenzo viereinhalb Monate war, untersuchte sie ihn ein weiteres Mal und befand ihn für gesund. Gleichzeitig empfahl sie eine Fünffachimpfung, der ich nach langem Zögern zustimmte.”

Zu jener Zeit lebte die Familie noch in Marienberg. „An einem dieser Tage bewegte sich Lorenzo plötzlich ruckartig mit dem ganzen Körper, zog Hände und Füße nach vorne und verkrampfte sich total, er weinte ganz schrecklich. Er hatte Krampfanfälle.” Die Mutter fuhr mit ihrem Sohn erneut zur Arztpraxis.

Während des Gespräches mit der Ärztin bekam Lorenzo erneut einen Krampf. Da erkannte die Medizinerin, dass der Junge epileptische Anfälle hatte und überwies ihn sofort ins Aachener Klinikum. Ein halbes Jahr blieben Mutter und Sohn stationär im Klinikum. Immer wieder folgten neue Untersuchungen, immer wieder wurden andere Medikamente verabreicht.

Die Ärzte der Kinderklinik vermuteten eine mitochondriale Krankheit. „Die Welt ist für uns damals zusammengebrochen, unser Herz zerbrochen. Bei dem vermuteten Mitochondrien-Komplex 3 Mangel handelt es sich um eine unheilbare, schwere Krankheit mit schweren epileptischen Anfällen von Geburt an ohne hohe Lebenserwartung”, sagt Mario Lutat.

Nach sechs Monaten wurden Mutter und Sohn nach Hause entlassen. „Als Lorenzo fünf Monate alt war, ergab eine MRT-Untersuchung im Klinikum keine Auffälligkeiten des Gehirns. Als Lorenzo ein Jahr alt war, wurde bei einer weiteren MRT-Untersuchung ein Schaden festgestellt. Es war in seiner Entwicklung stehen geblieben”, blickt der heute 44-Jährige zurück. Der Leidensweg des Jungen ging weiter.

Ärzte in den Kliniken Rheydt, Bonn und München untersuchten ihn. „Doch keiner konnte helfen, es gab nur Medikamente gegen die Schmerzen”, sagt die Mutter. Bis heute hat Lorenzo Tag für Tag zwei schwere Anfälle. Am 26. Januar 1998 wurde im Aachener Klinikum eine Muskelbiopsie vorgenommen. In dem Bericht an die Kinderärztin heißt es: „Wir können keinen sicheren Anhaltspunkt für eine ausgeprägte mitochondriale Krankheit finden. Die gentechnologische Untersuchung wird weiterhin fortgeführt.”

Und genau diese Untersuchung wurde nie vorgenommen. „Es folgte keine gentechnologische Untersuchung, es wurde aber auch keine andere Diagnose gestellt”, erklärt Mario Lutat. Bis im Jahre 2009 der Hausarzt von Lorenzo, der den Jungen seit fast 15 Jahren betreut, ihn zu einer Fachärztin für Humangenetik (Name ist der Redaktion bekannt) überwies.

In der Zusammenfassung ihres Berichtes, datiert vom 20. Oktober 2010, ergaben sich ihrer Meinung nach „keine Hinweise auf eine genetisch bedingte Erkrankung”. Sie schreibt aber auch: „Mit diesen Analysen ist ein definitiver Ausschluss einer genetisch bedingten Erkrankung letztlich aber nicht erwiesen. Die Schilderung des Krankheitsbeginns im fünften Monat lässt m. E. eher an einen Impfschaden denken, als an eine genetisch bedingte Erkrankung.”

Nun wollte Familie Lutat, die vor 13 Jahren nach Teveren gezogen ist, um die Anerkennung des Impfschadens kämpfen und gegen den Landschaftsverband Rheinland klagen. Mit der Wahrnehmung ihrer Interessen hat die Familie Michael Ashcroft, Fachanwalt für Sozialrecht und Familienrecht in Haigerloch, beauftragt. „Es geht uns um die finanzielle Absicherung von Lorenzos Zukunft”, begründet Mario Lutat, als Zivilist auf dem Nato-Flugplatz beschäftigt, sein Vorgehen. „Unser Leben besteht nur aus Krankenhaus, Arbeit und unserem Zuhause. Wir haben keinen Lebensmut mehr.”

Doch dieses Verfahren wurde zwischenzeitlich eingestellt. Wie Michael Ashcroft auf Anfrage erklärte, habe das Sozialgericht Aachen die Klage am 24. Oktober 2011 abgewiesen, weil alle Gutachten gegen Familie Lutat sprachen. „Ich bin aber der Meinung, dass von einem Impfschaden ausgegangen werden kann. Deshalb brauchen wir zunächst einen privaten Gutachter.” Ashcroft ist optimistisch, bald fündig zu werden. „Wenn dieser Gutachter zu neuen Erkenntnissen kommt, werden wir den Landschaftsverband bitten, neu in das Verfahren einzusteigen, und das Sozialgericht müsste neu ermitteln.”

Bereits im Jahre 2007 verklagten die Lutats die Kinderärztin wegen der zweiten Impfung. „In diesem Prozess wurden uns 12 000 Euro zugesprochen. Man ging von einem genetischen Fehler aus. Von einem Impfschaden war nicht die Rede”, sagt Wieslawa Lutat.

In all den Jahren lebte die Familie in Teveren unbemerkt von der Öffentlichkeit. „Wir wollten keinem zur Last fallen, außerdem waren wir in dem Glauben, keine Hilfe zu bekommen”, sagt Mario Lutat. Bis vor einiger Zeit Rita Lammertz, eine Nachbarin, aufmerksam wurde.

„Ich wollte die Leute aufmerksam machen, dass es einen Jungen gibt, den man vergessen hat. Ich wollte sein Schicksal an die Öffentlichkeit bringen und die Menschen auch um finanzielle Hilfe bitten”, sagt sie. Auf Facebook eröffnete sie eine Seite „Hilfe für Lorenzo”, stellte in verschiedenen Geschäften Sammeldosen auf und bat auch Ortsvorsteher Josef Paulus um Hilfe.

Jetzt wurden auch die Sozialämter der Stadt Geilenkirchen und des Kreises Heinsberg aufmerksam. „Herr Paulus will nun ein barrierefreies Haus für uns suchen, wir bekommen nun drei Stunden in der Woche eine Pflegekraft und zwei Stunden in der Woche eine Putzfrau. Jetzt kann ich schon einmal stundenweise das Haus verlassen und Luft atmen”, sagt die Mutter, der von der Krankenkasse auch ein spezieller Rollstuhl mit Liegeschale zugesichert wurde.

Doch was der Familie noch fehlt, ist ein geeignetes Fahrzeug, um Lorenzo mit seinem Rollstuhl zu transportieren. „Auch ein Spezialfahrzeug zum Transport des Rollstuhles kann beantragt werden. Und in zwei Jahren erhält der Junge Grundsicherung”, erklärt dazu Wilfried Schulz, Leiter des Geilenkirchener Jugend- und Sozialamtes. Aber da gibt es noch einen großen Traum. „Eine Woche Urlaub mit Lorenzo.”