Kreis Heinsberg: Unkraut: Biologin will Voruteile bekämpfen

Kreis Heinsberg: Unkraut: Biologin will Voruteile bekämpfen

„Unkraut ist eine Pflanze, die einfach nur am falschen Ort wächst“, sagt Sandra Nievelstein und pflückt ein Blatt des grasgrünen Gierschs ab. „Wenn eine Kartoffel im falschen Beet wächst, wäre sie rein theoretisch auch Unkraut“, sagt die Biologin und steckt sich ein Stück der Pflanze, die in der Volksmedizin zur Linderung von Rheuma und Gicht verwendet wird, in den Mund.

Mit Wildkräutern kennt Sandra Nievelstein sich bestens aus. Regelmäßig bietet die 2. Vorsitzende des Nabu (Naturschutzbund Deutschland) Kreisverbands Heinsberg in Wegberg Wildkräuterführungen (siehe Box) an. Ihr Ziel: mit Vorurteilen aufräumen. Schließlich werden zahlreiche Kräuter im Volksmund noch immer fälschlicherweise als Unkraut bezeichnet. „Ich möchte, dass die Menschen ein Gefühl für die Pflanzen bekommen. Kräuter wachsen überall und sind gesund.“ Ihr Engagement kommt jedoch nicht bei jedem gut an.

Kresse, Brennnessel, Bärlauch und Co. seien vielen Hobbygärtnern nämlich oft ein Dorn im Auge. „Jeder, der im Garten arbeitet verflucht den Giersch, weil er überall wächst und die Kresse ist auch ein gehasstes Gartenkraut“, sagt Nievelstein.

Für sie sind diese weit verbreiteten Meinungen nicht nachvollziehbar. Schließlich sind die meisten Wildkräuter gesünder, als sie auf den ersten Blick scheinen. Sie beinhalten nämlich deutlich mehr Mineralien und Vitamine als Obst und Gemüse. Zum Vergleich: 100 Gramm Brennnessel enthalten sechsmal so viel Vitamin C wie 100 Gramm einer Zitrone. Außerdem helfen Kräuter dabei, etliche Stoffe wieder aus dem Körper zu leiten. „Das müssen nicht unbedingt Giftstoffe sein. Das können auch künstliche Farb- oder Aromastoffe sein“, sagt Nievelstein.

Während das Lungenkraut vor allem gegen Husten helfe, regt der Löwenzahn die Funktion der Leber an, der Giersch wird zur äußeren Anwendung gegen Gicht eingesetzt. Warum die Kräuter jedoch oft trotzdem nicht den Weg auf den Teller finden? Auch dafür hat Sandra Nievelstein eine Antwort parat. „Bis nach dem Zweiten Weltkrieg sind Kräuter noch eingesetzt worden. Damals gab es nicht viel und man wurde davon satt und gesund“, sagt sie.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in den 1950er Jahren änderte sich auch das Verhalten vieler Konsumenten. „Man hat damals gemeint, dass Kräuter oft von armen Leuten gegessen werden und hat deshalb immer mehr darauf verzichtet. Diese Blöße wollte sich natürlich niemand geben“, sagt Sandra Nievelstein.

Seit einigen Jahren erleben die grünen Heilmittel allerdings wieder ein Comeback — jedoch nicht in ihrer ursprünglichen Form. „Viele junge Leute nehmen gerne grüne Smoothies zu sich“, sagt Nievelstein. Dabei sei jedoch die richtige Zubereitung das A und O. „Man sollte nicht nur Kräuter einer Sorte nehmen, sondern auf eine gute Mischung achten“, sagt Nievelstein.

Ein gutes Beispiel dafür sei die Brennnessel. Vor allem als Tee sei diese Pflanze sehr beliebt. Doch Vorsicht! „Eine junge Frau hat mir mal erzählt, dass sie an Nierenversagen litt, weil sie täglich drei Kannen davon getrunken hat“, sagt Nievelstein. Auch hier spiele die richtige Dosierung eine wichtige Rolle. „Nur weil ich die Pflanzen mal gesehen habe, heißt das nicht, dass ich mich auch mit ihnen auskenne“, sagt sie.

Aus diesem Grund bietet sie regelmäßig Wildkräuterführungen und Kochseminare an. Im Mittelpunkt stehen das Erkennen und der Umgang mit den Pflanzen. Genutzt wird das Angebot meist von älteren Semestern. Woran das liegt? „Viele Menschen beschäftigen sich eher mit den Themen Gesundheit und gesunde Ernährung, wenn sie ins Rentenalter kommen“, sagt Nievelstein.

Für sie ist dies nachvollziehbar: „Wenn ich berufstätig bin, eine Familie versorgen muss und ein Haus habe, bleibt einfach nicht viel Zeit, um im Garten noch Kräuter zu ernten. Diese Art der gesunden Ernährung kostet zwar kein Geld, dafür aber viel Zeit“, sagt sie.