Geilenkirchen: Überlebenstraining für Jugendliche: Vier Tage im Wald ohne Handy

Geilenkirchen : Überlebenstraining für Jugendliche: Vier Tage im Wald ohne Handy

Acht junge Leute, alle zwischen 13 und 18 Jahre alt, die regelmäßig das evangelische Jugendzentrum Zille in Geilenkirchen besuchen, nehmen von kommendem Montag bis Donnerstag an einem „Überlebenstraining“ in Hürtgenwald in der Eifel teil. Vier Tage im Wald. Ohne Technik. Ohne Handy.

Nein, Kimberly Hansen fährt garantiert nicht mit. Die 20-Jährige aus Hückelhoven sagt, warum nicht: „Ich habe große Angst vor Spinnen.“ Finn Bellen aus dem Geilenkirchener Stadtteil Beeck hingegen freut sich auf die Tour, die das evangelische Jugendzentrum Zille anbietet: „Ich freue mich auf die Natur, auf die Leute und auf Spaß. Ich suche Abenteuer und möchte etwas erleben“, sagt der 13-Jährige. Und die 14-jährige Jeandice Prinz aus Teveren möchte neue Erfahrungen sammeln. Begleitet werden sie von Sibilla Gärtner, Leiterin des Jugendzentrums, und dem Marineinfanteristen Roby t‘Lam.

Alkohol und Zigaretten tabu

Bei diesem Überlebenstraining mitten im Wald geht es nicht um einen täglichen Kampf um eine Mahlzeit, nicht um die Suche nach Wasser, Beeren und anderem Essbaren, sondern um ein Überleben ohne Handy und Tablet, ohne Facebook und Instagram, ohne Musik und ohne eine Kurznachricht von den rund 300 Freunden in sozialen Netzwerken. Alkohol und Zigaretten sind ebenfalls tabu.

Am Anreisetag wird Förster Stefan Burgay die Geilenkirchener Gruppe in Empfang nehmen und tief in den Wald bringen. Roby t‘Lam hat dort schon Schlafstellen aus Holz vorbereitet: Matratzen aus Zweigen, Decken und Schlafsäcke. Auch Lebensmittel, ausreichend Wasser und ein Campingbrenner für die Zubereitung der Mahlzeiten sind schon vor Ort.

Mit dem Spaten müssen die Jugendlichen noch Toilettenstellen ausheben, Lichter werden aufgehangen, die in der Nacht ein wenig Helligkeit spenden. „Den Luxus des Toilettenpapiers leisten wir uns aber doch noch“, sagt Sibilla Gärtner lachend.

Hier, in der Abgeschiedenheit, geht es um Selbstfindung. Welche Ressourcen, welche Stärken habe ich? Was brauche ich wirklich? Muss ich wirklich mehrere hundert Euro für teure Markenkleidung ausgeben? Oder kann man das Geld auch sinnvoller investieren? Wie will ich meine Zukunft gestalten? Diese und viele weiteren Fragen will Sozialpädagogin Sibilla Gärtner mit den Jugendlichen in Einzel- und Gruppengesprächen, bei Spielen und kreativem Gestalten beantworten. „Für viele Jugendliche ist es eine echte Herausforderung, vier Tage auf Smartphone und Tablet zu verzichten“, hat Sibilla Gärtner festgestellt. Nur die beiden Betreuer haben ein einziges Handy, um bei Bedarf einen Notruf absetzen zu können. Vier Tage ohne Handy: Das war ein Grund für viele Jugendliche aus dem Zille, an diesem Projekt nicht teilzunehmen.

Die jungen Leute erlernen in der Abgeschiedenheit auch Strategien. Wie gehe ich mit Wut um? Mit Rückschlägen und Hindernissen? „Die Jugendlichen sollen sich bewusst machen, dass sie voneinander lernen können. Auch einander helfen spielt im Leben eine große Rolle“, sagt Gärtner. Und weiter: „Es handelt sich um eine bunt gemischte Gruppe. Die Jugendlichen sind 24 Stunden am Tag zusammen. Wie hält man das aus, ohne zu flüchten? Die Jugendlichen lernen, bei Konflikten miteinander zu reden.“

Zurück zur Natur: Bei täglichen Spaziergängen durch den Wald, so glaubt die Sozialpädagogin, können die Jugendlichen sich ohne Ablenkung viel besser mit der Frage beschäftigen, was für sie wichtig ist.

Nach diesem Projekt findet ein Nachtreffen in einem Restaurant statt. „Dann sicherlich wieder mit Schminke und Schnickschnack. Dann werden die Jugendlichen wieder verwöhnt, das haben sie sich verdient. Das Handy ist dann auch wieder erlaubt. Aber vielleicht brauchen sie es dann gar nicht mehr“, sagt Gärtner. Sie jedenfalls freut sich auch schon riesig auf ihr „Überlebenstraining“ mit den Jugendlichen im tiefen Wald.

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