Mehrfache Körperverletzung: Übergriffe auf Freundin vor Gericht in Geilenkirchen

Mehrfache Körperverletzung : Übergriffe auf Freundin vor Gericht in Geilenkirchen

Es gibt Fälle, da benötigen auch erfahrene Richter seelischen Beistand. Mit einem solchen hat es derzeit das Schöffengericht am Amtsgericht Geilenkirchen zu tun. Ein 39 Jahre alter Maler- und Lackierer ist wegen mehrfacher Körperverletzung angeklagt.

Den Tatvorwurf der Vergewaltigung hatte die Staatsanwaltschaft schon im Vorfeld fallen lassen, weil dieser nicht nachweisbar schien. Die Straftaten sollen sich über mehrere Monate hinweg im Jahr 2016 in einem Mehrfamilienhaus in Heinsberg zugetragen haben.

Fuß auf das Gesicht gesetzt

Der Angeklagte soll seine damalige Freundin geschlagen, mit einem heißen Föhn gebrandmarkt, ihr den Kopf in die Toilettenschüssel gesteckt, ihr mit einem Schraubenzieher einen Kratzer am Hals zugefügt und ihr den Fuß auf das Gesicht gesetzt haben, als sie am Boden lag und dabei gedroht haben: „Siehst Du, wenn ich nur wollte, bist Du tot.“

Die Vorsitzende des Schöffengerichts, Richterin Corinna Waßmuth, hatte den Angeklagten zu Beginn der Verhandlung gebeten, er möge doch noch einmal darüber nachdenken, ob er weiterhin die Taten abstreiten wolle.

Angeklagter bestreitet Tat

Ein Geständnis für den Fall, dass die Vorwürfe stimmen, wäre sicherlich der gewichtigste Strafmilderungsgrund.

Doch der Angeklagte wies die Vorwürfe weiterhin von sich: „Ok, ich bin laut geworden, aber ich schlage doch keine Frau.“ Wortreich schilderte er die nur zu Beginn gute Beziehung zu seiner ehemaligen Freundin, die er als neue Nachbarin kennengelernt hatte.

Das Strafverfahren hatte der Stiefvater der vermeintlich Geschädigten in Gang gebracht. Er hatte bei der Polizei eine Anzeige wegen Vergewaltigung erstattet, dabei waren auch die Körperverletzungen zur Sprache gekommen.

Verwirrende Zeugenaussagen

Ein wenig Mitleid musste man mit dem Angeklagten im weiteren Verlauf der Verhandlung haben. Schließlich ist er ja die Hauptperson in einem Strafprozess. Doch in diesem besonderen Fall geriet der 39-Jährige fast in Vergessenheit. Es war die Zeugenaussage des Stiefvaters der Ex-Freundin des Angeklagten, die dem 39-Jährigen die Aufmerksamkeit des Gerichts vorübergehend entzog.

Der 51-jährige Stiefvater erzählte dem Gericht, er habe die Anzeige gestellt, weil seine Stieftochter psychisch krank sei und sich nicht in der Lage gesehen habe, die Anzeige selber zu erstatten.

Geschädigte ist in Therapie

„Sie kriegt ihr Leben nicht in den Griff“, sagte der Zeuge über seine Stieftochter. Sie sei seit mehreren Jahren Alkoholikerin und befinde sich derzeit in stationärer Therapie. Vor etwa einem Jahr, so der Stiefvater im Laufe seines Berichtes, habe sich zudem herausgestellt, dass seine Enkeltochter vom Ex-Mann seiner Stieftochter missbraucht worden sei. Seine Stieftochter habe aber auch in diesem Fall nicht zur Polizei gehen wollen.

Etwas ungläubig fragte Richterin Waßmuth nach, ob denn der Missbrauch der Enkelin nie angezeigt worden sei. Nein, meinte der Stiefvater. Man habe lediglich eine Beratungsstelle aufgesucht. Jetzt sei diese Anzeige aber auch in der Welt, meinte Richterin Waßmuth. Die Staatsanwältin habe gut zugehört.

Im nächsten Kapitel erklärte der Stiefvater, seine Stieftochter habe gegenüber ihrer Mutter gegen ihn die Beschuldigung erhoben, auch er habe sie sexuell belästigt. Diese Anschuldigung habe sie aber später zurückgenommen.

Wieder ein Kapitel weiter berichtete der Stiefvater in der Verhandlung, seine Stieftochter sei schon im Grundschulalter vom Vater einer Spielkameradin vergewaltigt worden. Der Mann sei aber schon außer Landes gewesen, als man davon erfahren habe.

„Hat Ihre Tochter oft solche Gruselgeschichten erzählt“, wollte Richterin Waßmuth von dem Zeugen wissen. „Nur so ein paar Mal“, meinte der Stiefvater.

Eine Geschichte hatte er aber noch. Seine Stieftochter habe ihn bezichtigt, seine Frau 30 Jahre lang verprügelt zu haben. Aus Untersuchungsprotokollen konnte das Gericht ersehen, dass die Frau, um deren Anschuldigungen sich das Strafverfahren dreht, mehrfach behandelt worden war, unter anderem wegen Alkoholsucht und Schizophrenie. Zudem war bei ihr die Borderline-Persönlichkeitsstörung festgestellt worden.

Richterin Corinna Waßmuth kam nach dreistündiger Verhandlung zu dem Schluss: „Ich müsste jetzt, nach allem, was ich weiß, sagen, dass ich überhaupt nichts mehr glauben kann.“

Und die Richterin folgerte, dass das Strafverfahren ohne einen psychiatrischen Gutachter nicht zu Ende zu bringen sei. Als psychiatrischer Laie zu erkennen, was man einem  psychiatrisch erkrankten Menschen abnehmen kann, das sei wohl nicht möglich.

Die Mutter der vermeintlich Geschädigten erfuhr erst im Zeugenstand davon, dass sie wohl in den letzten 30 Jahren von ihrem Mann verprügelt worden war und schaute etwas verlegen in die Runde.

Nachbar hat Gewalt beobachtet

Ein Nachbar im Mietshaus, der sich als Vertrauter der Frau sieht, hatte im Zeugenstand angegeben, er habe von seinem Nachbarbalkon aus beobachtet, wie der Angeklagte seiner am Boden liegenden Freundin den Fuß auf den Kopf gestellt und ihr gedroht habe. Er habe Angst vor dem Angeklagten gehabt und deshalb nicht eingegriffen.

Richterin Waßmuth sagte, sie könne derzeit nicht ausschließen, dass Gewalttaten stattgefunden haben. Um auch dem psychiatrischen Gutachter Gelegenheit zu geben, sich ein Bild von den Zeugen zu machen, wird der Prozess ganz neu aufgerollt werden. Dann soll auch die Frau gehört werden, die sich als Opfer schildert.