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Zum Weltkindertag: Wenn Neunjährige sich sinkende Preise wünschen

Zum Weltkindertag : Wenn Neunjährige sich sinkende Preise wünschen

Zum Weltkindertag haben die OGS-Standorte in Trägerschaft des Vereins „Spielend Lernen – AWO Betreuung in Schulen“, der aus der Arbeiterwohlfahrt hervorgegangen ist, eine Postkartenaktion gestartet.

Sophie kennt die Preise ganz genau. Sie weiß, was die Butter und Brot kosten und dass ihre alleinerziehende Mutter künftig 272 statt 80 Euro monatlich für Gas zahlen muss. Sophie weiß über vieles Bescheid. Auch, dass sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester aus ihrer derzeitigen Wohnung wird ausziehen müssen, wenn auch die Strompreise so exorbitant steigen wie der Gaspreis. Sophie ist reflektiert und informiert. Eigentlich zu informiert und zu erwachsen für eine Viertklässlerin.

Auf einer Karte hat sie niedergeschrieben, was sie sich wünscht und was sie wirklich braucht: „Ich würde mir wirklich wünschen, dass die Preise im Supermarkt ein bisschen runter gehen. Bitte, bitte, bitte“. Dieser Wunsch hängt, zusammen mit den Wünschen von 60 weiteren Kinder an einer langen Leine in der OGS Scherpenseel.

Zum Weltkindertag am Dienstag haben die OGS-Standorte in Trägerschaft des Vereins „Spielend Lernen – AWO Betreuung in Schulen“, der aus der Arbeiterwohlfahrt hervorgegangen ist, eine Postkartenaktion gestartet. „Die Kinder sollten aufschreiben, was sie sich wünschen und was sie wirklich brauchen“, erklärt Katrin Körfer, Leiterin der OGS Scherpenseel. Diese Karten mit Wünschen werden heute am Weltkindertag dem Bürgermeister von Übach-Palenberg, Oliver Walther, überbracht, der daran sehr deutlich ablesen können wird, was Grundschüler im Jahr 2022 bewegt.

Die Sprecher der OGS Scherpenseel diskutieren bereits wie die Großen und wollen dem Bürgermeister zum Weltkindertag – gemeinsam mit den anderen Offenen Ganztagsschulen in Trägerschaft der AWO – Postkarten mit konkreten Wünschen übergeben.
Die Sprecher der OGS Scherpenseel diskutieren bereits wie die Großen und wollen dem Bürgermeister zum Weltkindertag – gemeinsam mit den anderen Offenen Ganztagsschulen in Trägerschaft der AWO – Postkarten mit konkreten Wünschen übergeben. Foto: Nicola Gottfroh

Hintergrund der Aktion sei eigentlich gewesen, die Kinderrechte zu thematisieren, sagt Körfer. „Den Kindern sollte so eine Stimme gegeben werden. Eine Möglichkeit, sich zu äußern, womöglich selbst etwas zu ändern, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse erkennen und sie auch im Umgang mit Erwachsenen zu thematisieren“, sagt Körfer. Deutlich geworden sei aber vor allem, welche Gedanken die Kinder beschäftigen, wie viele gesellschaftspolitische Themen bereits die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft besorgen. „Die verschiedenen Krisen, aber auch persönliche Erfahrungen wie Scheidung der Eltern geht nicht spurlos an den Kindern vorbei“, sagt Grundschulleiter René Heeg.

Geht man an der langen Leine und den Karten vorbei, da liest man nur selten einen materiellen Wunsch. „Vielmehr ist Sicherheit ein ganz großes Thema bei den Kindern. Die vergangenen Krisen – von Corona über das Hochwasser, von dem auch unsere OGS betroffen war, bis hin zur Inflation, die derzeit vielen Eltern zu schaffen macht – sind nicht spurlos an den Kindern vorbeigegangen“, sagt Körfer.

Natürlich liest man auf dem ein oder anderen Kärtchen auch den Wunsch nach einer Barbie. Dennoch wird deutlich, was für diese Generation der Kinder zählt. Familie, Freunde. Sicherheit in Form von Geborgenheit, Routinen und Struktur. „Ich wünsche mir ein warmes zu Hause“, sagt Zweitklässler Nick. Es sei sehr kalt derzeit. „Ob es warm wird…? Keine Ahnung!“, sagt er und zuckt die Achseln.

Kinderrechte sind dazu da, Kinder zu schützen, sie zu hören und ihnen eine bestmögliche Kindheit zu ermöglichen. Dazu gehört das Recht auf eine Wohnung, Nahrung und Medizin ebenso wie das Recht auf Bildung. Auf die Frage, ob diese Rechte in jüngster Zeit aufgeweicht wurden, möchte sich Katrin Körfer nicht äußern. Die acht gewählten OGS-Sprecher zwischen sechs und zehn Jahren aber machen es lautstark. „Nie mehr wollen wir geschlossene Schulen und Homeschooling haben. Es war eine ganz schreckliche Zeit, immer nur am Computer zu hängen. Das dürfen die Politiker nicht nochmal machen“, sagt Melek und alle stimmen ihr zu.

Jedes Kind möchte nun seine eigene Geschichte erzählen. Schnell wird deutlich, dass die Kinder in dieser Zeit ein Stück ihrer Leichtigkeit, der unbeschwerten Kindheit verloren haben, dass sie nur mühsam wiedererlangt haben, wie Körfer berichtet. „Soziale Kompetenzen mussten erst wieder erlernt werden“, erinnert sich die OGS-Leiterin.

„Nun sorgen sich Kinder um das Geld“, sagt Körfer – sowohl die aus den gutsituierten Haushalten wie auch die aus einkommensschwachen Familien, sie haben Angst zu frieren, die Wohnung zu verlieren, sie beschäftigen sich mit der Frage, ob sie zukünftig noch ins Schwimmbad oder ihren Verein gehen können. „Es kommt für uns nun darauf an, zuzuhören und immer ein offenes Ohr für die Jungs und Mädchen zu haben. Wir haben hier über viele Jahre eine solide Vertrauensbasis aufgebaut“, sagt Körfer.

Wie lange das Team der OGS Scherpenseel und die anderen Mitarbeiter an OGS-Standorten in Trägerschaft der AWO dies noch haben werden, ist fraglich – auch ein Thema, das den Schülern Sorge bereitet. Der Verein „Spielend lernen“ habe sich entschlossen, im Schuljahr 2023/24 in den Tarif einzusteigen, um die Mitarbeiter fairer zu bezahlen. Für die Stadt Übach-Palenberg würden die Kosten für die Offenen Ganztagsschulen damit erheblich steigen und es müssten freiwillige Beiträge eingebracht werden, wenn die erhöhten Kosten nicht auf die kommunal erhobenen Elternbeiträge umgelegt werden. Die Kostensteigerung beliefe sich auf rund 50 Prozent und damit auf Mehrkosten von mehreren hunderttausend Euro.

Mit dem Ausblick, dass der Verein ab dem Schuljahr 2023/24 unausweichlich in den Tarifvertrag der Arbeiterwohlfahrt NRW einsteigen wird, beabsichtigt die Kommune eine Ausschreibung der Trägerschaft zu veröffentlichen. „Ob unser Team zu Beginn des neuen Schuljahres noch da ist, oder ob ein neuer Träger mit neuem Personal kommt, wissen wir nicht“, sagt Körfer.

Wenn die Schüler am Weltkindertag ihre Postkarten dem Bürgermeister übergeben, dann wollen sie auch das thematisieren, sagt Sophie. Sie wollen das Recht nutzen und ihre Wünsche und Bedürfnisse selbst artikulieren. Und hoffen darauf, dass mindestens eine Sache bleibt, wie sie jetzt ist.

Denn auch wenn der Bürgermeister nicht für Sophie die Preise im Supermarkt ändern kann, auf die OGS-Frage kann er Einfluss nehmen. „Unabhängig von der Trägerschaft stellt sich die Frage, wie viel sind der Politik die Kinder in Übach-Palenberg wert? Vielleicht erhalten die Schüler eine Antwort zum Weltkindertag“, sagt Schulleiter Heeg.