Urteil im "Drogenbunker"-Prozess gegen Paar aus Übach-Palenberg

Urteil im „Drogenbunker-Prozess“ : Mehrere Jahre Haft für die Angeklagte

Auch am letzten Prozesstag bleibt sich die Angeklagte treu: Ohne Tränen und wenigstens ein bisschen Drama geht es nicht. Dabei ist die 59-Jährige aus Übach-Palenberg vor dem Landgericht im hessischen Darmstadt nicht nur mit einem blauen Auge davongekommen.

„Wir haben hier Gnade vor Recht ergehen lassen“, betont die Vorsitzende Richterin in der Urteilsbegründung. Nicht mal sieben Jahre soll die Angeklagte in Haft, ihr mitangeklagter Ex-Freund erhält eine Bewährungsstrafe.

Die Vorsitzende Richterin eilt sich mit der Urteilsbegründung - als wolle sie das Urteil gegen die Frau aus Übach-Palenberg und ihren Ex-Partner abschließen, bevor die 59-Jährige auf den letzten Metern womöglich wieder einen ihrer Aussetzer erleidet, die mitverantwortlich dafür waren, dass sich das Verfahren derart gezogen hat.

Seit Ende April 2018 hatten sich ursprünglich vier Männer und die Frau in dem Prozess verantworten müssen. Bandenmäßiger Handel von Drogen in nicht geringer Menge war ihnen vorgeworfen worden. Drei Angeklagte hatten ihre Urteile bereits erhalten, nur das ehemalige Paar – die Frau aus dem Stadtteil Marienberg und ihr fast 80 Jahre alter Partner – blieben übrig.

Die Vorwürfe wogen schwer, zu Prozessbeginn noch hatte das Gericht allen Angeklagten „zweistellige Haftstrafen“ in Aussicht gestellt, wenn sich der Akteninhalt als zutreffend herausstellen und die Beteiligten nicht umfassend aussagen würden. Doch trotz, dass besonders die Angeklagte ein eher schlankes Geständnis abgelegt hat – sie habe sich auf den Drogenhandel eingelassen, um der Prostitution zu entkommen und habe ansonsten ohnehin nur auf Geheiß anderer gehandelt – ist sie zu sechs Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Ihr einstiger Partner, den das Gericht als Helfer, nicht aber als Mittäter sieht, hat eine Haftstrafe von zwei Jahren erhalten, ausgesetzt zur Bewährung. Der Kopf der Bande ist somit der einzige, der tatsächlich eine zweistellige Strafe erhalten hat. Vor Wochen erhielt er zwölf Jahre Haft.

Die Angeklagte, die durch teils vulgäre Attacken gegen ihren einstigen Partner und eine Vielzahl von Zusammenbrüchen aufgefallen war, nimmt das Urteil weinend zur Kenntnis. Als die Richterin betont, dass die Kammer davon überzeugt ist, dass der mitangeklagte Senior entgegen der Behauptungen seiner Ex-Freundin eben nicht der „bestimmende Teil“ bezüglich des Drogenhandels gewesen ist, hat sich die Angeklagte wieder nicht im Griff.

„Wart ihr alle dabei? Nein, wart ihr nicht“, schreit sie die Vorsitzende an. Dass die Angeklagte die sechs Jahre und neun Monate wohl nicht komplett absitzen muss, obgleich sie laut Urteilsbegründung mit „Betäubungsmitteln aller Art im Rahmen eines gut organisierten Vertriebsnetzes“ gehandelt und sich „voll in das System“ eingefügt hat, begreift die Frau offenbar nicht als Geschenk. Gegenstand des Verfahrens waren immerhin allein fast zehn Kilo Heroin mit hohem Wirkstoffgehalt.  „Das muss man sich mal zu Gemüte führen“, so die Vorsitzende. Hinzu kamen mehr als ein Kilo Amphetamine, ferner Kokain und Marihuana.

Das Haus der Angeklagten in Marienberg hat laut Gericht als Bunker für die aus den Niederlanden stammenden Drogen gedient. Dort wurde der Stoff portioniert, die Frau organisierte dessen Verteilung bis nach Süddeutschland. Ihr Ex-Freund fungierte laut Gericht als Kurierfahrer, nachdem die Frau diese Touren nicht mehr selbst unternehmen konnte oder wollte. Da der Senior kein Geld dafür erhalten, durch seine Partnerin „in die Sache reingerutscht“ und „aus Liebe“ gehandelt habe, hat ihn das Gericht wegen Beihilfe verurteilt.

Das hohe Alter des Mannes sowie die Tatsache, dass er nicht vorbestraft ist, hätten die Bewährung ermöglicht. Der Mann habe zudem umfassend ausgesagt. Ferner hatte er fast fünf Kilo Heroin, die er noch nach einer polizeilichen Durchsuchung im Marienberger Haus gefunden hatte, bei der Polizei gemeldet. Die Angeklagte hatte stets bestritten, von dem Heroin gewusst zu haben. Fremde hätten die Drogen versteckt. „Lebensfremd“, sagt dazu das Gericht: „Die Drogen waren in dem vermüllten Haus bei der Durchsuchung nur nicht gefunden worden.“

Die Angeklagte sei wegen der „guten Lage“ ihres Hauses nahe der niederländischen Grenze vom Bandenchef angesprochen worden. Man habe sich aus dem „Milieu“ gekannt, in dem die Frau als Prostituierte gearbeitet hat. Sie habe sich eine weitere Einnahmequelle sowie Heroin für ihren Eigenbedarf erhofft. 500 bis 1000 Euro pro Einsatz habe sie erhalten.

Aufgrund ihrer schweren Kindheit und Jugend, einer Persönlichkeitsstörung, wegen der sie anderen fast zwanghaft gefallen wolle und sich nach Beachtung sehne, sowie ihrer Erkrankungen – die Angeklagte bekommt den Drogenersatzstoff Methadon und ein Mittel gegen Epilepsie – wolle das Gericht im schriftlichen Urteil erwähnen, dass die Frau „ein Fall für die Halbstrafe“ sei.

Damit müsse sie eventuell nur die Hälfte der verhängten Strafe absitzen. Die fast zwei Jahre, die die Angeklagte seit ihrer Festnahme im August 2017 in Untersuchungshaft sitzt, werden zudem auf die Strafe angerechnet. Die Vorsitzende schließt mit überraschenden Worten: „Für uns ist es fast schon Genugtuung, dass der Haupttäter zwölf Jahre bekommen hat, da konnten wir bei den anderen etwas Milde walten lassen.“

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