Talentscouts als Mutmacher und Türöffner: Junge Erst-Akademiker gezielt fördern

Talentscouts als Mutmacher und Türöffner : Junge Erst-Akademiker gezielt fördern

Ob Schüler sich für eine Ausbildung oder ein Studium entscheiden, hängt auch heute noch von der Bildung und dem Beruf der Eltern ab - Aus diesem Grund nimmt die Willy-Brandt-Gesamtschule in Übach-Palenberg am Talentscouting-Programm des Landes Nordrhein-Westfalen teil und kooperiert dazu mit der RWTH und FH Aachen.

Bereits seit August 2017 werden talentierte Schüler durch die FH-Mitarbeiterin und Talentscout Seren Basogul beraten und gefördert. Am Montag wurde der entsprechende Kooperationsvertrag unterzeichnet und die Schule wurde mit der Plakette „NRW Schule im Talentscouting“ ausgezeichnet.

„Wir haben bisher 34 Schüler aus der Oberstufe im Talentscouting bereut“, erzählt Yusuf Bayazit, Projektmanager und Talentscout. Einmal im Monat sei Seren Basogul dafür in der Schule vor Ort. „Zwischen den Terminen wird aber intensiv Kontakt über die Sozialen Medien gehalten.“ Das Programm richtet sich an Schüler mit guten allgemeinen schulischen Leistungen oder herausragenden Leistungen in einem Fach.

„Die Lehrer vor Ort sind dabei unsere Erst-Scouts und benennen für uns die Schüler für das Programm“, erklärt Yusuf Bayazit den Ablauf. Aber nicht nur die Noten auf dem Zeugnis sind bei der Auswahl entscheidend. „Das Programm ist vor allem für First-Generation-Students“, erklärt der Talentscout. Denn auch heute entscheidet laut einer Untersuchung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Deutschland oftmals nicht das vorhandene Talent über den Bildungsweg, sondern der familiäre Hintergrund. 77 Prozent der Kinder aus Familien mit akademischen Erfahrungen studieren, während es sich bei Kindern aus Familien ohne akademische Erfahrungen genau andersherum verhält: 77 Prozent der Kinder studieren nicht.

„Von 100 Kindern aus Nicht-Akademiker-Familien promoviert nur einer, bei Kindern mit Eltern mit akademischer Erfahrung sind es zehn“,  zeigt Yusuf Bayazit die weiteren Dimensionen des Bildungstrichters auf. „Talentscouting ist ein Ansatz, um diese Ungleichheit zu bekämpfen.“

34 Schüler aus der Oberstufe der Willy-Brandt-Gesamtschule wurden bisher beraten. Dafür gab es nun die Plakette „Schule im NRW Talentscouting“. Foto: Yusuf Bayazit

Ein zentrales Ziel des Programms ist es, jungen Menschen gleiche Bildungschancen zu ermöglichen — unabhängig vom Einkommen, Bildungsstand oder Nachnamen der Eltern. Talentierte Jugendliche aus weniger privilegierten Verhältnissen werden ermutigt, sich ein Studium oder eine Berufsausbildung zuzutrauen und dabei unterstützt, diesen Weg erfolgreich zu bestehen — damit eben nicht nur der Arztsohn Arzt wird. „Von den 34 Schülern in Übach-Palenberg sind 31 Erst-Akademiker“, erzählt Yusuf Bayazit.

„Talentscouts sind Mutmacher und Türöffner und begleiten über die Schule hinaus talentierte junge Menschen auf ihrem Bildungsweg“, erklärt Vera Richert, Projektkoordinatorin des Talentscouting Aachen der FH Aachen, die Aufgabe der Scouts.

Das Programm ist kein Rekrutierungsprogramm für die Unis und Fachhochschulen. Die Schüler bestimmen den Weg in der Beratung. „Bei uns geht es viel um die soziale Komponente, das Ziel ist ein Mentoren Verhältnis zu den Schülern“, sagt Yusuf Bayazit. Ein Puzzlestück sei dabei das Hochschulbegleitprogramm. „Hier können die Schüler einen Studenten einen Tag lang begleiten und erfahren so mehr über das Leben an der Uni und den Studiengang“, erklärt der Talentscout. „Der individuelle und subjektive Eindruck ist hier wichtig. Die Fakten gibt es auch in anderen Beratungen.“

Clarissa Hatscher war beispielsweise die Jahrgangsbeste im letzten Schuljahr, Kandidatin für die Schulauswahl der Studienstiftung des deutschen Volkes 2018 und studiert nun an der RWTH Biologie. Sie nimmt am Campusbegleitungsprogramm Insider am Campus Aachen für Talente teilt und erlaubt interessierten Talenten von heute einen individuellen Einblick in ihren Studierendenalltag.

Auch Jeremy Jason hat es mit der Unterstützung der Schule und seines Talentscouts geschafft an der Schülerakademie 2019 der Stiftung Bildung und Begabung aufgenommen zu werden. Ähnlich wie Marc Schmidt, welcher durch die Vermittlung seines Talentscouts an der Summer School Maastricht 2019 teilnimmt, werden beide Schüler für ihre Teilnahme finanziell unterstützt und freuen sich über die Möglichkeit sich auch außerhalb der Schule wissenschaftlich und forschend zu beschäftigen.

In NRW sind seit dem Projektbeginn im Jahr 2015 17 Hochschulen beteiligt. Die Scouts sind an 367 Schulen aktiv und haben 16189 Talente betreut und gefördert. „In der Region Aachen sind wir an 32 Schulen unterwegs und haben seit dem Projektbeginn im Jahr 2017 bisher 1004 Talente gefördert“, zeigt Yusuf Bayazit die Dimensionen auf. „Mit den ausgewählten Schulen sind wir jetzt fast am Limit, viel mehr können wir nicht mehr betreuen.“

Das nordrhein-westfälische Ministerium für Kultur und Wissenschaft stellt für das Programm bis 2020 jährlich bis zu 6,4 Millionen Euro zur Verfügung. „Wie es danach weitergeht, wird sich in diesem Jahr entscheiden“, so der Talentscout.

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