Dokumentarfilmprojekt im Jugendzentrum Übach-Palenberg

Jugendzentrum Übach-Palenberg : Dokumentarfilm mit Erzählungen von Krieg, Not und Elend

„Happy Endings“ heißt die Filmproduktionsfirma des Aachener Filmemachers Michael Chauvistré. Ob das Ende tatsächlich ein glückliches sein wird, wird sich für die Darsteller in Chauvistré aktuellem Dokumentarfilmprojekt noch herausstellen.

Die Protagonisten seines Films kamen aus dem Irak, aus Afghanistan oder aus Syrien nach Übach-Palenberg. Auf teilweise sehr abenteuerlichen Flüchtlingsrouten gelangten sie in die „neue Heimat“. Ihr gemeinsamer Anlaufpunkt ist das städtische Jugendzentrum Übach-Palenberg.

Der Schneideraum, in dem Michael Chauvistré gerade mit den jungen Menschen im Alter von 16 bis 28 Jahren die bislang gedrehten Filmsequenzen sichtet, liegt direkt neben den Eisenbahngleisen des Übach-Palenberger Bahnhofs. Die Züge fahren ein, halten und fahren weiter. Auch für einige der jungen Filmdarsteller dürfte Übach-Palenberg noch nicht das Ende ihrer Odyssee sein. Manche haben ihre Familien zurücklassen müssen in unsicheren Lebensumständen.

Von ihrer Lebensreise erzählen die Flüchtlinge in Interviews, die einen wesentlichen Teil des Dokumentarfilms ausmachen werden. Derzeit sind schon vier Stunden Filmmaterial gedreht. Michael Chauvistré ist der Profi im Team. Er leitet gemeinsam mit Tim Schäfer, Sozialarbeiter im Jugendzentrum, das Filmprojekt. Tim Schäfer berichtet, dass das Projekt vom Landschaftsverband Rheinland gefördert werde und zwar in Folge der Ereignisse der Silvesternacht 2015/2016 am Kölner Hauptbahnhof.

Aufgrund der sexuellen Übergriffe auf Frauen durch Gruppen junger Männer vornehmlich aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum war es in der Öffentlichkeit zu einer Wertediskussion gekommen. Das Landesprogramm „Wertevermittlung, Demokratiebildung und Prävention sexualisierter Gewalt in der und durch die Jugendhilfe“ soll die Arbeit mit geflüchteten jungen Menschen und deren Familien fördern.

Die Stadt Übach-Palenberg hatte in Zusammenarbeit mit dem Kreisjugendamt Heinsberg einen Förderantrag in Höhe von 11.836 Euro zur Durchführung eines Werkstattfilms bewilligt bekommen.Dieser nun in der Realisierung befindliche Werkstattfilm soll soziale Kompetenzen wie Selbstwertgefühl, Toleranz, Rücksichtnahme, Pflichtgefühl und Teamfähigkeit fördern. Die Dreharbeiten, für die Tim Schäfer den Aachener Filmemacher hatte gewinnen können, hatten im April mit einer Einführung in das Filmemachen begonnen.

Was eine Totale ist, was eine amerikanische Einstellung ist und die Beantwortung ähnlicher Fragen machten die unerfahrenen Filmemacher mit dem Sujet etwas vertrauter. Beim zweiten Treffen besuchten 27 Teilnehmer das Haus der Geschichte in Bonn. Hier wurden erste Filmszenen gedreht. Die Flüchtlinge machten sich mit der deutschen Geschichte vertraut. Manche erfuhren hier, dass es auch in Deutschland vor gar nicht so langer Zeit, nach dem Zweiten Weltkrieg, so ausgesehen hatte wie derzeit in ihrer Heimat.

Im Mai wurden im Jugendzentrum die ersten Interviews aufgenommen. Die Flüchtlinge erzählten, was sie zur Flucht getrieben hatte, wie sie sie den weiten Weg nach Deutschland bewältigten, wie es sich anfühlt, von der Familie, der Frau, dem Kind getrennt zu werden. Michael Chauvistré stand stets parat, um alle technischen Fragen zu beantworten. Und er hat ein Auge dafür, wie ein Film aussehen muss, um ihn den Zuschauern präsentieren zu können, ohne dabei die Authentizität aus den Augen zu verlieren.

Chauvistré hatte bereits mit seiner Frau Miriam Pucitta Werkstattfilme mit Jugendlichen, die nach Aachen geflüchtet waren, gedreht. Die Filme „Wie geht Deutschland?“ (2014), „Eine Banane für Mathe“ (2015) und „Gemeinsam einsam“ (2017) waren entstanden. Das neue Projekt hat noch keinen Namen. „Wie wollen wir zusammen leben“ lautet derzeit noch der Arbeitstitel. Er gibt die Intention wieder, die hinter dem Filmprojekt steht, die Frage, wie ein Zusammenleben mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln funktionieren kann.

Das Essen kann ja, wenn es lecker schmeckt, mühelos Grenzen überwinden, siehe Pizza und Pasta. Und so kommt auch im Film der Übach-Palenberger Flüchtlinge ein gemeinsames Kochen und Essen vor. Eine schöne Filmszene zeigt die Zubereitung eines Hühnchenrezeptes. Ein irakischer Teilnehmer hatte es gekocht und sich die Anweisungen von seiner Mutter geben lassen, die live am Handy aus dem Irak zugeschaltet die Kochkünste ihres Sohnes unterstützte.

Der Schlüssel zur Wertedebatte sind sicherlich die Interviews. Neben Tim Schäfer konnten auch die übrigen Teilnehmer dem vor der Kamera sitzenden Interviewpartner Fragen stellen. Die Aufnahmesituation war sicherlich ein wenig aufregend. Das Gesprochene wurde in deutsche Sprache übersetzt. Was die Interviewpartner sagten, wird erst im Gesamtergebnis ein Bild ergeben, wenn der Film geschnitten ist. Da wird Fingerspitzengefühl beim Cutter gefragt sein, der das mehrstündige Filmmaterial auf etwa 30 Minuten zusammenschneiden muss. Dieser Prozess wird gemeinsam bewerkstelligt werden.

Es sei eine falsche Interpretation, sagte ein Teilnehmer aus Afghanistan, zu glauben, dass im Islam Mann und Frau nicht gleichberechtigt seien. Es entstehe das Gefühl, dass in Deutschland die Rechte von Frauen besser vertreten seien. Aber auch in Afghanistan hätten Frauen die gleiche Rechte wie Männer, würden im Beruf das gleiche verdienen wie ihre männlichen Kollegen. Ein Iraker verwies in seinem Interviewbeitrag darauf, dass der Krieg im Irak, der das Land seit 2003 nicht los lässt, viele Werte wie Ehrlichkeit oder Pünktlichkeit und die Bereitschaft zu Lernen zurückgedrängt habe.

Nach der Fertigstellung des Dokumentarfilms soll es eine öffentliche Premiere in Übach-Palenberg geben. Die Filmemacher überlegen derzeit, in welchem Rahmen dies geschehen kann, um dem Film möglichst große Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Auf jeden Fall soll es etwas zu essen geben, etwas deutsches, etwas afghanisches, etwas irakisches, etwas syrisches...