Erfolg für den Demokratiekurs: Badeshorts zunächst probeweise erlaubt

Erfolg für den Demokratiekurs : Badeshorts zunächst probeweise erlaubt

Antrag des Demokratiekurses des Carolus-Magnus-Gymnasiums auf Änderung der Badeordnung nach langer Diskussion beschlossen

So voll war es selten im Sitzungssaal des Rathauses Übach-Palenberg. Zahlreiche Gegner und Befürworter der aktuellen Badeverordnung wollten am Dienstagabend an der Sitzung des Ausschuss für Kultur, Bildung und Soziales teilnehmen. Denn als vorletzter Punkt der Tagesordnung sollte ein Antrag des Demokratiekurses des Carolus-Magnus-Gymnasiums diskutiert werden. Die Schüler bevorzugen für den Sprung ins kalte Nass nämlich die lockeren Badeshorts und forderten daher eine Änderung der Badeverordnung. Seit 2010 erlaubt diese im Ü-Bad für Männer nur enge Badehosen oder Kastenbadehosen. Die Mitarbeiter des Schwimmbads wollten hingegen an der bestehenden Regelung und den hautengen Höschen festhalten. Sie hatten eine Unterschriften-Aktion gestartet und in die Sitzung eine Liste mit über 400 Unterschriften mitgebracht.

Schon vor Beginn der Debatte war daher klar: Das Thema Badebekleidung polarisiert. Entsprechend ausgiebig, teils sehr emotional und mit zahlreichen unappetitlichen Fäkal-Fakten verlief auch die Diskussion. Applaus und Murren gab es aus beiden Lagern, sogar ein Plakat wurde zwischendurch ausgerollt,  und mehrfach musste der Ausschussvorsitzende Sascha Derichs die Anwesenden zur Ordnung rufen. „Die Jungs fühlen sich einfach unwohl und eingeengt in den Badehosen. Da kann man alles drin sehen“, erklärt Schülerin Paula Hausmann die Beweggründe hinter dem Antrag.

Mitarbeiter des Schwimmbades befürchten allerdings, dass die Jugendlichen dann wieder Unterhosen unter den Shorts tragen. „Mir stellt sich die Frage, wie wir dann wieder erkennen sollen, ob jemand noch seine Unterhose trägt“, so Schwimmmeisterin Sabine Maass. In der Vergangenheit sei dies bei 80 Prozent der Gäste der Fall gewesen: „Das ist einfach unhygienisch.“ Heute seien die Werte des Wassers überdurchschnittlich gut. „In den Taschen der Shorts wurden auch gerne Sachen vergessen“, erzählt Sabine Maass.  So hätte das Personal früher regelmäßig Binden, Feuerzeuge, Zigaretten und Geld aus den Filtern gefischt. „Wenn sie wissen, dass in der Vergangenheit 80 Prozent der Besucher unter ihrer Badeshorts eine Unterhose getragen haben, dann konnten sie es ja doch kontrollieren“, so der Standpunkt der Schüler.

Die Mitglieder des Ausschusses für Kultur, Bildung und Soziales haben vor der Sitzung zusammen mit Gegnern und Befürwortern der aktuellen Badevorordnung einen Rundgang durch das Schwimmbad gemacht. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

Intensiv vorbereitet auf die Diskussion hatte sich Martina Czervan-Quintana Schmidt. Sie könne den Antrag nicht unterstützen. „Wir haben die Änderung nicht gemacht, um die jungen Menschen zu gängeln, sondern weil wir eine gute Wasserqualität wollen“, so die CDU-Politikerin. Sie verweist auf giftige Chlorgase durch die erhöhte Schmutzbelastung und Studien, die ein erhöhtes Kopfkrebsrisiko bei Schwimmbadmitarbeitern belegen würden. „Wir haben hier eine Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern und den Besuchern“, findet sie.

„Außerhalb von Übach-Palenberg sind die Badeshorts erlaubt, und mir ist es neu, dass wir dort in giftigen Chlor-Kloaken schwimmen“, entgegnet Sascha Derichs (SPD). Auch Sven Bildhauer (SPD) schließt sich dieser Argumentation an. „Ich gehe nicht ins Ü-Bad, da ich ebenfalls lieber lange Badehosen trage“, sagt er. „Doch ich habe beim Tauchen mit offenen Augen trotzdem noch nie Probleme gehabt.“ Auch findet er es nicht richtig, dass in der Diskussion die Jungen verteufelt werden: „Schließlich wurden auch Binden aus den Filtern geholt.“

Durch die Badeverordnung hätten sich die Besucher des Schwimmbads verändert, dies begrüßen die Mitarbeiter. „Wir sind ein reines Familien-Bad“, sagt Sabine Maass. Die Erfahrung habe gezeigt, dass Unruhen und aggressives Verhalten eher von Jugendlichen ausgehen würden. Doch gerade diese Entwicklung findet Monika Lux (sachkundige Bürgerin CDU) bedauerlich: „Wir haben erhebliche Kraftanstrengungen auf uns genommen, damit das Bad erhalten bliebt. Es sollte von allen Bürgern dieser Stadt besucht werden.“

Auch die Schüler sehen sich kollektiv in eine Schublade gesteckt und als laut, asozial und dreckig abgestempelt. Das sei sehr verletzend, so die Sprecherin des Kurses. Schulleiter Hans Münstermann will seinen Schülern daher den Rücken stärken. „Wenn die Wasserqualität das einzige Kriterium ist, dann sollten wir den Filter anmachen und die Türen ganz schließen“, sagt er. „Man muss sich die Frage stellen, ob man alle Bürger in dem Bad will und darf sich nicht in Detaildebatten verlieren und die Krebskeule schwingen.“ Dem kann sich auch Sascha Derichs anschließen. „Alle anderen Bäder im Kreis arbeiten schließlich auch nach den gesetzlichen Vorschriften – trotz Badeshorts“, betont der Ausschussvorsitzende.

„In unseren Schwimmbad ist jeder erwünscht“, stellt auch Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch klar. Die CDU-Fraktion schlägt schließlich einen Kompromiss vor. Die Badeshorts sollen mit Beginn der Freibadsaison zunächst probeweise erlaubt werden. Im Herbst soll es dann eine Auswertung zur Veränderung der Wasserqualität geben. Diesem Beschluss konnten alle Ausschussmitglieder bis auf Martina Czervan-Quintana Schmidt zustimmen.

Die Schüler verließen daher mit einem Grinsen den Sitzungssaal. „Ich freue riesig über die Entscheidung. Meine Freunde und ich werden im Sommer nach vielen Jahren wieder das Ü- Bad besuchen“, sagt Felix Schreinemacher. Aber ihre Freude ist nicht ungetrübt. Karina Garder: „Ich danke den Politikern, die uns in diesem Anliegen toll unterstützt und begleitet haben. Mich hat allerdings verletzt, wie alle Jugendliche in eine Schublade gesteckt wurden.“ Auch sehen sie den Beschluss nur als ersten Schritt. „Der Erfolg ist ein wenig getrübt dadurch, dass es nur eine Probephase ist. Ich hoffe, dass die abschließende Beurteilung fair und angemessen ausfällt. Nach der Erfahrung des Abends bin ich skeptisch“, erklärt Ricarda Helden. „Wenn wir das Gefühl haben, die Beurteilung verläuft nicht fair, werden wir natürlich erneut für unsere Anliegen eintreten“, ergänzt Brianna Zilgens.

Lehrer Christoph Schlagenhof ist stolz auf seine Schüler. „Sie haben Mut, Durchsetzungskraft und Entschlossenheit gezeigt. Dabei sind sie absolut fair, freundlich und respektvoll vorgegangen. Sie haben Ihre Anliegen in einer absolut demokratischen Art und Weise vorgebracht und auf unangemessene Polemik verzichtet“, so der Pädagoge. In der Diskussion im Rat habe sich aber gezeigt, dass offenbar viele ein schlechtes Bild von Jugendlichen haben. „Dieser Darstellung kann ich mich absolut nicht anschließen“, stellt Christoph Schlagenhof klar. „Ich erlebe täglich selbstbewusste und sozial verantwortliche junge Menschen, die für ihre Belange eintreten. Von einzelnen Personen, die sich nicht an Regeln halten, auf eine Gesamtheit zu schließen, finde ich unangemessen.“ Auch in der Schule habe am nächsten Morgen große Freude über die Änderung der Badeordnung geherrscht. „Die Zahl jugendlicher Besucher im Ü-Bad wird sicherlich steigen, und darüber freue ich mich und ich meine, die Stadt sollte sich darüber auch freuen“; so der Lehrer.

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