Erbels Backhaus ist dabei: App rettet Lebensmittel vor der Tonne

Erbels Backhaus ist dabei : App rettet Lebensmittel vor der Tonne

Es ist kurz vor Ladenschluss, und noch immer findet sich eine breite Auswahl beim Bäcker: Frisches Brot und verschiedene helle und dunkle Brötchen füllen die Regale hinter dem Tresen. In der Auslage duftet süßer Kuchen vom Blech, und Tortenstücke lassen das Mund im Wasser zusammenlaufen, aber auch Muffins, Donuts, Teilchen und einige belegte Brötchen sind noch da.

Der Kunde ist es heute gewohnt, bis Ladenschluss eine breite Auswahl zu haben. Doch das bleibt nicht ohne Folgen: Alleine in Deutschland werden jedes Jahr 18 Millionen Tonnen  Essen weggeworfen - sei es auf den Feldern, im Einzelhandel, in der Gastronomie oder Zuhause. Davon sind satte zehn Millionen Tonnen vermeidbare Abfälle. Das entspricht einer landwirtschaftlichen Anbaufläche von der zehnfachen Größe des Saarlands, auf der nur Essen angebaut wird, das am Ende in der Tonne landet.

Aber es hat ein Umdenken in der Bevölkerung eingesetzt, Nachhaltigkeit ist vielen Kunden immer wichtiger, und auch Betriebe in der Region gehen unter die Lebensmittelretter. „Ich stamme aus einer Bäckerfamilie und bin so erzogen wurden, dass nichts weggeschmissen wird“, erzählt Birgit Hartmann. „Alte Brötchen wurden getrocknet und zu Paniermehl verarbeitet oder in der Pfanne als Arme Ritter zubereitet.“

Zusammen mit ihrem Mann Martin betreibt sie seit einem Jahr Erbels Backhaus in Übach-Palenberg. Auch im Laden ist es dem Ehepaar ein Anliegen, keine Brötchen für die Tonne zu produzieren. Daher waren Hartmanns auch sofort Feuer und Flamme, als sie auf einer Fachmesse für das Bäckereihandwerk in Willich auf eine Aktion gegen Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht wurden. „Seit einem dreiviertel Jahr machen wir nun schon bei der App ‚Too Good To Go’ mit“, erzählt Martin Hartmann.

Frei übersetzt bedeutet der Name „Zu gut, um es wegzuwerfen“. In der kostenlosen App können Restaurants, Bäckereien und Supermärkte überproduzierte Lebensmittel zum reduzierten Preis vermitteln. Nach dem Einloggen werden dem Nutzer teilnehmende Betriebe in seiner Nähe angezeigt. Das Essen wird in der App bestellt, bezahlt und dann beim Betrieb kurz vor Ladenschluss abgeholt.

„Wir stellen für den Kunden eine bunte Überraschungstüte zusammen, die sie täglich zwischen 16.45 und 17.45 abholen können“, verrät Martin Hartmann. „Die Kunden zahlen 3,50 Euro, erhalten aber Waren im Wert von zehn Euro.“ In jede Tüte wandern dabei drei Brote und mindestens zehn Brötchen. „Je nachdem, was noch übrig ist, kommen dann noch Kuchen, Tortenstücke oder auch belegte Brötchen hinzu“, erzählt Birgit Hartmann.  Die „Deals“ der Bäckerei, die sich auf Dinkelprodukte spezialisiert hat,  sind sehr beliebt. „Es gehen immer alle Tüten weg. Einmal waren wir online in drei Minuten ausverkauft“, weiß Martin Hartmann.

In der App „Too Good To Go“ werden die Angebote in der Umgebung angezeigt. In Übach-Palenberg ist bisher nur Erbels Backhaus dabei, aber auch der Real in Heinsberg und die Bäckerei Moss in Herzogenrath machen mit. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

Das Bäckerehepaar vermittelt nicht alle übriggebliebenen Lebensmittel über die App, sondern hat jeden Tag eine feste Anzahl an Deals. Der Rest der Lebensmittel wandert trotzdem nicht in die Tonne, sondern geht an die örtliche Tafel.  „Wir verdienen durch die Deals nichts, allerhöchsten wird der Verlust ein wenig minimiert“,  sagt Martin Hartmann. „Mit dieser Aktion können wir Leute glücklich machen, bei denen das Portmonee etwas kleiner ist“, ergänzt Birgit Hartmann.

Gleichzeitig sei ihre Bäckerei durch die App bekannter geworden. „Die Kunden kommen bis aus Alsdorf. Die meisten sind jung, aber auch ein paar ältere Nutzer sind dabei“, weiß Martin Hartmann. „Einige kommen dann als reguläre Kunden wieder, weil sie unsere Qualität erkennen.“ In die Tüte wandert nämlich nicht das Brot von vorgestern. „Wir backen selbst, und da passiert es schon einmal, dass die Brötchen zu klein werden oder das Brot zu dunkel“, erklärt Martin Hartmann. Früher hätte er diese Ware noch verkauft: „Aber durch die Industrie ist die Erwartungshaltung beim Kunden sehr hoch, jedes Brötchen muss gleich aussehen und so müssen wir diese B Ware aussortieren.“

Deutschlandweit sind bereits 25.866 Partnerbetriebe in der App registriert, und insgesamt konnten 16,8 Millionen Mahlzeiten  gerettet werden. Bisher ist Erbels Backhaus allerdings einer der wenigen Betriebe im Kreis Heinsberg.  „Ich denke, viele Betriebe wissen gar nichts von der App“, sucht Martin Hartmann nach Erklärungen. Das Ehepaar kann sie auf jeden Fall nur empfehlen. „Es ist einfach eine gute Sache“, findet Birgit Hartmann. Mittlerweile benutzt das Paar die App auch als Kunde.  „Wir haben uns schon einmal einen Deal für Essen in einem Restaurant gesichert. Sehr lecker“, berichtet Martin Hartmann.

Die App kann bei GooglePlay und im AppStore heruntergeladen werden. Mehr online unter www.toogoodtogo.de

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