Ärztemangel in Übach-Palenberg: Medizinisches Versorgungszentrum die Lösung?

Versorgungszentrum in Übach-Palenberg : Dr. Buschmann und die CDU an einem Strang gegen Ärztemangel

Der Übach-Palenberger Allgemeinmediziner Dr. Heiner Buschmann zeichnet ein düsteres Bild: „In fünf bis zehn Jahren wird die Hälfte der Patienten in Übach-Palenberg hausärztlich nicht mehr oder nur noch unzureichend versorgt, es sei denn, jeder Hausarzt betreut 3000 Patienten“, sagt der 65-Jährige.

Dass die dauerhafte wohnortnahe Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung für immer mehr Kommunen insbesondere in ländlich geprägten Regionen immer wichtiger und die Nachbesetzung von Hausarztpraxen zunehmend schwieriger wird, ist schon lange  bekannt. Doch in Übach-Palenberg spitzt sich die Situation in den nächsten Jahren extrem zu: „14 Hausärzte sorgen derzeit noch für eine Versorgungssicherheit, in den nächsten fünf bis zehn Jahren werden elf Hausärzte aus Altersgründen aufhören“, befürchtet Buschmann.

Er geht davon aus, dass mit ein wenig Glück fünf Ärzte sich in den nächsten Jahren in Übach-Palenberg niederlassen. „Die hausärztliche Versorgungssicherheit wird dann von heute 97,5 Prozent auf nur noch 56 Prozent sinken“, hat Buschmann ausgerechnet. Eine hausärztliche Unterversorgung habe nicht nur Konsequenzen für Apotheken, ambulante Pflegedienste, Altenheime und Sanitätshäuser. „Wo die  Grundversorgung schlecht ist, gibt es keinen Bevölkerungszuwachs“, befürchtet er.

Die drohende Unterversorgung der Stadt Übach-Palenberg ist auch in Düsseldorf nicht verborgen geblieben: Aufgrund der katastrophalen Situation ist Übach-Palenberg in die Förderliste 1 des NRW-Hausarzt-Aktionsprogrammes aufgenommen worden, das vom Gesundheitsministerium ins Leben gerufen wurde. Dazu noch können Hausärzte, die sich in Übach-Palenberg niederlassen, über den Strukturfonds der Kassenärztlichen Vereinigung unterstützt werden. Über diesen Fonds werden nicht nur Gelder für die Neugründung von Hausarztpraxen zur Verfügung gestellt, sondern auch für die Übernahme von Praxen und die Betreuung von Weiterbildungsassistenten als Quereinsteiger in den hausärztlichen Beruf. „Jeder andere Facharzt kann durch eine verkürzte Weiterbildungszeit Hausarzt werden“, erläutert Buschmann. Doch trotz aller Fördermaßnahmen bis zu 60.000 Euro und zahlreicher Inserate in Fachzeitschriften weiß auch er: „Es bleibt schwierig, junge  Ärzte für den Beruf des Hausarztes in ländlichen Strukturen zu begeistern.“

Buschmann kennt nicht nur das Problem, sondern auch die Ursache: „Junge Ärzte haben ein Informationsdefizit, sie haben Ängste vor hohen Investitionen und überdurchschnittlich hoher  Arbeitsbelastung.“ Und er ärgert sich: „Die Probleme sind seit Jahren bekannt und immer wieder angeführt worden. Aber es herrschte in all diesen Jahren eine Unbeweglichkeit, so dass jetzt kurzfristig Entscheidungen getroffen und zeitnah Lösungen gefunden werden müssen.“

Auch Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch sind die Probleme seit Jahren bekannt. Er hatte bereits mehrfach zum „Runden Gesundheitstisch“ eingeladen. An dieser illustren Runde nahm im April vergangenen Jahres auch Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, teil. Hier erklärte Jungnitsch: „Mein Ziel ist, gemeinsam mit den verschiedenen gesundheitspolitischen Akteuren vor Ort Ideen zu entwickeln, um auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige und vor allem wohnortnahe hausärztliche Versorgung in Übach-Palenberg zu gewährleisten.“

Doch viel bewegt hat sich seitdem nicht. Deshalb hat sich Buschmann Gedanken über einen Ausweg aus der Misere gemacht. Nach reiflicher Überlegung ist er sich sicher: „Bei entsprechender Ausnutzung der Ressourcen sind die von jungen Ärzten befürchteten Risiken deutlich reduzierbar, so dass deren Ängste unbegründet sind.“

Für Buschmann ist die Gründung eines hausärztlichen Versorgungszentrums die Lösung. „Eine flächendeckende Versorgung  der Patienten, überschaubare Investitionskosten und ein ständiger kollegialer Dialog wären die Vorteile“, sagt er. Es müsse nur einmal für die Einrichtung einer hochmodernen Praxis investiert werden, je nach Modell würden die Kosten von mehreren Ärzten oder von einem Investor getragen. „Hier könnte man dann die ganze Bandbreite der Allgemeinmedizin von kleineren chirurgischen Behandlungen bis zur internistischen Basisversorgung anbieten. Hier müsste man auch flexible Öffnungszeiten anbieten, die sich an die beruflichen Gegebenheiten der Patienten anpassen, beispielsweise von 6 bis 21 Uhr“, sagt er.

Familienfreundlich

In einem solchen Zentrum hätten auch alleinerziehende Mütter die Möglichkeit, einen familienfreundlichen Arbeitsplatz als Arzthelferin oder Ärztin zu finden.

Über diese Pläne hat Buschmann zwischenzeitlich Gespräche mit Vertretern der Übach-Palenberger CDU geführt: „Schließlich hat mein Vater Heinrich nach dem Krieg die hausärztliche Versorgung in Übach-Palenberg aufgebaut und war Werksarzt bei Carolus-Magnus. Als ein in Übach-Palenberg geborenes Kind liegen mir die Stadt  und die Patienten am Herzen. Es ist eine moralische Aufgabe, für die Patienten zu kämpfen.“

In diesem Kampf wird der Arzt nun von der CDU unterstützt: In einem Antrag an Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch bitten Fraktionschef Gerhard Gudduschat und sein Stellvertreter Oliver Walther die Verwaltung, „den Kreis Heinsberg aufzufordern, per Kreistagsbeschluss im Rahmen der Wirtschaftsförderung auch Personal und Haushaltsmittel bereitzustellen, um die Niederlassung von Hausärztinnen und Hausärzten im Kreis insbesondere dort zu fördern, wo entsprechende Niederlassungsmöglichkeiten bestehen, die Altersstruktur der Hausärzteschaft überdurchschnittlich ungünstig ist und wo Hausärztinnen und Hausärzte aus Altersgründen Praxisnachfolger suchen“. Darüber hinaus solle, so die Forderung der CDU,  der Kreis sicherstellen, dass Personen oder Kommunen mit Blick auf Medizinische Versorgungszentren bei der Suche nach geeigneten Inverstoren unterstützt werden.

Gegenüber unserer Zeitung erklärte Oliver Walther: „Wir wollen damit einerseits dem Runden Gesundheitstisch auf der politischen Ebene gewissermaßen neuen Schwung geben, damit er sich schneller dreht. Denn uns läuft die Zeit weg. Andererseits möchten wir, dass der Kreis Heinsberg vor allem die kleineren kreisangehörigen Kommunen und diejenigen, die eine besonders ungünstige Altersstruktur der Hausärzteschaft vor Ort haben, bei der Suche nach und der Ansiedlung von neuem hausärztlichem Nachwuchs unterstützt.“

Ohne Risiko

Das im CDU-Antrag vorgeschlagene Konzept solle dabei helfen, dass Kommunen oder einzelne Personen Investoren finden, die Interesse an der Gründung eines hausärztlichen oder eines medizinischen Versorgungszentrum haben. Denn der ärztliche Nachwuchs tendiere immer stärker zur Anstellung - ohne wirtschaftliches Risiko, aber mit der Möglichkeit, Familie und Beruf möglichst gut miteinander vereinbaren zu können.

„Immer weniger Ärzte wollen zehn oder zwölf Stunden pro Tag in der Praxis stehen. Hierauf muss die Politik eine Antwort geben und die Rahmenbedingungen so setzen und weiterentwickeln, dass insbesondere die wohnortnahe hausärztliche Versorgung dauerhaft sichergestellt werden kann“, erklärt Walther.

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