Übach-Palenberg-Boscheln: Neue Wohnungen für Menschen mit Behinderung

Alte Schule Boscheln : Wie ein Start in ein neues, selbstbestimmtes Leben

„Warum wir vor 2019 keine Angst haben müssen? - Warum sollten wir vor 2019 Angst haben?“, fragen die 23 Mieter des neuen Wohnprojektes der ViaNobis in Boscheln. Sie sehen positiv in die Zukunft, denn in ihrem neuen Zuhause, dem Mehrgenerationenleben Alte Schule Boscheln, haben sie ein großes Stück Selbsständigkeit gewonnen. Auch die Mitarbeiter freuen sich auf die neue Herausforderung. Das Projekt ist einzigartig in der ganzen Region.

Malte Simon ist 22 Jahre alt. Er ist politisch interessiert, kann gut Texte formulieren und arbeitet gerne am PC. In seiner Freizeit fährt er viel mit dem Fahrrad und fotografiert - letzteres sogar recht erfolgreich, denn gerade hat er bei einem Wettbewerb einen Preis für seine Aufnahmen gewonnen.

Mit der Ordnung nimmt es Malte nicht so genau. So weit, so normal für einen jungen Mann, der gerade seine erste eigene Wohnung bezogen hat und sich freut, endlich auf eigenen Füßen zu stehen. Für Malte ist dies jedoch etwas ganz Besonderes, denn aufgrund einer Behinderung hat er bisher in einer betreuten Wohngruppe der ViaNobis GmbH in Gangelt gelebt. Jetzt ist er einer von 23 Menschen, die in der alten Hauptschule Boscheln leben und damit einen großen Schritt in Richtung Selbstständigkeit gemacht haben. Hier gibt es zwar rund um die Uhr einen oder mehrere Ansprechpartner für die Bewohner, aber jeder hat ein Apartment für sich, mit Schlafzimmer, Wohn-Esszimmer mit Küchenzeile und einem eigenen Bad, und was besonders wichtig ist: einer Tür zum Abschließen für eine Privatspäre, wie sie jedem Menschen zusteht.

„Das Jahr 2019 wird für uns sehr spannend werden“, ist sich Markus Birmanns, Einrichtungsleiter dieses Mehrgenerationenlebens Alte Schule Boscheln sicher. „Alles ist noch neu. Bewohner und Mitarbeiter müssen sich noch eingewöhnen. Aber alle freuen sich auf die neue Herausforderung und auf die Möglichkeiten, die sich hier ergeben.“

In der alten Schule Boscheln sieht es hier und da noch ein wenig aus wie auf einer Baustelle. Aber eine, die in den letzten Zügen steckt. Elektriker arbeiten noch an einigen Schaltungen, das Licht funktioniert noch nicht einwandfrei, und die Bauarbeiten der vergangenen Wochen und Monate haben natürlich ihre Spuren hinterlassen. Es ist erst einmal Groß-Reinemachen angesagt. Neben den Wohnungen gibt es zwei Gemeinschaftsräume und eine Tagesstruktur, in der Bewohner, die schon in Rente oder derzeit ohne Arbeit sind, über den Tag beschäftigt werden. „Hier wird aber nicht nur gebastelt“, stellt Martina Flügel, Sprecherin der ViaNobis, klar. „Wir unterstützen uns hier gegenseitig, helfen einander und kochen gemeinsam. Vielleicht schreiben wir auch ein kleines Kochbuch, Arbeitstitel: Guten Appetit Alte Schule Boscheln, in dem wir Rezepte sammeln, die sich auch bestens für die Bewohner eignen, die in ihrer eigenen Küche für sich selbst kochen möchten.“

Malte Simon ist 22 Jahre alt, schreibt gerne am Computer und liebt das Fotografieren. Im neuen Haus in Boscheln möchte er gerne einen Bewohnerbeirat gründen. Foto: ZVA/Simone Thelen

Seit dem 15. Dezember haben die Bewohner ihre neuen Wohnungen bezogen, sind dabei, sich einzurichten, Möbel zu kaufen und den Apartments, die mit einer modernen Einbauküche ausgestattet sind, ihren eigenen Stempel aufzudrücken

„Wer hier wohnt, hat eine gewisse Abenteuerlust bewiesen“, ist sich Markus Birmanns sicher. „Jeder musste sich für eine der Wohnungen bewerben, jeder ist auf seine eigene Inititiative hin hier eingezogen.“ Das Wort „Bewohner“ könnte übrigens einfach auch durch „Mieter“ ersetzt werden, findet Markus Birmanns. „Die Eigenständigkeit ist das eigentliche Prinzip dieses Hauses. Das Konzept ist zumindest im Kreis Heinsberg bisher einzigartig.“

Eine der neuen Mieterinnen ist auch Brigitte Fochler. Mit 67 Jahren, von denen sie 54 Jahre in der Gangelter Einrichtung verbracht hat, hat sie nun noch einmal einen Neuanfang gewagt. „Ich wollte mal was Neues ausprobieren“, gibt sich Brigitte optimistisch. „Ich war lange in der Landwirtschaft tätig und habe da richtig viel gearbeitet, wenn es sein musste, auch nachts.“ Als Brigitte Asthma bekam, musste sie die Stelle wechseln und arbeitete dann stundenweise im Kindergarten als „Hausmütterchen“; wie sie selbst sagt. „Die Kinder werde ich hier schon vermissen. Aber ich freue mich jetzt auch auf etwas Neues. Einige meiner alten Betreuer meinten, ich wäre mit einer eigenen Wohnung überfordert. Aber ich habe für meinen Wunsch gekämpft und werde beweisen, dass ich es schaffe.“ Sorgen um ihre langjährigen Freundschaften in Gangelt macht sie sich nicht. „Ich bin ja nicht aus der Welt.“

Brigitte freut sich am meisten auf die viele Zeit für sich alleine. „Ich stricke gerne und liebe Puzzlespiele. Dafür habe ich jetzt Ruhe. Und es ist toll, einen eigenen Kühlschrank zu haben.“ In Brigittes Kühlschrank stehen derzeit vier Becher mit Pudding, und es gibt eine Süßigkeitenschublade. „Und niemand isst mir etwas weg.“

Brigitte Foschler ist mit 67 Jahren eine der ältesten Bewohnerinnen in Boscheln. Fast ihr ganzes Leben hat sie in der Gangelter Einrichtung verbracht. Nun wagt sie den Neuanfang. Foto: ZVA/Simone Thelen

Für das neue Jahr hat sich Brigitte einiges vorgenommen: „Ich möchte gerne noch einmal nach Mallorca reisen“, sagt sie, und ihr Blick beweist, wie groß dieser Wunsch tatsächlich ist. „Mal sehen, vielleicht machen wir das“, sagt Markus Birmanns. „Wir werden sehen, wieviel Geld die Bewohner sparen können. Denn auch dafür sind sie natürlich selbst verantwortlich. Und dann planen wir auch gemeinsame Freizeitaktivitäten, eine Reise wäre natürlich auch möglich.“

Nicht nur die Mieter, auch die Mitarbeiter der neuen, alten Schule mussten sich für dieses Projekt bewerben. Birmanns: „Jeder ist auf eigene Initiative hin hierhergekommen. Darum sind auch alle hoch motiviert. Wir haben im Vorfeld schon einiges gemeinsam gemacht, haben eingerichtet, dekoriert und sind schnell zu einem Team geworden. Darum sind auch ein ganz besonderer Spirit und eine neue Art des Miteinanders spürbar.“

Diesen Spirit möchten Mieter und Mitarbeiter übrigens auch nach draußen tragen. Martina Flügel: „Dieses Haus wünscht sich natürlich auch eine gute Nachbarschaft. Darum laden wir auch die Menschen der Umgebung ein, uns kennenzulernen.“ Demnächst wird in der alten Schule noch eine Begegnungsstätte mit Café eröffnet, um mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen, „Leben im Quartier eben“, so Flügel.

Auf dieses Leben freut sich natürlich auch schon Malte Simon. „Bevor ich zur ViaNobis kam, war ich auch schon in anderen Einrichtungen. Aber da bin ich überhaupt nicht zurechtgekommen.“ Vielleicht ist es auch so, dass die Einrichtungen nicht mit ihm zurechtgekommen sind, denn Malte Simon ist kein Mensch, der sich einfach „verwahren“ lässt. „Ich bin relativ fit und selbstständig. Und ich weiß genau was ich will und was ich nicht will. Und das sage ich dann auch.“ Maltes Hartnäckigkeit, die sicher auch schon einmal anstengend sein kann, hat ihn bei der ViaNobis zu einem geschätzten Mitglied im Bewohnerbeirat gemacht. „Einen solchen Beirat möchte ich auch gerne in Boscheln gründen“, sagt Malte, dem schon viele Dinge aufgefallen sind, die es anzupacken gilt. „Es macht mir Freude, mich für andere einzusetzen.“

Pause muss sein. Malte Simon und Einrichtungsleiter Markus Birmanns nutzen den Kicker im Hausflur für eine kurze Anlenkung vom Umzugsstress. Foto: ZVA/Simone Thelen

Darum hat sich Malte auch keine Angst für 2019, im Gegenteil, er hat sich schon einiges vorgenommen. „Ich hatte schon ein Vorstellungsgespräch bei Prospex in Niederheid. Ich hoffe, dass ich da einsteigen kann. Und natürlich möchte ich hier gut ankommen, mich einleben und viel lernen.“ Für seine Freizeit hat Malte auch schon einen Wunsch für 2019: „Ich möchte in einen Karnevalsverein eintreten.“

Das Wohnprojekt in der Alten Schule Boscheln geht auf die Initiative eines Privatinvestors, der Familie Depta aus Heinsberg zurück. „Die Familie hat Anfang 2018 begonnen, dieses Gebäude umzubauen“, erklärt Markus Birmanns. „Die Familie hat die 23 Wohnungen nun an die Klienten vermietet, Via Nobis mietet die Gemeinschaftsräume. Zum Einzug hat die Familie Depta sogar für alle Bewohner ein Weihnachtsgeschenk vorbeigebracht.“ Die neuen Mieter - Menschen mit einer geistigen oder psychischen Beeinträchtigung - schätzen die gute Infrastruktur mit Nahversorgung und Naherholung und auch die gute Busanbindung. Für die medizinische und pflegerische Versorgung sorgt ein ambulanter Pflegedienst.