Übach-Palenberg: Türkisch-Islamischer Kulturverein verteidigt Erdogans Politik

Übach-Palenberg: Türkisch-Islamischer Kulturverein verteidigt Erdogans Politik

Viel Schlaf gab es für Hüseyin Salin in der Nacht vom vergangenen Sonntag auf Montag nicht. Es war gegen 5 Uhr in der Früh, als der 57-Jährige seinen Fernseher ausschaltete und sich auf den Weg in sein Bett machte. Im Normalfall schlägt sich Hüseyin Salin nicht die halbe Nacht um die Ohren. „Aber diese Nacht war keine normale“, sagt er.

Das war sie in der Tat nicht. Nicht für die Türkei und erst Recht nicht für den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayycip Erdogan. Mit einem bemerkenswerten Ergebnis von mehr als 45 Prozent der landesweiten Stimmen hat Istanbuls Bürgermeister trotz der im Vorfeld entstandenen heftigen Kritik an ihn einen fulminanten Sieg bei den türkischen Kommunalwahlen eingefahren, den außerhalb der Türkei keiner so richtig erwartet hatte.

Keiner, außer Hüseyin Salin, könnte man überspitzt behaupten. Denn der Sprecher des Türkisch-Islamischen Kulturvereins Übach-Palenberg zeigt sich auch einige Tage später nach dem endgültigen Wahlergebnis alles andere als überrascht. „Viele Hochrechnungen aus der Türkei haben ein ähnliches Ergebnis vorausgesagt. Außerhalb der Türkei wollte man davon aber nur wenig wissen“, sagt er.

Twitter-Verbot

Als Anhänger Erdogans religiös-demokratischer Partei AKP sieht sich Hüseyin Salin nicht — im Gegenteil: Der seit 47 Jahren in Deutschland lebende Deutsch-Türke, der in Ankara geboren wurde und als Zehnjähriger nach Deutschland kam, ist seit 1998 Mitglied der SPD und engagiert sich seitdem ehrenamtlich in Übach-Palenberg. Doch mit der deutschen Berichterstattung über die politischen Ereignisse rund um den Bosporus geht Salin hart ins Gericht. „Seriöse Berichterstattung sieht anders aus“, lautet sein Urteil. „Was in den deutschen Medien berichtet wird, gleicht einer Kampagne gegen Erdogan.“

Verbot der Internetdienste Twitter und Youtube sowie Korruptionsskandale im Vorfeld der Wahlen: Dass Salin angesichts solcher Meldungen mit großer Überzeugung gar von einer Propaganda ausländischer Medien spricht, überrascht den Außenstehenden ebenso wie die Tatsache, dass Erdogan beim überwiegenden Teil der in und außerhalb der Türkei lebenden Türken kaum zur Diskussion steht.

Die Formulierung der eingeschränkten Meinungsfreiheit in der Türkei nimmt Salin erst gar nicht in den Mund. Viel mehr fordert er einen detaillierteren Blick auf die Hintergründe, die etwa zum Twitter-Verbot geführt haben. „Fakt ist, dass Twitter in der Türkei zuletzt mehrfach als Plattform diente, die Persönlichkeitsrechte einiger türkischer Bürger zu missachten.

Immer häufiger wurden Personen aus Politik und Justiz Opfer unbekannter Täter, die mit gefälschten Profilen diese Personen öffentlich diskreditierten“, behauptet er. „Twitter hat auf zahlreiche Anfragen und Bitten, diverse Nutzerprofile zu löschen, nicht reagiert. Der Internetdienst wurde in erster Linie abgeschaltet, um die Persönlichkeitsrechte türkischer Bürger zu schützen“, fügt er hinzu.

Auch die Korruptionsskandale bewertet der Sprecher des Türkisch-Islamischen Kulturvereins aus Übach-Palenberg als Stimmungsmache der Opposition, für die es lediglich unzureichende Belege gebe.

EU-Beitritt

Mit seiner Ansicht ist Hüseyin Salin nicht alleine. Gemeinsam mit einigen Mitgliedern des Kulturvereins sitzt er an diesem sonnigen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen in gemütlicher Runde in seinem Garten in Übach-Palenberg.

Auch Murat Ögutcü kann die europaweite Kritik am türkischen Ministerpräsidenten nicht teilen. „So sehr Erdogan etwa in Deutschland kritisiert wird, so sehr liebt ihn die türkische Bevölkerung. Er hat in den vergangenen Jahren für mehr Toleranz, Gerechtigkeit und stabiles Wachstum gesorgt, als je ein Ministerpräsident vor ihm. Das Wahlergebnis ist daher ein Dank der Türken für seine Politik“, betont er.

Ebenso gelassen, wie die Mitglieder des Kulturvereins die andauernde Kritik an Erdogan zur Kenntnis nehmen, sehen sie auch den Beitritt der Türkei in die EU. Als deutliche Entfernung von Brüssel bewerten Experten aus Politik und Wirtschaft Erdogans Politik. „Doch wenn man ehrlich ist, erscheint die EU derzeit auch nicht wirklich interessant für die Türkei“, sagt Salin. „Würde man die türkische Bevölkerung über einen EU-Beitritt abstimmen lassen, würde nur die Minderheit einen Beitritt befürworten“, vermutet er.

Fest steht , dass der türkische Ministerpräsident die Massen polarisiert. Im August wird es für Erdogan bei den Präsidentschaftswahlen zu einem erneuten Stimmungstest kommen. Ob es dann wieder ein derart klares Wahlergebnis wie bei den jüngsten Kommunalwahlen geben wird, bleibt abzuwarten.

Hüseyin Salin jedenfalls wird dann wieder gespannt vor dem Fernseher sitzen. Wenn nötig, sogar bis in die Morgenstunden.

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