Gangelt: Tholen: „Die Qualität des Bestehenden verbessern“

Gangelt: Tholen: „Die Qualität des Bestehenden verbessern“

Um Bernhard Tholen war es ziemlich ruhig im Wahlkampf. Streng genommen hat der Bürgermeister von Gangelt eigentlich gar keinen Wahlkampf betrieben. Unsere Redakteure Jan Mönch und Thorsten Pracht trafen den 56-Jährigen zum Interview.

Herr Tholen, Ihr Herausforderer Hein Gottfried Fischer hat so etwas wie einen „Guerilla-Wahlkampf“ geführt. Bei Ihnen ging es dagegen deutlich ruhiger zu. Reichen 17 Jahre als Bürgermeister als Werbung in eigener Sache?

Tholen: Das werden die Wähler am Sonntag entscheiden. Ich glaube, dass die Bürger in Gangelt nach den 17 Jahren wissen, was sie an mir haben. Und ich habe mich ja nun auch schon vier Mal der Wahl gestellt. Ich hoffe, dass es am Sonntag klappt und ich die nächsten sechs Jahre antreten kann.

Nach der letzten Wahl haben Sie gesagt: „Mit einem Gegenkandidaten hätte es noch mehr Spaß gemacht“. Sind Sie froh, dass jetzt jemand gegen Sie angetreten ist?

Tholen: Einen Wahlzettel, auf dem nur steht: „Tholen Ja oder Nein“ finde ich nicht so interessant. Bei der vorletzten Wahl hatte ich zwei Gegenkandidaten, das war eine interessante Herausforderung, sich darzustellen, zu erklären, wo man sich von den anderen Kandidaten abhebt, welche Ziele man hat. Ganz allein unterwegs zu sein, hat mir nicht gefallen. Jetzt habe ich einen Einzelbewerber als Gegenkandidaten, ich hätte mir lieber einen von den anderen Parteien gewünscht. Wobei es für mich auch ein Zeichen ist, dass meine Arbeit nicht ganz schlecht war, wenn die anderen Parteien keinen Kandidaten aufstellen.

Gangelt ist schuldenfrei, die Gemeinde steht gut da. Gibt es dennoch etwas, das Ihnen Kopfzerbrechen bereitet?

Tholen: Wir haben versucht, die Gemeinde ganzheitlich weiterzuentwickeln, dazu gehören natürlich solide Finanzen. Wir haben im Schnitt in den letzten vier Jahren einen ausgeglichenen Haushalt hinbekommen, das Jahr 2013 wird ähnlich strukturiert sein. Wir haben sehr viel in das dörfliche Leben investiert, haben versucht, die Gebühren stabil zu halten. Ich denke, die Gemeinde ist insgesamt sehr gut aufgestellt. Ich bin aber auch überzeugt, dass die Zeiten noch schwieriger werden können.

In welcher Hinsicht?

Tholen: Im nächsten Jahr wird es nach meiner Auffassung losgehen, wenn das Land die Schuldenbremse einhalten muss und wenn die Ausgleichsrücklage des Kreises erschöpft ist und er eine höhere Umlage von den Kommunen erheben muss. Wir müssen dann aufpassen, dass wir uns auch in der Zukunft in sicherem Fahrwasser bewegen. Es gibt keinen Grund zu sagen, uns kann nichts passieren, auch wenn wir derzeit keine krassen Probleme haben.

Bei Kommunen vergleichbarer Größe lauten die Probleme oft: Nahversorgung, Infrastruktur, Schulen und demografischer Wandel. Welche Rolle spielen diese Stichworte?

Tholen: Wir haben mit dem Selfkant gemeinsam die neue Gesamtschule auf den Weg gebracht. Uns war wichtig, dass jeder Schüler hier in der Region alle Schulformen bis zum Abitur vorfindet. Allein hätten wir das wohl nicht geschafft, denn auch bei uns sind die Schülerzahlen rückläufig. Die Quote von Sterbefällen zu Geburten liegt bei 130 zu 80. Wir leben davon, dass neue Bürger in unsere Orte ziehen, sonst würde unsere Bevölkerung bereits abnehmen. Also müssen wir als Wohnort attraktiv bleiben. Wir haben mit dem Glasfaserausbau alle 19 Ortsteile angebunden, die Zahl der Arbeitsplätze in der Gemeinde hat sich erhöht, im Gewerbepark Gangelt sind fast alle Flächen verkauft.

Wie sehen Sie die Lage bei der örtlichen Geschäftswelt?

Tholen: Wir werden keinen Tante-Emma-Laden mehr aktivieren, der zugemacht hat. Man muss realistisch sein, dass man die alten Zeiten nicht zurückholen kann. In Birgden existieren noch sehr viele solcher kleineren Geschäfte, der Aktionskreis ist unheimlich aktiv und startet viele Initiativen. In Gangelt ist die Aktivität der Gewerbegemeinschaft leider stark zurückgegangen. Wir arbeiten daran, das wieder zu aktivieren.

Ohne Zweifel bedeutet die Fertigstellung der B56n im kommenden Jahr einen wichtigen Schritt. Welche Effekte erwarten Sie?

Tholen: Erstmal hoffe ich, dass sie nächstes Jahr wirklich fertig wird… Ich rechne durchaus mit positiven Impulsen, deshalb sind wir auch dabei, in Gangelt ein neues Gewerbegebiet aufzulegen. Einer der wichtigsten Aspekte ist sicher, dass Gangelt und Birgden beim Verkehr entlastet werden. Hier in Gangelt können wir dann die Sittarder Straße endlich umbauen, die Ideen dafür sind da.

In unserer Redaktion melden sich Gangelter Bürger, die sich anwaltlich vertreten lassen, weil beim Glasfaserausbau Schäden entstanden sind, etwa zerstörtes Pflaster auf Einfahrten. Was raten Sie?

Tholen: Jedem Bürger dieser Gemeinde, der ein Problem hat, versuchen wir zu helfen. Für uns war es zunächst unheimlich wichtig, für alle eine gute Internetverbindung zu schaffen — ich weiß, wie schlecht sie in manchen Ortsteilen war. Dafür war der Glasfaserausbau Gold wert. Natürlich hat es während des Ausbaus Probleme gegeben, und es wird jetzt beim Anschließen auch noch Probleme geben. Ich bekomme da fast täglich E-Mails von Bürgern. Auch bei mir zu Hause hat das Portieren der Nummer nicht geklappt. Wenn man eine so große Sache angeht, dann sind das Dinge, mit denen man leben muss. Aber man muss sie natürlich lösen. Wir geben die Probleme der Leute weiter, gleichzeitig bitte ich um etwas Geduld.

Gangelt und Waldfeucht sind aus der Leader-Region ausgestiegen. Was waren die Gründe dafür?

Tholen: Leader war ein Fünfjahresprogramm, bei dem die Bürger sich einbringen konnten. Wir haben festgestellt, dass dieses Projekt sehr viel Verwaltungsaufwand mit sich brachte. Am Ende sind 600.000 Euro der Fördersumme von einer Million Euro in Dorfgemeinschaftshäuser in der Gemeinde Selfkant geflossen. In dem Bereich hatten wir keinen Bedarf, da unsere Orte fast komplett ausgestattet sind. Ich hatte das Gefühl, dass für die nächste Förderperiode bei uns nicht mehr genug Input vorhanden war. Dorferneuerung werden wir aber in begrenztem Maße weiter betreiben. Wir arbeiten so, dass wir die Materialkosten bereitstellen und die Vereine in Eigenregie die Arbeit übernehmen. Da ist oft mit ganz wenig Mitteln sehr viel entstanden.

Soll es in Sachen Tourismus neue Kooperationen geben oder agiert Gangelt jetzt auf eigene Faust?

Tholen: Wir werden auch in Zukunft versuchen, die eine oder andere touristische Geschichte auf den Weg zu bringen. Die Ausrichtung ist aber nicht, fünf Sachen dazuzubekommen, sondern für die bestehenden Angebote ein gutes Umfeld zu schaffen: gute Gastronomie, vernünftige Radwege oder die Möglichkeit sein E-Bike aufzuladen. Heute ist es schwierig, Millionen in ein neues Highlight zu stecken. Da ist es besser, die Qualität des Bestehenden zu verbessern.

Wenn es in der Politik kritische Stimmen gibt, dann betreffen sie oft das Miteinander über Parteigrenzen hinaus. Das übliche Klagen der Opposition oder sehen Sie Ansätze für mehr Zusammenarbeit?

Tholen: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle vier Parteien im Rat immer gleich behandelt haben. Und wir haben fast immer einstimmige Beschlüsse gehabt. Das ist für mich ein Indiz dafür, dass wir immer alle mitgenommen haben. Und wenn die Parteienvielfalt nach der Wahl größer wird, werden wir das auch weiterhin versuchen.

Gibt es ein konkretes Projekt, dass Sie gerne noch umsetzen würden?

Tholen: Da bleibe ich bei meiner Ausrichtung: Es wird schwierig genug werden, diesen Weg der ganzheitlichen Entwicklung weiterzugehen. Wir haben eine sympathische Gemeinde mit dörflichen Strukturen. Und wir werden unsere ganze Kraft benötigen, um diese Strukturen zu erhalten.

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